Hilmar Kopper und die HSH Retter in Not


Noch im Sommer galt Hilmar Kopper als Hoffnungsträger für die schwer angeschlagene HSH Nordbank. Doch nun gerät der neue Aufsichtsratschef selbst unter Druck. Weil er auf Gedeih und Verderb an seinem Vorstandschef festhält - und wegen seines Führungsstils.
Von Meike Schreiber und Tim Bartz

Und schließlich wird es ihm dann doch zu viel, an diesem kühlen Oktobertag. Kritik, Spott, Häme, es ist kaum zum Aushalten. Hilmar Kopper hat gewusst, dass es schwer wird, als er diesen Job angetreten hat. Aber dass es so hart wird? Es treibt ihn raus aus seinem neuen Büro am Gerhart-Hauptmann-Platz im Zentrum Hamburgs. Raus auf den Flur. Mit Kollegen reden. Über diese "Bösartigkeit". Ja, genauso nennt er es, diese Kritik an ihm, dem Chefaufseher, und an Dirk Jens Nonnenmacher , seinem Vorstandschef: "Bösartigkeit."

Das will er sich nicht gefallen lassen. Er ist schließlich als Aufseher gekommen, als Aufklärer. Haben ihn im Sommer nicht noch alle als Hoffnungsträger gefeiert, ihn, die Instanz im deutschen Bankenwesen? Als denjenigen, der endlich Ordnung in diesen Laden bringt, Ordnung in die HSH Nordbank, dieses Synonym für Unfähigkeit und Bankstertum?

Nun, keine vier Monate später, fallen sie über ihn her. Damit muss Schluss sein, findet er. Helfen soll eine Ehrenerklärung für Nonnenmacher: Ja, der mache einen guten Job. Nein, der habe nichts zu tun mit den vergangenen Untaten. Er genieße sein "uneingeschränktes Vertrauen". Das soll die Öffentlichkeit gefälligst zur Kenntnis nehmen.

Doch die nimmt etwas anderes zur Kenntnis: Wieder einmal steht der Aufsichtsratschef Kopper in großer Treue zu seinem Vorstandschef. Wie damals, bei Daimler . Und was damals Jürgen Schrempp war, ist nun Nonnenmacher. Verbaut diese Treue den Neuanfang der Nordbank? Macht sie nicht alles kaputt, was Kopper bewirken könnte?

Kopper schert das nicht. Nonnenmacher soll weg? Nicht mit ihm: "Er ist die Voraussetzung, dass ich hier bin." Betriebsrat und Politik wollen ihm reinreden? Da knurrt er nur.

Und so kann es am Dienstag zum Knall kommen. Auf einer Sondersitzung des Aufsichtsrats will Kopper zwei neue Vorstände vorstellen. Er hat lange gezögert, sich abzustimmen oder gar Mehrheiten in dem Gremium zu organisieren - aus Angst vor Geheimnisverrätern. Dem Betriebsrat hat das wenig gefallen, und vielleicht lässt er es den Alten am Dienstag spüren. Es wäre nicht das erste Mal, dass er einen Vorstand im ersten Wahlgang durchfallen lässt. Die Euphorie des Neuanfangs, die Kopper in Hamburg ausgelöst hatte, wäre damit vorbei. Endgültig.

Koppers "Patriotische Pflicht"

Wie hatten sich die Beobachter bei seinem Amtsantritt vor Begeisterung überschlagen: endlich ein wenig Hoffnung für die Desasterbank, die mit Staats- und Landesmilliarden vor der Pleite gerettet werden musste. Die "Bild"-Zeitung kürte den 74-Jährigen damals auf der Titelseite zum "Gewinner" des Tages - in einer Zeit, in der über "Bankster" nur im Zusammenhang mit Milliardenverlusten und Millionenboni berichtet wurde.

Kopper, so die Meinung, das ist Banken-Sachverstand, erworben in jahrzehntelanger Arbeit bei der Deutschen Bank , als Vorstandssprecher und Chefaufseher. Das sind 60 Aufsichtsratsmandate in renommierten Konzernen, allen voran Daimler. Kopper, das ist Selbstbewusstsein bis zur Arroganz, das ist die nötige Chuzpe, um den Landespolitikern aus Kiel und Hamburg entgegenzutreten.

