Börse Panik an der Wall Street

Hiobsbotschaft aus den USA: Der amerikanische Leitindex Dow Jones hat im Handelsverlauf zwischenzeitlich mehr als 800 Punkte verloren - so viel wie nie zuvor an einem Tag. Der bekannteste Börsenindex der Welt konnte zwar einen Teil der Verluste wieder wettmachen, schloss aber unter der wichtigen Marke von 10.000 Punkten. Dem deutschen Aktienmarkt droht damit ein weiterer stürmischer Handelstag.

Trotz aller fieberhaften Rettungsbemühungen für kollabierende Banken ist es in den USA erneut zu dramatischen Kursstürzen gekommen. Der Dow-Jones-Index an der New Yorker Börse verlor im Handelsverlauf mehr als 800 Punkte - so viel wie nie zuvor an einem einzigen Tag. Der bisherige Negativrekord war vor genau einer Woche mit einem Minus von 778 Punkten aufgestellt worden. Bis zum Handelsschluss konnte der bekannteste Börsenindex der Welt einen Teil seiner Verluste aber wieder aufholen. Der Index schloss mit rund 350 Punkten im Minus bei 9971 Zählern. Er lag damit erstmals seit vier Jahren unter der psychologisch wichtigen 10.000-Punkte-Marke.

Zuvor hatten bereits die Aktienmärkte in Asien und Europa massive Einbußen verzeichnet. Der Dax schloss satte 7,1 Prozent schwächer bei 5387 Punkten und erreichte damit seinen tiefsten Stand seit Mitte 2006. Die schlechten Vorgaben aus den USA dürften die Kurse am Dienstag weiter unter Druck setzen.

"Die Angst, angesteckt zu werden, wird täglich größer, deshalb fallen die Kurse", sagte Peter Cardillo von Avalon Partners. "Wir sehen keine signifikante Verbesserung bei den Kosten, zu denen sich Banken gegenseitig Geld leihen. Das heißt, der Kreditmarkt ist weiter blockiert." Händler fürchteten, dass die anhaltende Finanzkrise auch die reale Wirtschaft immer stärker belastet. Der sinkende Ölpreis sei ein Zeichen für das Abkühlen der Weltwirtschaft, sagte Cardillo.

Angesichts der dramatischen Lage kündigte die US-Notenbank am Montagabend an, ihr Kreditprogramm für in Not geratene Banken auszuweiten. In verschiedenen Einzelmaßnahmen kann die Fed damit bis Jahresende insgesamt bis zu 900 Milliarden Dollar in den Geldmarkt pumpen. Die Fed will ferner künftig Zinsen für bei ihr eingelagerte Reserven der Handelsbanken zahlen. Damit sollen die Banken ermutigt werden, mehr Geldreserven bei der Notenbank zu belassen.

US-Präsident George W. Bush mahnte unterdessen zu Geduld. Es werde eine Zeitlang dauern, bis das am Freitag in Kraft getretene Rettungsprogramm für die Banken Wirkung zeige, sagte Bush in Texas. Das Gesetz sei aber ein "großer Schritt zur Lösung des Problems". Der Kongress hatte am Freitag ein 700 Milliarden Dollar schweres Paket verabschiedet, das es im Kern der Regierung ermöglichen soll, den Banken faule Hypothekenkredite abzukaufen. Das soll den praktisch eingefrorenen Kreditfluss wieder in Gang setzen.

"Es brennt an allen Ecken und Enden"

Um die Kurse an der Frankfurter Börse zu stimulieren, waren diese Meldungen allerdings zu spät gekommen. "Es brennt an allen Ecken und Enden", brachte es ein Börsianer auf den Punkt. Auf die Stimmung drückte insbesondere, dass der Bund und die deutsche Finanzbranche am Wochenende ein neues Rettungspaket für den Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) auflegen mussten. Neben den Finanzwerten warfen Anleger aus Angst vor einem Konjunkturabschwung vor allem Aktien von Industriekonzernen aus ihren Depots.

Die HRE benötigt noch mehr Unterstützung, als erst eine Woche zuvor vereinbart worden war. "Niemand weiß, wie groß das Loch bei der Hypo Real Estate ist, und niemand will in dieses Loch hinein investieren", sagte ein Börsianer. "Das Management hat das Vertrauen endgültig verspielt. Man kann bei der Hypo Real Estate nichts mehr berechnen", sagte Analystin Susanne Knips von der Dresdner Bank. Wie die Nachrichtenagentur Reuters aus Finanzkreisen erfuhr, wird HRE-Chef Georg Funke in den nächsten Tagen zurücktreten. Die Aktien des Münchener Konzerns stürzten um 36 Prozent auf 4,82 Euro ab.

