Bevölkerungsschwund Verwelkende Landschaften


Blühende Landschaften oder verwelkte Ödnis - wie sieht Europa in einigen Jahren aus? Eine neue Studie hat die Regionen des Kontinents untersucht und eine Rangliste der Ecken mit und ohne Zukunft erstellt. Danach ist und bleibt Ostdeutschland die Krisenregion Europas.
Von Niels Kruse

Im Jahr 2030 könnte Deutschland ziemlich alt aussehen: Große Teile der Bevölkerung sind jenseits der 50 und gearbeitet wird ohnehin bis 70. Die, die danach in Rente gehen, bekommen einen Einheitsbetrag in Höhe von dann wohl läppischen 560 Euro. Wer nichts auf der hohen Kante hat, vegetiert mit Horden anderer Senioren in spartanischen Notunterkünften. Die Krankenkassen halten sich mit der Übernahme der Gesundheitskosten vornehm zurück. Und die schwächsten der Alten entleiben sich in Massen selbst, um ihren Kindern nicht länger zur Last zu fallen. Dieses düstere Szenario hatte das ZDF vor einiger Zeit in dem Dreiteiler "2030 - Aufstand der Alten" gezeichnet - um das Problem der drohenden Überalterung mit Hilfe eines "Demografie-Krimis" einmal plastisch darzustellen.

Als der alte Adenauer vor 50 Jahren einmal den lapidaren Satz formulierte: "Ach, Kinder bekommen die Leute immer", hatte ihm damals niemals widersprochen. Und es stimmt ja auch, die Menschen setzten tatsächlich immer noch Nachwuchs in die Welt, nur leider längst nicht soviel wie es der erste Bundeskanzler gedacht hatte und die Sozialsysteme nötig hätten. Zwar kommt nun die Nachricht, dass hierzulande erstmals seit 2004 wieder mehr Kinder geboren wurden als im Jahr zuvor. Damit ist der Untergang vielleicht nicht aufgehoben, aber zumindest ein wenig aufgeschoben.

Deutschland wird schrumpfen

Womit das grundsätzliche Problem bestehen bleibt: Deutschland wird schrumpfen. Zusammen mit Rumänien und der Ukraine steht es sogar an der Spitze der europäischen Schrumpfländer. Schätzungen zufolge sei ein Rückgang um 7,7 Millionen Einwohner bis 2050 am wahrscheinlichsten - so das Statistische Bundesamt. Dann würde, so das Schreckensszenario, jedes Jahr die Bevölkerung einer Stadt von der Größe Bielefelds verschwinden. Einfach so.

Das Berlin-Institut hat nun untersucht, wie sich die verändernde Gesellschaft auf die Zukunft Europas auswirkt, welche Regionen schon jetzt verwelken und welche auch in Jahren oder Jahrzehnten noch blühen und gedeihen. Denn die aufkeimenden Probleme Deutschlands betreffen den gesamten Kontinent - mehr oder weniger stark. Laut den Vereinten Nationen zumindest verliert Europa in den nächsten 43 Jahren 50 Millionen Bewohner, was einem Minus von rund acht Prozent entspricht. Damit setzt hier eine Entwicklung ein, die dem Rest der Welt ebenfalls bevorsteht - wenn auch erst in ferner Zukunft: Überalterung der Gesellschaft, Nachwuchsmangel in der Wirtschaft, Belastung der Sozialsysteme, Ein- und Auswanderungswellen quer über den Kontinent.

Besonders hart trifft der Schrumpfprozess den Osten, der auch vor Berlin nicht Halt macht. Die deutsche Hauptstadt stagniert wie keine andere in Europa und liegt deutlich abgeschlagen hinter vergleichbaren Metropolen zurück, so das Ergebnis der Studie mit dem Namen "Die demografische Zukunft von Europas Regionen". Wirtschaftliches Wachstum ist zwischen 2000 und 2005 praktisch ausgeblieben, außerdem schrumpft die Bevölkerung stetig. Dazu kommen ganze Stadtteile, deren Bewohner kein anderes Einkommen als die Sozialhilfe kennen. Von insgesamt 285 untersuchten Regionen belegt die Hauptstadt gerade einmal Platz 168 - weit hinter Ecken wie der Oberpfalz, dem Weser-Ems-Gebiet oder Bremen.

Tiefer im Osten sieht es noch ärger aus: "Die Uckermark, Lausitz, Priegnitz, Vorpommern und Teile Sachsen-Anhalts werden leer laufen", sagt Reiner Klingholz, Chef des Berlin-Instituts und Mitautor der Studie. Beispiel Dessau: Mit der Wende ist die Industrie fast vollständig aus der Bauhaus-Stadt verschwunden, und das bisschen, was nachkam, konnte nicht annähernd so viele Menschen ernähren wie noch zu Zeiten der DDR. Seitdem hat Dessau ein Viertel seiner Bevölkerung verloren, 64 Prozent der erwerblosen Bewohner waren 2005 Langzeitarbeitslose, die Wirtschaftsleistung pro Einwohner zählt zur niedrigsten im ganzen Land.

