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Die Folgen des Eiswinters: Wie Deutschland durch die Kälte kommt

Binnenschiffer und Bauarbeiter sind zum Nichtstun verdammt. Flughäfen und Bahn melden Normalbetrieb. Und der Einzelhandel jubelt. Wie Deutschlands Wirtschaft mit dem Winter kämpft.

Von Martin Hintze und Peter Neitzsch

Zugefrorene Flüsse, eisiger Wind und Minusrekorde im ganzen Land. Der Frost hat Deutschland fest im Griff. Doch das Winterchaos bleibt aus. Selbst Reisende müssen sich keine Sorgen machen: Kältebedingte Verzögerungen gibt es an Deutschlands Flughäfen nicht. "Der Frost ist für uns kein Problem", sagt Peter Prümm, Sprecher des Münchener Flughafens. Entwarnung auch aus Frankfurt, Deutschlands größtem Airport: Dank der staubtrockenen Polarluft, die das Hoch "Cooper" seit nunmehr einer Woche von Russland nach Deutschland schaufelt, sind kaum Enteisungen nötig. Das ist erst der Fall, wenn die Luftfeuchtigkeit steigt.

Auch Flieger nach und aus London sind wieder im Zeitplan, nachdem am Wochenende ganze zehn Zentimeter Schnee ausreichten, um am Flughafen London-Heathrow ein Verkehrschaos auszulösen. Am Sonntag mussten mehr als 600 Flüge und damit die Hälfte aller Starts und Landungen am größten Flughafen Europas gestrichen werden. Am Montag vermeldet Heathrow laut Internetseite wieder Normalbetrieb.

Die klirrende Kälte bremst auch die Deutsche Bahn bislang nicht aus. Nach massiven Problemen im vergangenen Winter, als zahlreiche Züge ausfielen oder verspätet ihr Ziel erreichten, kommen bislang fast genauso viele Züge pünktlich an wie im Jahresdurchschnitt 2011. In diesem Jahr profitiert die Bahn nicht nur von weniger Schnee, es schränken auch weniger Bauarbeiten den Zugverkehr ein. "Wir haben alle Baustellen zugemacht", sagte Bahnchef Rüdiger Grube in München.

Die Eisbrecher fahren in 24-Stunden-Schichten

Große Probleme bereitet der Frost dagegen der Binnenschifffahrt: Auf der Elbe hat sich so viel Eis gebildet, dass der Fluss von Magdeburg bis Hamburg für Schiffe unbefahrbar ist. Auch der Elbe-Havel-Kanal und Teile des Main-Donau-Kanal sind seit dem Wochenende für den Schiffsverkehr gesperrt, wie die Wasserschutzpolizei mitteilte. Ein festgefrorener Frachter nahe Magdeburg wartete am Montagmorgen auf Hilfe von Eisbrechern.

"Die Binnenschiffe liegen derzeit arbeitslos bei uns im Hafen", sagt Karin Lengenfelder von der Hamburg Port Authority. "Das ist bereits der vierte Eiswinter in Folge, das trifft die Binnenschiffer hart." Auch die Hamburger Hafenaufsicht kostet jeder Frosttag bares Geld - im vergangenen Winter in der Summe rund eine Million Euro. "Wir brauchen mehr Treibstoff, wir brauchen mehr Personal, mit den Eisbrechern fahren wir 24-Stunden-Schichten", sagt Lengenfelder.

Die Seeschifffahrt ist dagegen von den Folgen des Wintereinbruchs noch weitgehend verschont geblieben: Auf der Nord- und Ostsee kommen Containerschiffe und Frachter ohne Einschränkungen durch, meldet das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie. Und auch der Betrieb im Hamburger Hafen geht trotz der ungemütlichen Witterung weiter: Statt mit Binnenschiffen werden die Waren mit Zügen und Lkw abtransportiert.