Unterdessen kündigte Islands Regierung an, per Notstandsgesetz den Zusammenbruch des nationalen Bankensystems verhindern zu wollen. "Wir sind bereit, dafür die Kontrolle über die Banken zu übernehmen", erklärte Ministerpräsident Geir Haarde. Für den Fall des Kollaps' von einer oder allen Banken garantiert der Staat die Einlagen in unbegrenzter Höhe. Das Notstandsgesetz sollte noch am Montagabend verabschiedet werden.

Die Sorge um Folgen der Finanzmarktkrise hatte auch die Aktienbörse in Russland und Asien einbrechen lassen. In Russland waren die Kurse einmal mehr im freien Fall: Der Handel wurde wie schon mehrfach in der vergangenen Woche ausgesetzt. Der Micex-Index war zuvor mehr als 15 Prozent in die Tiefe gerutscht, der RTS sackte fast 14 Prozent ab. Der Ölpreis, das Rückgrat der russischen Wirtschaft, sank erneut: An der Börse in Singapur fiel der Preis für ein Barrel leichtes Rohöl um 4,96 Dollar auf 89,19 Dollar. Damit ist der Ölpreis seit den Höchstständen im Sommer um fast 40 Prozent eingebrochen.

Der japanische Nikkei-Index für 225 führende Werte sackte am Montag um 465,1 Punkte oder 4,3 Prozent auf 10.473 Punkte und damit auf den niedrigsten Stand seit fünf Jahren. Der breit gefasste Topix fiel erstmals seit Dezember 2003 unter die psychologisch wichtige Marke von 1000 Punkten und ging beim Stand von 999,1 Punkten aus dem Markt. Das entspricht einem Verlust im Vergleich zum Schlussstand am Freitag von 48,9 Punkten oder 4,7 Prozent. Auch die Börsen in Hongkong und auf dem chinesischen Festland, in Australien, Südkorea, Singapur und Thailand tendierten deutlich schwächer.

Nie dagewesene Vertrauenskrise

Die Kursstürze sind nach Einschätzung von Marco Cabras von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz "Symptom einer Vertrauenskrise, wie es sie bisher nicht gegeben hat". Die staatlichen Eingriffe wie das US-Rettungspaket, die Milliarden-Kreditlinie für die Hypo Real Estate und die Garantie der Bundesregierung für Spareinlagen seien "notwendige Hilfsmaßnahmen" gewesen. "Doch es gibt keinerlei positive Tendenzen aus dem Markt heraus, etwas, das den Markt von innen stabilisiert", sagte der Aktionärsschützer.

Die Finanzmarktkrise bezeichnete Cabras als sehr ernst. "Wenn die Bundeskanzlerin Angela Merkel höchstselbst ein Signal setzt, dann kann man schon daran sehen, wie ernst die Lage ist", sagte er unter Verweis auf die Übernahme der Staatsgarantie für Spareinlagen in Deutschland. Für die nächste Zukunft gelte: "Das Tollste, was dem Markt passieren kann, ist, dass er daraus lernt: Transparenz, Transparenz, Transparenz - damit so etwas nie wieder passiert."

Mangelnde Transparenz beklagte indes auch der Chef der kollabierten US-Traditionsbank Lehman Brothers, Richard Fuld - allerdings mit Blick auf die wirtschaftspolitischen Entscheidungen der US-Regierung. Bei einer Anhörung vor dem Kongress in Washington prangerte Fuld das Ausbleiben von Regierungshilfe im Überlebenskampf des Instituts an. Er verstehe nicht, warum Lehman als einziges Institut nicht gerettet wurde. Bis er "unter die Erde komme" werde er sich fragen, warum die US-Regierung Lehman nicht geholfen habe, wie sie es bei anderen angeschlagenen Konzernen getan habe.

Fuld sagte weiter, er übernehme die volle Verantwortung für sein Handeln vor dem Zusammenbruch der Investmentbank. Der Manager machte den US-Behörden aber zugleich schwere Vorwürfe. Die Börsenaufsicht Sec und die Federal Reserve Bank hätten im Verlauf des Jahres mitunter täglich das Lehman-Geschäft und die Lehman-Bilanzen kontrolliert. Sie seien also über die Liquidität der Bank voll informiert gewesen.

AP/Reuters/DPA AP DPA Reuters

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