Börsengang abgesagt Mehdorns Demontage


Der Börsengang der Deutschen Bahn ist abgesagt, der angeschlagene Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee gerettet. Den Preis für den Alleingang der Regierung muss der Staatskonzern tragen. Und Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, dessen Lebenstraum sich gerade in Luft auflöst.
Von Ulf Brychcy und Jens Tartler

Das Verhalten des Verkehrsministers wirkt selbst auf seine Genossen von der SPD bizarr. "Wenn Tiefensee sich jetzt als Triumphator aufspielt, erntet er nur homerisches Gelächter", sagt ein Abgeordneter, der den Auftritt des Ministers vor dem Verkehrsausschuss des Bundestags beobachtet hat. Dort hatte Tiefensee getönt: "Ich habe mich durchgesetzt." Es gebe "breite Unterstützung" für seine Position, dass der Bahn-Vorstand keine Sonderzahlungen für den Börsengang erhalten solle.

Moment mal: durchgesetzt? Gegen wen? Zu diesem Zeitpunkt hatten das Finanzministerium und das Kanzleramt das Thema Börsenbahn längst abgehakt. Und damit stellte sich die Frage nach irgendwelchen Prämien gar nicht mehr. Das musste der Minister in der Sitzung dann auch kleinlaut einräumen: "Die Sonderboni gibt es nicht, weil es den Börsengang nicht gibt."

Politik nicht börsenfähig

Es ist eine unglaubliche Geschichte, die sich in diesen Tagen in Berlin abspielt. Ein Politiker wird gerettet, dessen Rücktritt fast stündlich erwartet wurde. Ohne die Absage des Börsengangs wäre Tiefensee wohl nicht mehr zu helfen gewesen. "In Wahrheit ist es doch so, dass Peer Steinbrück ihm den Hintern gerettet hat", sagt der SPD-Abgeordnete. "Damit haben wir der Opposition den Teppich unter den Füßen weggezogen."

Doch der Preis für den Schutz des angeschlagenen Ministers ist hoch: Die Politik opfert das wichtigste Verkehrsprojekt des Landes. Die für den 27. Oktober geplante Teilprivatisierung der Bahn-Tochter DB Mobility Logistics sollte den Koloss befreien, Kräfte freisetzen, die Wettbewerbsfähigkeit steigern, für zusätzliches Kapital sorgen. Doch dann kam die Finanzkrise. Und es kam Tiefensee. Seitdem heißt es im Bahn-Konzern sarkastisch: "Das Unternehmen ist börsenfähig, die Politik nicht."

Die Ursache des Scheiterns ist so banal wie wirkungsvoll: Es geht ums Geld. Für einen erfolgreichen Börsengang hatten sich die Bahn-Vorstände vertraglich eine satte Prämie zusichern lassen. Tiefensee wollte die Mitglieder davon überzeugen, dass die Zahlung von Sonderboni nicht in die Zeit passe. Doch er blitzte ab. Vergangene Woche sickerte dann durch, dass er schon im Juni von den geplanten Vergütungen gewusst hatte. Vor dem Verkehrsausschuss sollte sich der Minister nun für seine widersprüchlichen Aussagen verantworten.

Wer die Vorgänge rund um den Auftritt beobachtet hat, muss jedoch den Eindruck gewinnen, hier ging es vor allem um eines: den Minister vor dem Rücktritt zu bewahren. Kurz vor der Sitzung verkündeten die Sprecher von Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Steinbrück, der Börsengang sei vor der Bundestagswahl so gut wie tot.

Und so fragte sich schon vor Beginn der Befragung Tiefensees SPD-Verkehrsexperte Uwe Beckmeyer, "was diese Befragung noch für einen Sinn macht". Sein Parteifreund Klaas Hübner hatte auf die Frage nach einer SPD-internen Absprache zur Rettung Tiefensees nur eine Antwort: Er grinste breit und schwieg.

An der Entlassung vorbeigeschrammt

Zu Beginn der Woche gab es in der SPD durchaus Überlegungen, Tiefensee aus dem Verkehr zu ziehen und für ihn SPD-Generalsekretär Hubertus Heil zum Minister zu machen. "Der hat aber von der Sache noch weniger Ahnung als Tiefensee", sagt ein SPD-Abgeordneter, "da wären wir vom Regen in die Traufe gekommen." Außerdem hätte es so ausgesehen, als ob SPD-Chef Franz Müntefering den entmachteten Heil aus dem Willy-Brandt-Haus abschieben wollte.

Aus Proporzgründen bevorzugen die Sozialdemokraten ohnedies einen Ostdeutschen auf diesem Posten. "Am besten einen mit Brüsten", heißt es in der Partei. Tiefensee könnte sich aber auch bei den vier hessischen Rebellen bedanken. Wäre Andrea Ypsilanti am vergangenen Montag zur Ministerpräsidentin gewählt worden, hätte man den Verkehrsminister geräuscharm entsorgen können. So aber lautete die Ansage in der SPD: "Wir lassen uns nicht noch einen rausschießen."

Tiefensee, "ein Populist"

Warum sich der Minister aus freien Stücken in die Bonusaffäre verstrickt hat, ist selbst Sozialdemokraten ein Rätsel. "Er ist ein unglaublicher Populist, der hektisch auf jedes Thema draufspringt", versucht ein Parteifreund zu erklären. In Zeiten der Finanzkrise habe der Minister wohl geglaubt, er könne in der Öffentlichkeit punkten, wenn er gegen Sonderzahlungen wettert.

