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Die Bürger und die Energiewende: "Jemand muss sagen, da kann es lang gehen"

Sie soll Hauptschlagader der Energiewende werden: Die 800 Kilometer lange Stromtrasse SuedLink. Kaum werden die Planungen konkreter, formiert sich Bürgerprotest. Bayern will ein Netzausbau-Moratorium.

Lex Hartman ist es gewohnt, der Sündenbock zu sein. Der mit einem feinen Humor ausgestattete Niederländer ist zuständig für das Deutschlandgeschäft des Netzbetreibers Tennet, das lange Zeit den Anschluss von Windparks in der Nordsee nicht hinbekam. So müssen pro Monat tausende Liter Diesel in Stromaggregaten verfeuert werden, um die fertigen 30 Windräder des Parks Riffgat bei Borkum zu bewegen und vor Rost zu schützen - immerhin soll die Leitung in Kürze stehen.

Der Offshore-Ärger könnte für Hartman erst der Anfang sein. Denn am Mittwoch hat er einen Vorschlag für die längste Trasse Deutschlands vorgelegt, mit der Windstrom vom Norden in den Süden gebracht werden soll. "Jemand muss anfangen zu sagen, da kann es lang gehen", sagt Hartman. "Das ist eine elektrische Autobahn ohne Abfahrten."

Die vorgeschlagene Trasse können Sie in der Google-Maps-Grafik genauer betrachten.

Die Alternative wären hochsubventionierte neue Gaskraftwerke im Süden - und mit vielen Milliarden Euro geförderter Windstrom im Norden, der keine Abnehmer hätte. "Ja, das geht alles", meint Hartman mit einer Portion Sarkasmus. Dann werde das Ganze halt nur sehr teuer. "Wenn wir die Energiewende haben wollen, brauchen wir diese Netze."

Stromverteiler von AKW nutzen

Der Hauptabschnitt der von Tennet und dem anderen verantwortlichen Netzbetreiber TransnetBW so bezeichneten "Hauptschlagader der Energiewende" könnte seinem Vorschlag zufolge von Norden nach Süden durch fünf Bundesländer führen. Start ist Wilster, an Verden/Aller vorbei geht es zwischen Hannover und Lehrte durch und an Hildesheim vorbei. Danach von Niedersachsen Richtung Höxter und Warburg in Nordrhein-Westfalen und am hessischen Kassel vorbei. Weiter an Bad Hersfeld vorbei Richtung Süden, um an Fulda vorbei ins bayerische Grafenrheinfeld zu führen. Der zweite Abschnitt soll von Brunsbüttel entlang der Haupttrasse weiter nach Großgartach in Baden-Württemberg führen, insgesamt soll der SuedLink 800 Kilometer lang werden.

Grafenrheinfeld als Ziel bietet sich an, da am dortigen Atommeiler die Netzinfrastruktur vorhanden ist, um Strom weiterzuverteilen. Die Anlage soll 2015 als nächstes Atomkraftwerk stillgelegt werden - aber dafür muss die schon im Bau befindliche Thüringer Strombrücke fertig werden, um mit Windstrom aus dem Osten das AKW-Aus aufzufangen.

Der SuedLink wird eine Spannung von 500 Kilovolt haben - er wird als Gleichstromleitung errichtet, um weniger Übertragungsverluste zu haben, bis zu 4000 Megawatt sollen ab 2022 übertragen werden. Es soll, salopp gesprochen, Deutschlands größte Stromautobahn werden. Wenn das nächste Haus nur 200 bis 300 Meter entfernt ist, kann die Leitung auf einzelnen Abschnitten als Erdkabel verlegt werden.

Horst Seehofer blockiert eigene Entscheidung

Drei große Trassen in den Süden sind geplant, insgesamt umfasst der Ausbau bei 36 Projekten 2800 Kilometer. Die Kosten werden über zehn Milliarden Euro betragen - Erdkabelstrecken kämen noch obendrauf.

Doch nun hat sich ausgerechnet Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) an die Spitze der Gegenbewegung gestellt. Dabei geht es um das vom Netzbetreiber Amprion geplante zweite der drei großen Neubauprojekte, eine 450 Kilometer lange Trasse zwischen Lauchstädt (Sachsen-Anhalt) und Meitingen (Bayern). Die Trasse ist wie der SuedLink Teil des Mitte 2013 - auch von der CSU - verabschiedeten Bundesbedarfsplangesetzes. Die Landesregierung pocht nun aber auf ein Moratorium - im März sind in Bayern übrigens Kommunalwahlen.

Seehofer sieht durch die geplante Ökostrom-Reform von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) mit einer Drosselung gerade des Windausbaus die Planungen als überholt an. Aus Sicht der Bayern muss geschaut werden, ob die neuen Netze nicht überdimensioniert sind. Denn statt 30.000 Megawatt Leistung bei Windparks im Meer sollen es nur noch 15.000 Megawatt bis 2030 werden. Hartman hält das für vorgeschoben, denn es bleibt beim Ziel von 80 Prozent Ökostrom bis 2050. "Netze bauen wir nicht für zehn Jahre, sondern für 50 Jahre."

Teure Blockade

In Bayern haben sich Protestbündnisse mit Namen wie "Bürger gegen Strommonstertrasse" gebildet, sie wollen blühende statt glühende Landschaften. Es gehe nicht nur um den Schutz für den Menschen, sondern auch für die betroffene Tierwelt, Pflanzen und Naturparks. Zudem gebe es kaum Untersuchungen zur möglichen Gesundheitsgefährdung der neuen Gleichstrom-Technik. "Wenn überhaupt Leitungen erforderlich, dann unter die Erde damit", fordert die Anti-Trassen-Initiative.

Es droht sich hier das Grunddilemma der Energiewende fortzusetzen. Laut Umfragen steht eine deutliche Mehrheit der Bürger hinter dem Projekt, aber sie ist kein Gemeinschaftswerk. Sobald persönliche Interessen betroffen sind, geht die Protestpost ab, die Ziele - deutlich weniger CO2-Ausstoß und ein Ende der Atomkraft - werden kaum noch diskutiert. Hartman ahnt schon, was da auf ihn zukommt, er fordert Seehofer indirekt auf, die Energiewende durch Blockaden nicht noch teurer zu machen. "Das sind am Ende die Euros von unseren Bürgern."

Von Georg Ismar und Tim Braune, DPA / DPA