Investorenkrise Böses Erwachen der Firmenjäger


Seit Ausbruch der weltweiten Finanzkrise wankt das Geschäftsmodell der einst so mächtigen Private-Equity-Branche. Erst gerieten die Unternehmen ihrer Portfolios in Schieflage. Jetzt droht vielen Investoren dasselbe Schicksal.
Von Angela Maier, München

Es ist ein schwarzer Montag für Gerry Grimstone. In London verkündet der langjährige Chairman des britischen Finanzinvestors Candover, in den kommenden sechs Monaten kein Geld mehr zu investieren. Das Unternehmen habe sich mit seinen Kapitalgebern darauf geeinigt, den gerade erst aufgelegten milliardenschweren Fonds bis Oktober ruhen zu lassen. Und noch mehr: Candover werde "alle strategischen Optionen prüfen, um unsere Finanzposition zu stabilisieren". Sogar ein Verkauf der 1980 gegründeten Private-Equity-Gesellschaft scheint nicht mehr ausgeschlossen. "Ich bedaure, mitteilen zu müssen, dass Candover von den Turbulenzen erfasst wurde, in denen sich der Private-Equity-Sektor befindet", so Grimstone.

So ein Eingeständnis hat es in der Branche der Firmenjäger bislang nicht gegeben: Eine der größten und ältesten Beteiligungsgesellschaften Europas stellt vorübergehend ihr Geschäft ein - und sich selbst zum Verkauf. Das Unternehmen, das in Deutschland gemeinsam mit Cinven 2003 den Wissenschaftsverlag Springer Science von Bertelsmann übernommen hatte, könnte das erste prominente Private-Equity-Opfer der Finanzkrise werden.

Heuschrecke am Fliegenfänger

Wer hätte das gedacht? Noch vor zwei Jahren sorgten die Private-Equity-Firmen für Angst und Schrecken. Bei Pensionsfonds, Universitätsstiftungen, Banken und anderen institutionellen Anlegern sammelten sie Milliarden ein und kauften damit immer größere Unternehmen, um sie gewinnbringend weiter zu veräußern. Selbst Vorstände von Dax-Konzernen konnten sich vor einer Übernahme nicht mehr sicher fühlen. BASF, Linde, TUI, ThyssenKrupp, Daimler, Infineon oder die Deutsche Post - sie alle erhielten Anrufe von Private-Equity-Managern.

Vorbei. Die Exzesse der jüngeren Vergangenheit werden sich auf absehbare Zeit nicht wiederholen, darin ist sich die Szene einig. Die gescholtenen "Heuschrecken" hängen selbst am Fliegenfänger. "Wir erwarten eine Konsolidierung. Es wird einige Gesellschaften geben, die keine weiteren Fonds mehr auflegen werden", sagt Katharina Lichtner, Geschäftsführerin des auf Private Equity spezialisierten Vermögensverwalters Capital Dynamics. "Vor allem Private-Equity-Firmen, deren Portfoliofirmen durch hohe Schulden in Schwierigkeiten sind oder abgeschrieben werden müssen, geraten massiv unter Druck."

Wie Candover. Im Portfolio der Briten häufen sich die Problemfälle. So ist Candover für eine der spektakulärsten Beinahepleiten in Europas Private-Equity-Branche verantwortlich: die des italienischen Luxusjachtenherstellers Ferretti. Vor zwei Jahren, auf dem Höhepunkt des Booms, hatte Candover Ferretti für 1,7 Milliarden Euro vom britischen Rivalen Permira übernommen - viel zu teuer aus heutiger Sicht. Im vierten Quartal 2008 brachen Ferrettis Umsätze weg, dem mit 1,2 Milliarden Euro verschuldeten Jachtbauer droht nun die Pleite. Rettung verspricht allein der Gründer Norberto Ferretti, der seiner Ex-Firma die dringend nötige Geldspritze gewähren will.

"Permira muss schwer Federn lassen"

Ähnlich wie Candover geht es auch anderen Finanzinvestoren. So hat sich der US-Investor Cerberus mit den Investments in den sanierungsbedürftigen Autobauer Chrysler und den Autofinanzierer GMAC verhoben. In Europa müssen die Amerikaner unter anderem herbe Wertverluste bei ihrem Investment in die Wiener Bank Bawag verkraften, die um Staatshilfen in Milliardenhöhe verhandelt.

Cerberus, von der Struktur her ein Hedge-Fonds, sieht sich derzeit mit so hohen Rückforderungen seiner Investoren konfrontiert, dass man diese nicht mehr bedienen kann, wie der Fonds Ende März seinen Kunden schrieb. Permira, einst unumstrittener europäischer Marktführer, durchläuft derzeit die schwerste Krise in der über 20-jährigen Geschichte. Den Wert der Anteile an der hoch verschuldeten Privatsenderkette Pro Sieben Sat.1 setzt der Investor mit null an. Den Wert der italienischen Modegruppe Valentino samt Tochter Hugo Boss hat er um mehr als 50 Prozent reduziert. "Permira musste schwer Federn lassen", heißt es in Branchenkreisen.

