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Die Medienkolumne: Ein Streber sagt "Adieu"

Die Sendergruppe ProSiebenSat1 ist eine einzige Baustelle. Die Löcher sind weit aufgerissen, aber längst ist noch keine neue Fahrbahn verlegt - da geht der Chef. Verlässt Guillaume de Posch den TV-Konzern wirklich freiwillig? Und was bedeutet sein Abgang für die Senderfamilie?

Von Bernd Gäbler

Jetzt geht er also. Zum Jahresende verlässt Guillaume de Posch, Chef der ProSiebenSat1-Gruppe, die Senderfamilie. Angeblich ohne Abfindung. Angeblich freiwillig. Vor ihm hatten schon der Finanzchef und der Chef-Vermarkter die Reißleine gezogen und dem Vorstand den Rücken gekehrt. An de Poschs Abgang überrascht nur der Zeitpunkt. Die finanzielle Lage der Sendergruppe ist schlecht, sie ist hoch verschuldet, der Aktienkurs stürzt ab. Vermutlich hätten die Eigentümer, die Finanzinvestoren Permira und KKR, seinen Abschied gerne erst dann verkündet, wenn sie einen Nachfolger hätten präsentieren können. So kam de Posch ihnen zuvor.

"We love to entertain you" ist das Motto von ProSieben. Darum ging es Guillaume de Posch jedoch nie. Seine Welt, das waren die Zahlen. Von einem Energieunternehmen kam der gelernte Betriebswirt zunächst zu McKinsey. Dann erst fand er in die Medienbranche. Ein Chef von Disney muss nicht zeichnen können, aber ein Faible für die Welt des Films sollte er haben. Wendelin Wiedeking, der Porsche-Chef, wäre schlecht beraten, würde er verkünden, dass Autofahren ihm eigentlich nicht so sehr liege. De Posch dagegen verstand es, stets den Eindruck zu erwecken, ein TV-Programm sei ungefähr das Letzte, für das er sich erwärmen könne.

Ära der neuen Emotionslosigkeit

Die Mitarbeiter von Premiere waren froh, ja gelegentlich ein wenig stolz, wenn ihr früherer Vormann Georg Kofler der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz bittere Medizin verpasste. Die RTL-Leute amüsierte anfangs die Schlagfertigkeit ihres Gründervaters Helmut Thoma. An dessen Nachfolger Gerhard Zeiler schätzten sie, dass sein Auftreten verbindlicher wirkte. Die Repräsentanten der Marken und Medienkonzerne zogen Emotionen auf sich. Doch diese Phase geht allmählich vorüber. Der Belgier Guillaume de Posch leitete die Ära der neuen Emotionslosigkeit ein. Im Juni 2004 übernahm er den Vorstandsvorsitz der ProSiebenSat1-Gruppe. Aus den seitdem vergangenen vier Jahren wird nicht ein prägender Satz, eine Redewendung oder ein Bonmot in Erinnerung bleiben.

Obwohl er sich mühte und gerne freundlich lächelte, schien ihn das Rampenlicht stets zu blenden, sein Wohlfühlort war das Büro. Mitarbeiter berichteten von harten Durchgriffen, präzisen Nachfragen bei Reports und glasklaren Entscheidungen wie aus dem Manager-Handbuch. Anderen kam sein Agieren kleinteilig vor. Sie unkten, lieber überwache er persönlich die Einstellung von Praktikanten oder schaue die Reiseabrechnungen durch als seinen TV-Stars in die Augen. Guillaume de Posch war ein Geschäftsmann, aber kein "Programmgeschäftsführer".

