BenQ-Pleite Siemens will Mitarbeitern helfen


Der massive Druck auf das Unternehmen zeigt erste Resultate: Siemens plant offenbar den 3000 von der Arbeitslosigkeit bedrohten BenQ-Beschäftigten zu helfen. Wie die Hilfe im Detail aussieht, lässt man jedoch noch offen.

Siemens will den 3000 von der Arbeitslosigkeit bedrohten Beschäftigten seiner Pleite gegangenen einstigen Handysparte unter die Arme greifen.

"Wir sind wirklich betroffen von der Entwicklung und wollen uns jetzt darauf konzentrieren, wie wir die deutschen BenQ-Mobile-Beschäftigten unterstützen können", sagte ein Siemens-Sprecher. Wie genau diese Unterstützung aussehen werde, ließ der Sprecher allerdings offen. Allerdings würden BenQ-Mitarbeiter, die bereits vor der Übergabe an die Asiaten bei Siemens waren, bei einer Bewerbung im Konzern ohnehin bevorzugt, sagte der Siemens-Sprecher. "Wir werden sie wie interne Bewerber behandelt, wenn sie sich auf eine unserer 2000 offenen Stellen in Deutschland bewerben."

Aus der Politik kamen weitere Stimmen, die Siemens für die Ex-Mitarbeiter in die Verantwortung nahmen. So sagte SPD-Chef Kurt Beck am Wochenende in Berlin, es müssten Wege gesucht werden, um das Insolvenzverfahren in geordnete Bahnen zu lenken und "möglichst viele Arbeitsplätze zu retten". Siemens-Chef Klaus Kleinfeld habe ihm zugesichert, er prüfe, ob Siemens BenQ-Mitarbeiter übernehmen könne. "Siemens hat für die Mitarbeiter weiterhin Verantwortung", sagte Beck. Er forderte Finanzhilfen für die von der Entlassung Bedrohten.

Aufruf zur Hilfe

Der Chef der insolventen ehemaligen Siemens-Handysparte hat indes die Bundesregierung und die Verbraucher um Hilfe im Kampf um die 3000 gefährdeten Arbeitsplätze gebeten.

"Alle Erlöse kommen unmittelbar den Mitarbeitern zugute"

BenQ-Mobile-Geschäftsführer Clemens Joos forderte die Regierungen in Berlin und München auf, das direkte Gespräch mit ihm und dem Insolvenzverwalter zu suchen. Konsumenten und die großen Telekommunikationsunternehmen sollten zudem mit dem Kauf von BenQ-Modellen zur Rettung der deutschen Jobs beizutragen. "Alle Erlöse kommen unmittelbar der Firma und damit den Mitarbeitern zugute", sagte Joos am Samstag in München. „Es sind wettbewerbsfähige Geräte made in Germany auf dem Markt“, warb er. "Kein Cent der Erlöse wird den Weg zu Siemens oder der BenQ Corp. in Taiwan finden", ergänzte ein Sprecher.

Es hätten sich bereits erste Interessenten für das Unternehmen bei ihm gemeldet. "Ich bin bereits von Leuten angesprochen worden, die mit uns Gespräche führen wollen über eine mögliche Zukunft." BenQ-Mobile-Chef Joos erklärte, das angeschlagene Unternehmen habe durchaus Chancen: "Ich würde sagen, wir sind zu 70 Prozent mit der Restrukturierung durch."

Der zweitgrößte Handyhersteller der Welt, der US-Konzern Motorola, hat allerdings bereits abgewunken. "Wir haben keinerlei Interesse an den Produktionsstätten von BenQ", sagte Motorola-Deutschland-Chef Norber Quinkert dem Magazin "Focus".

"Wir haben drei Monate Insolvenzgeld"

Insolvenzverwalter Martin Prager will die Handyproduktion der deutschen BenQ mobile zumindest bis zum Jahresende aufrechterhalten. "Wir haben drei Monate Insolvenzgeld", sagte Prager am Samstag in München. "Die Voraussetzungen sind gut, dass wir weiter produzieren können. Aber das Unternehmen muss ab 1. Januar profitabel sein, sonst kann es der Insolvenzverwalter nicht fortführen."