Stolz ließ Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) durchstechen, dass er es war, der Kopper für den Job gewinnen konnte. Auch die Bundeskanzlerin hatte persönlich um ihn geworben. Kopper nannte sein Engagement eine "patriotische Pflicht". Er wollte seine Erfahrung und seine Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Wollte die unselige Debatte beenden über verborgene Gefahren in der HSH-Bilanz. "Jede Bank ist voller Risiken. Diese Bank kennt ihre Risiken", sagte er.

Bis jetzt ist ihm das nicht gelungen. Dafür sind neue Debatten dazugekommen. Über die Unbescholtenheit von Nonnenmacher etwa, dem Kopper so vertraut. Wie viel wusste der damalige Finanzvorstand von den alten, verlustreichen Kreditgeschäften mit den Namen "Omega 52", "Omega 55". Namen, die heute nur noch Endzeitstimmung verbreiten. Was hat er unterschrieben? Wurde die Finanzaufsicht nicht richtig informiert? Und wo bleibt Koppers versprochene Aufklärung?

Und nun auch noch die Debatten über Koppers Führungsstil, über seinen Mangel an Kooperation mit den Arbeitnehmern, über seine Alleingänge im Aufsichtsrat. Und darüber, dass die Bank auch mit seinem Namen im Rücken einen wahren Neuanfang einfach nicht schaffen will.

Es ist ein Rückschlag. Denn noch vor wenigen Wochen sah alles danach aus, als kämen wieder ruhigere Zeiten für die HSH: Die politisch heiß diskutierte Kapitalerhöhung war durch, die Refinanzierung gesichert, der Restrukturierungsplan in Brüssel eingereicht. Vorstandschef Nonnenmacher machte im September sogar Urlaub, erstmals, seit er im November 2008 an die Spitze der Bank getreten ist. Ein paar Tage Schweiz: nicht wandern, kein Sightseeing, einfach nur Nichtstun.

Kopper lüftete durch - im Aufsichtsrat

Auch Kopper glaubte, sich zurücklehnen zu können: Viel hatte er verändert, so schien es jedenfalls. Er hatte durchgesetzt, dass künftig kein Landesminister mehr im Aufsichtsrat der HSH sitzt. Bis dato hatten die Eigner - die Länder Schleswig-Holstein und Hamburg, der schleswig-holsteinische Sparkassenverband und der Finanzinvestor JC Flowers - jeweils zwei Vertreter in dem Gremium. Fortan wird es nur noch einer sein. Kopper wollte mehr unabhängige Finanzexperten, und sein Charme zog. Den Aufsichtsrat schmücken nun Wirtschaftsführer, die ihre aktive Zeit zwar hinter sich haben, aber noch immer einen ausgezeichneten Ruf genießen: Ex-Allianz-Vorstand Detlev Bremkamp, Ex-Bundesbank-Vorstand Hans Reckers, Ex-Hapag-Lloyd-Chef Bernd Wrede und Ex-Volksfürsorge-Chef Joachim Lemppenau.

Kopper hat durchgelüftet - aber eben nur im Aufsichtsrat. Im operativen Geschäft dagegen scheut er bislang den Umbruch. Sicher, nach langer Suche kann er seinen Aufsichtsratskollegen endlich zwei neue Vorstände präsentieren, kann damit die Finanzaufsicht besänftigen, die bemängelt, dass die Bank an dieser Stelle unterbesetzt war. Aber werden die beiden durchkommen?

Koppers Personalwahl ist umstritten. Zumindest einer der Kandidaten kommt aus dem eigenen Haus, Martin van Gemmeren, Risikochef, er hat unter viele Geschäfte seine Unterschrift gesetzt, die nun in der Kritik stehen. Keine überzeugende Wahl. Bei anderen Landesbanken wird sie als Zeichen verstanden, dass kein Topbanker mehr zur HSH will. So gibt ein Sprecher von Hamburgs Finanzsenator Michael Freytag zu: "Es ist eben nicht einfach, neue Vorstände zu finden. Die Leute stehen nicht Schlange."

Koppers größter Fehler aber: In Nibelungentreue hat er sich von Anfang an auf Nonnenmacher als Vorstandsvorsitzenden festgelegt. Dabei war klar, dass mit dem kein echter Neustart gelingen kann, zu sehr belastet ihn die Vergangenheit der Nordbank. "Warum hat man nicht im Frühjahr 2008 Tabula rasa gemacht? Da wäre noch ein Neuanfang möglich gewesen", kritisiert die Kieler Finanzexpertin der Grünen, Monika Heinold.

