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Boom in Asien: Armenhaus und Superstar

In zehn Jahren wird jeder Ostasiate in einem Land mit mittlerem Einkommen leben - so prophezeit es die Weltbank. Der Boom bringt die Region zwar wirtschaftlich nach vorn, könnte viele Probleme aber noch verschärfen.

Von Michael Lenz, Singapur

Alle Kraft voraus. Das ist die Devise der boomenden Ökonomien in Südostasien, Indien und China. Ein "Erfolgsmodell" und ein Vorbild für andere Weltregionen wie Afrika nennen Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) den rasanten Aufstieg Asiens nach der Finanzkrise Ende der 90er Jahre vom Armenhaus zum ökonomischen Superstar.

Die Zahlen können sich sehen lassen: 7,3 Prozent Wachstum in diesem und 7,1 Prozent im nächsten Jahr; die Inflationsrate unter drei Prozent. Die Länder zwischen Indien und China sind für mehr als ein Viertel des weltweiten Bruttosozialproduktes gut. Längst ist Asien, wo vier Milliarden Menschen oder 60 Prozent der Weltbevölkerung leben, nicht mehr nur die Werkbank, wo westliche Unternehmen billig produzieren lassen. "Das neue Asien verlässt sich mehr auf sich selbst, ist innovativ und vernetzt - es ist ein wettbewerbsorientiertes wirtschaftliches Umfeld, das zu Innovationen ermutigt", sagt Homi Kharas, Chefökonom der Weltbank für die asiatisch-pazifische Region.

Einziger Lebenszweck: Shopping

Mit dem Boom entsteht eine Mittelklasse, deren einziger Lebenszweck im Shopping und im Ausgehen zu bestehen scheint. Handys, Kosmetik, Mode, Autos, Computer gehen weg wie warme Semmeln, Cafés und Restaurants platzen aus allen Nähten, in den Clubs und Discotheken von Bangkok oder Singapur klatschen sich die DJ-Stars aus Sydney oder New York an den Plattenteller ab. Mit dem "Central World", nach eigenem Bekunden die größte Shoppingmall der Welt, und dem Siam Paragon samt seines gigantischen Meerwasseraquariums, haben in diesem Jahr alleine in Bangkok gleich zwei neue todschicke Konsumtempel aufgemacht, deren Pracht und Herrlichkeit Edelkaufhäuser in Europa armselig und hoffnungslos antiquiert erscheinen lassen. "In zehn Jahren wird fast jeder in Ostasien in einem Land der mittleren Einkommensklasse leben", sagt Kharas.

Der wachsende Wohlstand der Asiaten schlägt sich auch im Tourismus nieder: Wochenendurlaub an den Stränden Balis, zocken in den Casinos von Macau, shoppen in Hongkong, Partys in Shanghai sind längst kein Privileg der Millionäre mehr. Abacus International, das größte Reiseunternehmen Asiens, verzeichnete im vergangenen Jahr 54,3 Millionen Flugbuchungen über sein Internetsystem und seine 11.000 Agenturen, ein Plus um sechs Prozent. Mit über 80 Prozent trug der asiatische Binnenmarkt den Löwenanteil zu diesem Wachstum bei.

Aber das ungestüme Wachstum hat seinen Preis. Die zunehmenden Umweltprobleme stehen in ihrem Ausmaß dem rasanten Wirtschaftswachstum nicht nach; gut eine Milliarde Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser; 1,6 Milliarden Menschen leben ohne Elektrizität. Gesundheitsprobleme von Aids über Vogelgrippe bis zu Malaria sind Alltag. Lokale Konflikte, Terrorismus und eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit sind weitere soziale und politische Zeitbomben. 60 Prozent der Armen der Welt leben in Asien. Tendenz steigend. "Die Einkommenskluft zwischen Arm und Reich wird immer größer", warnen Weltbank und IWF.

In die Ausbildung junger Leute investieren

Zur Schließung der Armutslücke müsse in die Ausbildung der jungen Leute investiert werden, schreiben Weltbank und IWF. Eine weitere Herkulesaufgabe werde die Gestaltung und Planung der Städte sein. Schon jetzt leben in den Ballungsgebieten Jakarta 17, in Bangkok 10, in Shanghai 13 Millionen Menschen. In den nächsten zwanzig Jahren würden zwei Millionen Menschen in China und anderen asiatischen Ländern vom Land in urbane Zentren umziehen - pro Monat, sagt Weltbankexperte Indermit Gill. "Das heißt, wir müssen dynamische Städte planen und bauen, die sowohl untereinander als auch mit der Welt verbunden sind, so dass das Wirtschaftswachstum weitergeht und der soziale Zusammenhalt gestärkt wird."

Das Grundübel aber ist die Korruption. Ohne eine radikale Ausrottung des Schmiergeldsystems werde Asien seine Probleme nicht in den Griff bekommen, so Weltbank und IWF, die nun ein Programm zur Bekämpfung der Korruption vorgestellt haben. "Wir müssen sicherstellen, dass die Mittel bei den Menschen ankommen und nicht auf privaten Konten verschwinden", sagt Weltbankpräsident Paul Wolfowitz. Der Kampf gegen Korruption müsse zudem einhergehen mit der Stärkung von Demokratie und Bürgerrechten.

Die Länder Südostasiens haben bis zum Jahr 2015 die Transformation ihres Staatenbundes ASEAN zu einem gemeinsamen Markt im Auge. Was kein einfaches Unterfangen sein wird. ASEAN gehören wirtschaftlich und politisch starke Länder wie Thailand, Singapur oder Indonesien an. Aber mit Laos, Kambodscha und Myanmar auch solche, die zu den ärmsten der Welt gehören. Aber trotz der immensen Schwierigkeiten ist selbst die Diskussion über eine gemeinsame Währung kein Tabuthema mehr.

Wenn die Region die "nächste Welle der Herausforderungen meistert", so Kharas, "kann innerhalb einer Generation die Armut eliminiert und die Länder in die Reihen der wohlhabenden, entwickelten Nation der Welt geführt werden."