"Wir sind zu 70 Prozent durch die Restrukturierung durch"

Ob die Rettung des Unternehmens mit 3.000 Mitarbeitern in Nordrhein-Westfalen und München möglich sei, sei völlig offen. Der Vorstandschef der insolventen Firma, Clemens Joos, sagte auf einer gemeinsamen Pressekonferenz: "Wir sind zu 70 Prozent durch die Restrukturierung durch. Wir haben inzwischen eine sehr wettbewerbsfähige Produktsparte. Die gesamte Belegschaft hatte sich darauf gefreut, jetzt im Weihnachtsgeschäft die Früchte zu ernten." Dass der Mutterkonzern BenQ Corporation in Taiwan jetzt entgegen der Zusagen die Zahlungen eingestellt habe, habe auch ihn völlig überrascht. Joos rief die Bundes- und Landesregierungen zu Gesprächen auf, "um die 3.000 Mitarbeiter zu schützen". Es sei noch sehr viel Know-how und Kapital im Unternehmen, sagte Joos.

Wie viel Verlust es derzeit schreibe, wollte er nicht sagen. Eine Million Euro täglich sei "eine alte Zahl - wir reden nicht mehr über die gesamte Gruppe". Prager sagte, die deutsche BenQ mobile habe wenig Schulden. "Die Patentsituation ist verworren. Aber es ist nicht so, dass alles nur ausschließlich bei BenQ Corporation ist."

Paket- oder Teilverkauf

Der Mutterkonzern habe nach der Übernahme der Handysparte von Siemens angefangen, Patente in einer Tochter zu bündeln, nach Problemen mit den Patenämtern seien Patente dann auf die taiwanesische und die deutsche Firma angemeldet worden und seit vier Monaten nur noch auf die deutsche BenQ mobile. Ob das insolvente Unternehmen unter diesen Umständen gerettet werden könne, "darauf habe ich noch keine Antwort", sagte Prager. Er mache jetzt erst einmal eine Bestandsaufnahme und sorge dafür, "dass nichts mehr rausgeht, was nicht rausgehen soll". Eine Insolvenz sei nicht das Ende eines Unternehmens, er habe schon eine ganze Reihe von Unternehmen fortführen, restrukturieren und verkaufen können: "Ich werde das auch bei BenQ versuchen."

Joos verteidigt Siemens

Joos sagte, bei einem Verkauf zwecks Fortführung könne er sich auch Teillösungen vorstellen. Die Servicegesellschaften und andere Teile seien sehr stark. Prager will allerdings zunächst versuchen, das Unternehmen als Paket zu verkaufen: "Für den Insolvenzverwalter ist eine Gesamtlösung ideal. Wir brauchen einen Käufer, der sich zutraut, das weiterzuführen." Joos verteidigte Siemens gegen den Vorwurf der Gewerkschaften, die Handysparte mit dem Verkauf an BenQ kaltblütig ans Messer geliefert zu haben. "Ich weiß, dass Siemens damals befürchtet hat, dass das passiert, was jetzt passiert ist - und das war nicht gewünscht!" sagte Joos. Prager sagte, ob es Ansprüche gegenüber Siemens gebe, beschäftige ihn nicht: "Das ist bei mir nicht auf dem Radar."

Glos kritisiert Siemens scharf

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos hat Siemens wegen der Insolvenz seiner früheren Handysparte scharf kritisiert. "Ich kann die Wut und die Enttäuschung der Mitarbeiter gut verstehen. Was Nokia geschafft hat, hätte Siemens auch schaffen müssen. Ich bin von den unternehmerischen Leistungen dort enttäuscht", sagte der CSU-Politiker der "Bild am Sonntag".

Zahlungsunfähigkeit offiziell angezeigt

Der neue Eigentümer des Siemens-Handygeschäfts, BenQ Mobile, hatte gestern seine Zahlungsunfähigkeit offiziell angezeigt. Durch die Insolvenz sind in Deutschland 3000 Arbeitsplätze akut bedroht. Die Pleite hat bei Beschäftigten, Gewerkschaften und Politikern eine Welle der Empörung ausgelöst. Siemens hatte die Handysparte vor rund einem Jahr an den taiwanesischen Konzern BenQ abgegeben.

AP/Reuters AP Reuters

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