Nun hofft die Partei, dass die Aussagen des Ministers über Art und Zeitpunkt seiner Unterrichtung über die Börsen-Boni rasch in Vergessenheit geraten.

Eine schwere Belastung

Im Ausschuss halten sich Tiefensee und sein von ihm gefeuerter Staatssekretär Matthias von Randow an eine abgestimmte Erklärung, berichten Abgeordnete. Auch vor dem Saal wiederholt Tiefensee gebetsmühlenartig: "Ich bin Mitte September von meinem Staatssekretär informiert worden."

Auf den Vorwurf, Bahn-Aufsichtsratschef Werner Müller hätte Tiefensee bereits im Juni, also sogar vor dem Bonusbeschluss ins Bild gesetzt, geht Tiefensee einfach nicht ein. Die Abgeordneten Beckmeyer und Hübner, die sich über den Vorgang aus erster Hand bei Müller informiert haben, bestreiten die Sache nicht. Offiziell aber sagt Hübner: "Über meine Gespräche lege ich keine Rechenschaft ab."

Wie Tiefensee die restlichen Monate seiner Amtszeit überstehen will, ist auch seinen Parteifreunden ein Rätsel. "Sein Verhältnis zum gesamten Bahn-Vorstand und Müller ist heftig gestört. Das ist für die Verkehrspolitik eine schwere Belastung", sagt ein langgedienter Abgeordneter.

"Eine regelrechte Demontage"

Hartmut Mehdorn jedenfalls will mit diesem Verkehrsminister nicht mehr zusammenarbeiten. Der Bahn-Chef sucht nun die direkte Unterstützung der Bundeskanzlerin. Ausgerechnet Finanzminister Steinbrück, bis vor kurzem Mehdorns enger Verbündeter bei der Teilprivatisierung, hat ihn im Stich gelassen. Schlimm genug, dass der Minister den Parteiauftrag ausführt, Tiefensee zu retten. Egal um welchen Preis. Noch tragischer ist, dass Mehdorn nicht einmal vorab über den Börsenstopp informiert wurde. "Das ist eine regelrechte Demontage Mehdorns", heißt es im Bahn-Konzern.

So ist es nur verständlich, dass sich der Manager Gedanken über seine Zukunft macht. Erhält er bis zu diesem Freitag keinen klaren Vertrauensbeweis der Kanzlerin, überlege er, in den nächsten Tagen als Bahn-Chef aufzuhören, heißt es im Konzern. Er hat sein Schicksal stets mit dem Börsengang verbunden, seinen Anstellungsvertrag, der bis Mai 2011 läuft, darauf ausgerichtet.

Ungläubiger Vorstand

Der Bahn-Aufsichtsrat, der sich Anfang Dezember trifft, hätte dann ein weiteres Problem: die Suche eines neuen Vorstandschefs. Auch der altgediente Bahn-Finanzvorstand Diethelm Sack dürfte dann gehen - der Konzern wäre damit zunächst praktisch führungslos. Enge Mitarbeiter wirken auf den Bahn-Chef ein: "So einen Abgang hat er nicht verdient", heißt es. Oder auch: "Mehdorn sollte weitermachen, sonst ist die Luft aus dem Laden."

In der Vorstandsriege herrscht ebenfalls Unruhe. Die Absage des Börsengangs im nächsten Jahr ist wie ein Blitz eingeschlagen. Logistikvorstand Norbert Bensel etwa tagte gerade mit seiner Führungsriege. Es ging um die Geschäfte und Vorhaben des nächsten Jahres. Dann sickerte die Nachricht durch. Im ersten Moment wollte Bensel nicht glauben, was der Eigentümer gerade wieder einmal mit der Bahn anstellt.

Finanzvorstand Sack erfuhr von der Absage, als er aus dem Flugzeug stieg. In Saudi-Arabien hatte der Manager, der seit 1991 im Konzern arbeitet, mit Investoren gesprochen. Beharrlich bewirbt er sein Unternehmen in der Finanzwelt, gerade wollte er sich erneut auf den Weg machen. Sack hat in all den Jahren schon viele Bahn-Kapriolen der Politik miterlebt. Jetzt aber fühlt sich der Herr der Zahlen desavouiert "Sack ist extrem angefasst, alles ist möglich", heißt es aus seinem Umfeld.

Die Vorstandsmitglieder sind empört darüber, dass sie Monate nach dem Beschluss zu den Sonderboni von Tiefensee plötzlich öffentlich als Raffzähne angeprangert wurden. In einer Presseerklärung haben sie gegen diesen Eindruck gewehrt. Doch es hat ihnen mehr geschadet als geholfen.

"Das alles ist nicht mehr rational."

Jetzt geht es aber um noch viel mehr. Es geht um die Zukunft des Unternehmens. Besteht doch noch eine kleine Resthoffnung für einen baldigen Börsengang? Wie sagt man es den Mitarbeitern? Woher sollen die benötigten Milliarden kommen?

Die Bahn ist ein internationaler Logistikkonzern, der den Kapitalmarkt braucht, um zu wachsen. Jeder aus der Vorstandsriege weiß: Ohne die Börsennotierung wird bald wieder über Zerschlagung und Herauslösung der Logistiksparte spekuliert. 2010, nach der Bundestagswahl, werden all die Diskussionen um das Ob und Wie eines Börsengangs erneut entflammen. "Wer je gehofft hat, dass sich die Bahn dem Griff der Politik entziehen kann, wird nun endgültig eines Besseren belehrt", sagt ein Analyst. Er klingt resigniert: "Das alles ist nicht mehr rational."

FTD

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