Kurzarbeit steigt durch Kältewelle

"Bei den Arbeitslosenzahlen für den Februar wird sich die Kältewelle bemerkbar machen", ist sich Anja Huth, Sprecherin der Agentur für Arbeit, sicher. Noch im Januar habe die Zahl der Jobsucher nicht mehr als saisonal üblich zugenommen. Doch jetzt mehren sich die Firmen, die wegen des Wetters eine Zwangspause einlegen müssen: "4033 Betriebe haben bereits Saisonkurzarbeitergeld beantragt - für insgesamt 33.400 Personen", sagt Huth. Das seien rund 1000 Betriebe und 10.000 Personen mehr als im vergangenen Jahr. Das Kurzarbeitergeld wird von der Agentur von Arbeit in Branchen gezahlt, die traditionell stark von der Witterung abhängen - wie beispielsweise Straßenbau, Tiefbau oder Landschaftsbau.

Keine Stromausfälle, aber Sorgen ums Gas

Den Stromnetzen konnte die Kälte - allen Unkenrufen zum Trotz - bislang nichts anhaben. Vor Kurzem hatte es noch geheißen, ohne Frankreichs Atommeiler drohe ein Stromausfall in Deutschland. "Im Winter werden wir uns nicht auf diese Helfer verlassen können", warnte RWE-Chef Jürgen Großmann. Die Stabilität der Netze sei in Gefahr, sagte auch Johannes Teyssen vom Eon-Konzern. Doch nun trotzen die Netze selbst der bittersten Kälte: "Die Lage ist angespannt, aber nicht kritisch", sagt eine Sprecherin des Netzbetreibers TenNet. Alle Kraftwerke seien am Netz, und die Last sei nicht extrem hoch.

Ungemach droht indes an anderer Stelle: Mitten im eiskalten Winter erhält Europa weniger Gas von Russland. Wegen des höheren Eigenbedarfs hat der russische Konzern Gazprom nach EU-Angaben die Lieferungen gekürzt. Sorgen um seine warme Wohnung, muss sich aber dennoch niemand machen. "Die Gaskunden sind von den Lieferengpässen nicht betroffen", sagt Daniel Dodt von dem Energievergleichsportal Toptarif. Die Erdgasspeicher in Deutschland seien gut gefüllt: "Wir haben Gasreserven für etwa ein Vierteljahr", so Dodt. Kurzfristige Einbrüche wären daher gut zu verkraften.

Auch Preiserhöhungen müssen Verbraucher erstmal nicht befürchten: Die Versorger würden einen höheren Gaspreis allenfalls mittelfristig an die Kunden weitergeben. Auf der Heizkostenabrechnung werden die Deutschen die frostigen Temperaturen dennoch merken. "Für jedes Grad unter Null steigt der Energieverbrauch um sechs Prozent", sagt Dodt. Bei einem Temperaturunterschied von zehn Grad, wird also 60 Prozent mehr verheizt.

Ob es angesichts des milden Dezembers unterm Strich ein günstiger oder teurer Winter wird, hängt davon ab, ob es weiter so kalt bleibt. Dodt: "Betrachtet man die gesamte Heizperiode von Oktober bis April ist die im Vergleich zum Vorjahr immer noch sehr günstig."

Schnäppchenzeit im Einzelhandel

Die Eiseskälte kam für die Einzelhändler nach dem vergleichsweise warmen Dezember und einem eher schleppenden Weihnachtsgeschäft gerade noch rechtzeitig: "Es gibt wohl kaum eine Branche, die sich so über die Kälte freut, wie der Einzelhandel", sagt Stefan Hertel vom Handelsverband Deutschland. Dicke Pullover, warme Mäntel, gefütterte Stiefel sind die Renner im Winterschlussverkauf (WSV), der noch bis Ende der Woche läuft. Dank des Dauerfrosts lief die erste WSV-Woche bereits so gut, dass mancherorts Jacken und Schuhe nicht mehr in der Wunschfarbe oder -größe vorrätig sind. Anders sieht es dagegen bei Sportartikeln aus. Einen Engpass bei Schlitten wie im vergangenen Jahr ist derzeit nicht in Sicht.

Von:

Martin Hintze und Peter Neitzsch