Die Noten waren super, beliebt war er nie

Dabei gab es eine Phase, in der er versuchte, sich für das Show-Geschäft selbst auch ein wenig Show abzuringen. Bei Programmpräsentationen ließ er sich von Stefan Raab ein wenig hochnehmen oder rutschte dessen Stufengeländer herunter und überspielte anschließend die spürbare Würdelosigkeit der Situation mit jungenhaftem Ungelenk. Nie verrutschte der Scheitel. Sogar mit einer E-Gitarre ließ er sich ablichten. Dennoch wirkte er immer wie der Streber, der eigentlich Geige spielt und nur an die E-Gitarre darf, weil die anderen von ihm dann die Hausaufgaben abschreiben - die Noten waren super, beliebt war er nie. Solche Leute können in entsprechenden Industrien das Rückgrat von Wirtschaftsunternehmen bilden - als agile Referenten in der zweiten Reihe. In der Medien-Industrie machen sich andere Charaktere besser: kantige Typen, eloquente Visionäre oder schlaue Strategen.

Der Mann des Haim Saban

Charisma, Visionen und vor allem ein Gespür für lohnende Geschäfte hatte Haim Saban. Als Leo Kirchs Medienkonglomerat pleite war und ProSiebenSat1 zum Schnäppchenpreis zu erwerben war, umschmeichelte der weltläufige Saban das politische Bayern, schaltete alle deutschen Konkurrenten aus und installierte de Posch als seinen Mann für alles: für das Sanieren, das Sparen, das Aufhübschen des erworbenen Schmuckstücks zum gewinnbringenden Weiterverkauf. Das schaffte de Posch glänzend. Und dafür wurde er mit persönlichem Reichtum belohnt - Saban überschüttete ihn mit Boni in einem solchen Umfang, dass de Posch jetzt tatsächlich ohne Abfindung gehen kann.

Es war seine Bestimmung und seine beste Phase, ein Diener und Dienstleiter für Saban zu sein. Die neuen Herren wollen nun die Zitrone noch einmal auspressen. Bis zuletzt verkündete de Posch freudig deren Willen, gab sachlich Schuldenstand und überproportionale Ausschüttungen bekannt, lobte die möglichen Synergien innerhalb der europaweiten SBS-Gruppe. Aber erst durch den angekündigten Rücktritt ist der Manager mit dem Referenten-Charme aus der ihn umklammernden Abhängigkeit herausgetreten. Vermutlich ist er ein guter Mann für einen anderen Industriezweig.

Strategien, Warnungen und die Rolle des Bewegtbildes

Aufsichtsratsvorsitzende äußern sich denkbar selten. Und wenn sie etwas sagen, lohnt es sich die Ohren zu spitzen. Bereits im Frühjahr in Mainz wies Götz Mäuser, der Frankfurter Permira-Mann, darauf hin, wie wenig Macht Aufsichtsräte im operativen Geschäft hätten. Allerdings sei es ihre Aufgabe, ja ihre Pflicht, darauf zu achten, dass der richtige Mann an der Spitze stehe. Dies konnte schon als Warnung verstanden werden. Was aber haben die Investoren mit der Sendergruppe vor?

Eine sinnvolle Strategie ist kaum zu erkennen. Offiziell wird selbstverständlich von einem "langfristigen Engagement" gesprochen. Aber ankommen wird es ausschließlich auf die Rendite. Der Bezahlsender Premiere wird nicht müde, sein Interesse am Einzelsender Sat1 zu verkünden. Es gibt auch kein ehernes Gesetz, nach dem die zweitstärkste Programmgruppe des deutschen Fernsehens zusammen bleiben soll. Können die Bedenken von Kartellamt und KEK, der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich, zur Meinungsmacht und Monopolbildung nicht gemildert werden, stünde - etwa für den Axel-Springer-Verlag - nur Sat1, der geborene Konkurrent von RTL, zum Verkauf.

Seit einiger Zeit steht der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma beim Springer-Verlag als Berater unter Vertrag. Sicherlich nicht, weil er Experte für den Briefvertrieb durch die PIN-Group ist! Im Axel-Springer-Verlag wissen die Strategen um die Bedeutung des Bewegtbildes für die Medienzukunft. Pläne für einen eigenen TV-Sender haben sie vielleicht in die Schublade gelegt, aber sicher nicht ad acta. Mal sehen, wer nach Guillaume de Posch kommen wird. Vielleicht ja ein guter Verkäufer?