Ostdeutschland bleibt die Krisenregion Europas

Auch wenn nicht überall Dessauer Tristesse herrscht, werden die neuen Bundesländer noch auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinaus die Krisenregion des Kontinents bleiben, so eines der vielen Ergebnisse der Analyse. Denn auch hier dreht sich die klassische Rückentwicklungsspirale: Zu viele Menschen kehren den Regionen zwischen Schwerin und Chemnitz den Rücken, vor allem junge und gebildete Frauen zieht es in den Westen. Ohne sie kommen weniger Kinder zur Welt, und zurück bleiben schlecht ausgebildete und unflexible Männer, ohne Kaufkraft und Chance auf Arbeit. Investitionen bleiben aus, die Stadtkassen pfeifen auf dem letzten Loch - ganze Landstriche veröden.

Das gleiche Bild noch weiter östlich - vor allem in einigen ländlichen Teilen Polens und Griechenlands sowie in Rumänien und Bulgarien. Das Balkanland, wirtschaftliches Schlusslicht der EU, droht außerdem zu einer Greisenrepublik zu werden, schlimmer noch als Deutschland. Starke Abwanderung und Kinderlosigkeit gehören zu den Gründen. Dazu gilt das Land als äußerst korrupt. Ändert sich nichts Grundlegendes, wird im Jahr 2050 mehr als ein Drittel der Bevölkerung 50 Jahre und älter sein. Auf den letzten 50 Plätzen der Rangliste liegen vor allem Regionen in Bulgarien und Rumänien. Und übrigens auch Sachsen-Anhalt. Auf Platz 241.

Doch dabei kann Europa mehr, glaubt Autor Reiner Klingholz. Beispiel Bildung - seiner Ansicht nach einer der Schlüssel für Wachstum und Wohlstand. In Norwegen etwa sind Studiengebühren unbekannt und das Studium wird per zinzlosem Kredit vorfinanziert. Dazu gibt es Unterhaltszahlungen, die höher ausfallen, wenn die Stundenten bei den Eltern ausziehen. Die künftigen Akademiker lernten so "schnell Verantwortung zu übernehmen und sie verhalten sich selbstständiger", so Klingholz. Das, so die Studie, führe auch zu einer höheren Geburtenrate. "Das späte Abnabeln von den Eltern, wie etwa in Italien, zählt zu den Gründen für niedrige Kinderzahlen", heißt es in der Analyse.

Kinderbetreuung in Frankreich vorbildlich

Frankreich wird als positives Beispiel für hervorragende Kinderbetreuung und Eltern-Unterstützung angeführt: Rund 25 staatliche Programme sorgen dafür, dass Nachwuchs für Franzosen nicht zur Belastung wird. So müssen Eltern mit drei oder mehr Kindern praktisch keine Einkommenssteuer zahlen, die Kleinen werden in Ganztagsschulen, Vorschulen und Krippen betreut. Positiver Effekt: Mütter können (weiter-)arbeiten; staatliche Haushaltshilfen unterstützen Familien zusätzlich. Unser westlicher Nachbar hat mit zwei Kindern pro Frau einer der höchsten Geburtenraten Europas. Damit, so die Untersuchung, bestätige sich der Trend, dass gerade in europäischen Ländern, in denen viele Mütter berufstätig sind, viele Kinder geboren werden.

Ähnlich fruchtbar ist auch Island, "das wohl modernste Land der Welt", wie Klingholz sagt. Die Spitzenreiterregion in der Studie hat europaweit die höchste Geburtenrate (2,1 Kinder pro Isländerin), gibt am meisten für Bildung aus (8,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, Deutschland 5,2 Prozent) die Arbeitslosigkeit geht gegen null und nirgendwo ist die Altersbeschäftigung höher als in dem Inselstaat. Wie sich am Beispiel Island zeigt, können viele Alte einer Wirtschaft auch gut tun: Laut Klingholz sorgt ein Senior, wegen des üblicherweise guten Einkommens, für 1,5 weitere Arbeitsplätze. Das wiederum zieht weitere Jobs und höhere Löhne für alle mit sich. Die andere Seite der Medaille: Isländer arbeiten im Schnitt 48 Stunden die Woche und gehen erst mit 66 Jahren in Rente.

Vom Teufel und dem Haufen

Die 260-Seiten-Lektüre zeigt auch, dass das alte Sprichwort von dem Teufel und dem Haufen ziemlich genau auf die Entwicklung Europas trifft. Die besten Chancen, auch in Zukunft zu prosperieren, die Regionen haben, die schon jetzt weit vorne liegen: Süddeutschland, Schweiz, der Großraum London, Norddänemark und der Süden Schwedens, Norwegens und Finnlands. Der Westen eher als der Osten, der Norden eher als der Süden. Untersucht wurden die Regionen anhand von 24 Kategorien: darunter Altersverteilung, Geburtenrate, Bildungsniveau, Wirtschaftskraft, aber auch Umweltbedingungen und die Erwerbstätigkeit von Frauen. "Die gute Nachricht ist: Es gibt für fast alle Probleme auch irgendwo eine Lösung in Europa", sagt Studienautor Klingholz. Die Politik müsse nur suchen und sich trauen, gute Ideen auch mal zu klauen, "statt immer die Welt neu erfinden zu wollen".


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