Vor allem die Megafonds haben ihre Portfolios bereits um viele Milliarden im Wert berichtigen müssen. Und dabei rollt die Welle von Insolvenzen, die ihre auf Pump finanzierten Beteiligungsunternehmen bedroht, erst an. Blackstone reduzierte den Buchwert seiner Firmen im vergangenen Jahr um 27 Milliarden Dollar, das ist mehr als ein Viertel. Permira senkte die Bewertung des Portfolios um 36 Prozent. KKR Private Equity Investors schrieb 47,5 Prozent ab, Candover sogar 50 Prozent.

Flächenbrand in den Portfolios

Die Konkurrenz betrachtet diese Entwicklung eher mit Sorge als mit Häme. Denn die schwere Krise trifft fast alle in der Branche. Kaum ein Finanzinvestor, der derzeit noch Wertsteigerungen für seine Unternehmensbeteiligungen ausweisen kann. "Das ist derzeit ein Flächenbrand in den Portfolios, wie ihn die Branche noch nicht gesehen hat", sagt Michael Hinderer, Gründer der Übernahmeberatung Altium Capital und einst Mitgründer des deutschen Büros der Beteiligungsgesellschaft Apax.

Längst zieht die Krise weitere Probleme nach sich. Zum ersten Mal überhaupt können die Beteiligungsfirmen auf ihre eigenen Geldgeber nicht mehr zählen. Die klassischen Investoren - Pensionsfonds und Universitätsstiftungen aus den USA - leiden selbst unter massiven Wertverlusten in ihrem Anlageportfolio und dadurch teilweise sogar unter Liquiditätsnöten. Auch die schwer gebeutelten Investmentbanken ziehen sich wie schon in der letzten Krise zwischen 2001 und 2003 zum großen Teil aus dem Private-Equity-Geschäft zurück. Einer im Dezember veröffentlichten Umfrage von Coller Capital zufolge können zwei Drittel aller Investoren 2009 keine oder kaum Gelder für neue Fonds zusagen.

Chance für das Erwachsenwerden

Vor allem Private-Equity-Manager, die auf immer weiter wachsende Kreditmärkte und schnelle Weiterverkäufe gesetzt hatten, müssen sich auf schwere Zeiten einstellen. Dem Modell fehlen die Kapitalgeber. Man werde bei der Auswahl der Fonds Konsequenzen ziehen, sagt Helen Steers, Partner des Private-Equity-Dachfonds Pantheon Ventures, der unter anderem für den Pensionsfonds der britischen Post Royal Mail Gelder anlegt. Pantheon setze künftig auf Fonds mit langfristiger Vision, operativem Fokus und spezieller Branchenexpertise.

Der Branche stehen grundlegende Veränderungen bevor: Die Zahl der Finanzinvestoren wird deutlich schrumpfen, und nicht alle werden ihre dominante Rolle behalten. "Viele große Fonds müssen sich verkleinern", prophezeit Altium-Gründer Hinderer. "Jetzt zeigt sich, wer seine Portfoliounternehmen gut durch die Krise bringt und wer nicht." Eine Frage werde entscheidend sein, um auch künftig Kapital einwerben zu können: Haben die Private-Equity-Manager ihre Firmen hängen lassen oder nicht? "Das ist die Chance für Private Equity, erwachsen zu werden", sagt Hinderer.

Für so manche erfahrene Manager ist das keine verlockende Perspektive. Über Jahre haben sie viel Geld verdient, mit Großkrediten Milliardendeals gestemmt, mit den Konzernen gespielt. Wer will da schon mühsam mit Banken verhandeln, um die Portfoliounternehmen zu retten?

Niedergang der Galionsfiguren

So verabschiedet sich derzeit einer nach dem anderen aus der kleinen Gruppe derer, die seit den 90er-Jahren in Deutschland Firmen kaufen und verkaufen: Thomas Krenz von Permira und Jens Reidel von BC Partners, die Galionsfiguren der deutschen Szene, sind bereits abgetreten. Ulrich Biffar, Deutschlandchef von Bain Capital, geht Ende dieses Monats. Andere wie Johannes Huth, Europachef von KKR, wollen durchhalten. "Wir werden unsere Portfoliounternehmen mit ruhiger Hand durch die Krise führen", sagte er jüngst. Denn Huth weiß: Die tiefe Krise wird auch Gewinner hervorbringen. Die besten Chancen darauf haben Beteiligungsfirmen, die jetzt noch Geld haben oder sogar frisches bekommen.

Auch die gibt es: Die britische Gesellschaft CVC Capital Partners verkündete im Januar, einen neuen Fonds mit elf Milliarden Euro aufzulegen. Der US-Investor TPG sammelte sogar 20 Milliarden Dollar ein.

Ein Riesenvorsprung für die nächsten Jahre. Die Preise für Unternehmen haben sich in den vergangenen zwei Jahren teilweise mehr als halbiert, die Zahl potenzieller Käufer hat deutlich abgenommen. CVC könnte demnächst den größten europäischen Deal seit 2007 verkünden: Die Briten verhandeln exklusiv mit der britischen Großbank Barclays über den Kauf des Indexfondsanbieters iShares für mehr als drei Milliarden Euro. "Wenn Sie es schaffen, in diesem Umfeld einen Deal abzuschließen, werden Sie in ein paar Jahren wirklich spektakuläre Renditen erzielen", rief Carlyle-Mitgründer David Rubenstein jüngst seinen Kollegen zu.

FTD

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