Landauf, landab streiten die Bankexperten, ob Nonnenmacher schwer oder einfach zu ersetzen ist, ob Kopper überhaupt Alternativen hätte. Das ist schlecht für eine Bank, die Vertrauen aufbauen will. Und schlecht für einen Vorstandschef, der nun bei jeder Sanierungsentscheidung doppelt Angst haben muss, Fehler zu begehen.

Seit 2007 ist Nonnenmacher dabei, er sollte, als die Zeiten noch rosig schienen, den Börsengang vorbereiten. Daraus wurde nichts, mit der Finanzkrise begann der Absturz der HSH. Als Nonnenmacher im Herbst 2008 dann an die Spitze rückte, wurde er sogleich zum Krisengesicht der Bank: Er wurde geködert mit einer Sonderzahlung über 2,9 Millionen Euro, die nur wenige Wochen nach Koppers Amtsantritt publik wurde - und dem Aufsichtsratschef das erste Mal verdeutlichte, auf welchen Höllenjob er sich da eingelassen hat.

Nach Ende "Omega?"

Seitdem kämpft Kopper mit den Dämonen der Vergangenheit: mit aufmüpfigen Lokalpolitikern wie Wolfgang Kubicki, dem FDP-Chef in Schleswig-Holstein. Keine Gelegenheit lässt der ungenutzt, Nonnenmachers Rücktritt zu fordern. Und auch andere Politiker in Hamburg und Schleswig-Holstein schäumen. Da ist ein Sexskandal in der New Yorker Niederlassung, wo Frauen angeblich besser Karriere machen können, wenn sie sich mit Vorgesetzten einlassen. Da ist eine Überweisung von 45 Millionen Euro an Goldman Sachs für eine Kreditversicherung, obwohl die Frist verstrichen war. Da ist eine angeblich heimlich gegründete Tochter auf den Kanalinseln, mit deren Hilfe HSH-Manager vor zwei Jahren fast 1 Million Euro abgezwackt haben sollen.

Und nun ist da auch noch "Omega": Ende 2007 hatte die HSH Risiken von 7,6 Milliarden Euro aus Immobilienkrediten an andere Banken verkauft. Die Transaktion wurde damals als "Befreiungsschlag" gefeiert. Was aber offenbar gegenüber der Finanzaufsicht unterschlagen wurde: Die HSH übernahm Risiken anderer Banken und steckte sie in außerbilanzielle Zweckgesellschaften. Ein fragwürdiges Geschäft, sagen selbst Wohlmeinende.

Es hagelt Beschimpfungen. Häme. Bösartigkeiten. Mit Nonnenmacher gerät auch Kopper unter Druck. Er sieht sich zu jener Ehrenerklärung gezwungen. Hilflos, urteilen die Beobachter. Allenfalls unglücklich, sagen die Eigentümer. Gescheitert sei Kopper keinesfalls. In Kieler Regierungskreisen moniert man zwar, er könne die Öffentlichkeit offensiver informieren. Aber: "Er hat sich beeindruckend vor die Bank gestellt." Und in Hamburg sagt der Sprecher des Finanzsenators: "Kopper stand von Anfang an auf dem Boden der Tatsachen. Er war sich der Schwierigkeiten voll bewusst, als er die Aufgabe übernommen hat."

Kopper selbst zweifelt nicht: "Die Bank ist dann über den Berg, wenn ich sie verlasse", sagte er kürzlich. Nur die Bösartigkeit, die scheint ihn überrascht zu haben.

Immer tiefer

Absturz

Infolge der Finanzkrise meldet die HSH Nordbank für das Jahr 2008 einen Verlust von rund 2,8 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2009 verlor die Bank 537 Millionen Euro.

Verzweiflung

Im November beantragt die HSH Garantien über 30 Milliarden Euro beim staatlichen Rettungsfonds Soffin. Nach der Hypo Real Estate ist sie damit zweitgrößter Kunde. Im April garantieren die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein für weitere 10 Milliarden Euro, um die Bank zu retten. Dazu kommen 3 Milliarden Euro frisches Kapital.

Skandale

Im Juli sorgt eine Sonderzahlung an Vorstandschef Dirk Jens Nonnenmacher über 2,9 Millionen Euro für Streit, im August Bleibeprämien für Topbanker. Im September wird eine Zahlung über 45 Millionen Euro an Goldman Sachs ruchbar, nun riskante Deals mit Abschreibungen von 500 Millionen Euro.

FTD

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