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ProSiebenSat.1: De Posch in der Zwickmühle

Im Poker um den ProSiebenSat.1-Konzern gerät Vorstandschef Guillaume de Posch immer mehr zwischen die Fronten. Er soll den Stammsender ProSieben verkaufen - obwohl dies dem Konzerninteresse schadet.

Der angesehene Fernsehmanager Guillaume de Posch soll auch nach der Übernahme der Sendergruppe durch den Springer-Verlag eine führende Rolle spielen. Nun allerdings soll ProSiebenSat.1 bereits vor der Übernahme durch Springer den Stammsender ProSieben verkaufen, damit das Kartellamt der Übernahme zustimmt. Das allerdings kann de Posch guten Gewissens kaum beschließen - schließlich ist er ja dem Interesse von ProSiebenSat.1 und seinen übrigen Aktionären verpflichtet. "Auch Springer ist sich bewusst, dass de Posch in einer sehr schwierigen Situation ist", heißt es in Branchenkreisen. Dieser sorge aber immerhin für Ruhe im Unternehmen. Springer sei in jedem Fall weiterhin von seinen Führungsqualitäten überzeugt.

Im Unternehmen ist de Posch beliebt. Der 47-Jährige ist stark präsent im Unternehmen und oft bis tief in die Nacht in seinem Büro. "Er ist sehr fleißig", heißt es im Umfeld. Unter de Posch habe ProSiebenSat.1 - begünstigt vom Ende der Branchenflaute - die Trendwende geschafft. Unter der Führung des Belgiers sei ein harter Sparkurs gefahren worden, die Einschaltquoten seien aber dennoch gestiegen, lobt auch Medienexperte Stefan Weiss von der WestLB.

De Posch ist ein alter Hase in der Branche

Trotz des Sparkurses loben auch Arbeitnehmervertreter den Vorstandsvorsitzenden. Dieser sei ein verlässlicher Verhandlungspartner und habe eine umgängliche Art. "Manchmal hat er fast etwas Studentisches an sich", sagt einer. Die ganz eigene Art des Belgiers war denn auch bei der offiziellen Pressekonferenz zur Übernahme von ProSiebenSat.1 durch Springer zu spüren. Man passe gut zusammen, witzelte der Belgier: Die Frauen bei ProSieben und Sat.1 sähen mindestens genauso gut aus wie die in der "Bild"-Zeitung.

Als de Posch vor knapp zwei Jahren die Nachfolge von Urs Rohner antrat, hätten ihn viele im Unternehmen unterschätzt, sagt ein Branchenexperte. Der Manager hatte allerdings schon viel Erfahrung in der Medienbranche vorzuweisen. Nach dem Betriebswirtschaftsstudium und Tätigkeiten beim Energiekonzern Tractebel und McKinsey war de Posch 1993 zur Compagnie Luxembourgeoise Telediffusion (heute: RTL Group) nach Luxemburg gewechselt. Er arbeitete zunächst als Assistent der Geschäftsführung und übernahm dann die Verantwortung für die TV-Aktivitäten der CTL in den französischsprachigen Ländern. Seit 1997 war er stellvertretender Geschäftsführer und Programmverantwortlicher des Pay-TV-Unternehmens TPS in Frankreich.

"Das Management ist hervorragend, die Sendergruppe steht glänzend da"

Nach der Übernahme von ProSiebenSat.1 holte der US-Milliardär Haim Saban den Belgier ins Unternehmen. Beide kannten sich von TPS. Daher galt de Posch - der zunächst für das operative Geschäft bei ProSiebenSat.1 verantwortlich war, ehe er offiziell Chef wurde - als Statthalter Sabans und damit als Übergangskandidat. Da Springer allerdings kaum über eigene TV-Expertise verfügt, soll er nun auch in Zukunft eine bedeutende Rolle im fusionierten Konzern spielen. "Das Management ist hervorragend, die Sendergruppe steht glänzend da", heißt es im Umfeld Springers. Nun muss de Posch allerdings all seinen Charme und sein diplomatisches Geschick einsetzen, um aus der Zwickmühle herauszukommen, in die er durch den geforderten Verkauf von ProSieben geraten ist.

Im Krimi um die Zukunft des Fernsehkonzerns ProSiebenSat.1 steigt die Spannung. Angesichts der Probleme mit dem Kartellamt droht der geplante Verkauf an den Axel Springer Konzern nach Einschätzung von Branchenkennern zu platzen. Die Investorengruppe um den bisherigen Eigentümer Haim Saban bliebe dann im Boot, hieß es am Wochenende. "Dann würde alles wieder auf Null gesetzt", hieß es weiter. Springer-Chef Mathias Döpfner will sich Medienberichten zufolge heute in Berlin mit Saban treffen, um den Deal ohne finanziellen Schaden zu retten.

"Spekulationen kommentieren wir nicht"

Im Gegensatz zu Döpfner ist der US-israelische Medieninvestor Saban offenbar nicht bereit, das Herzstück ProSieben aus dem Konzern herauszulösen, um den Wettbewerbshütern entgegenzukommen. Der Springer-Konzern wollte sich am Samstag nicht dazu äußern. Auch ProSiebenSat.1 lehnte einen Kommentar ab. "Spekulationen kommentieren wir nicht."

Das Kartellamt hatte den Verkauf des Senders ProSieben vor der Übernahme des TV-Konzerns ProSiebenSat.1 durch Springer zur Bedingung gemacht. Springer hatte sich zu diesem Schritt bereit erklärt und damit in der Medienbranche für Aufregung gesorgt: Zahlreiche Investoren meldeten ihr Interesse an dem Kanal an, der zu den größten und profitabelstens in Deutschland gehört.

Auch der Pay-TV-Sender Premiere hält ein Engagement bei ProSieben für denkbar, um damit die angestrebte Kombination aus Bezahl- und Gratis-TV zu realisieren. "Bei vernünftigen Konditionen könnte ich mir das durchaus vorstellen", sagte Premiere-Vorstandschef Georg Kofler. Nach dem Kurssturz der Aktie im Dezember könnte Premiere den Kauf aber kaum alleine stemmen.

Senderkette für eine juristische Sekunde übernehmen

Zudem ist unklar, ob Saban überhaupt zur Herauslösung von ProSieben bereit ist oder seinen Konzern zu einem späteren Zeitpunkt lieber als Ganzes verkaufen würde. In Medienkreisen hatte es dazu geheißen, es sei nie verzweifelt nach einem Käufer gesucht worden. Daher werde er auch jetzt nicht um jeden Preis verkaufen.

Springer hatte dem Kartellamt nach Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vorgeschlagen, die Senderkette nur für eine juristische Sekunde zu übernehmen, um nicht das ganze Geschäft neu aufrollen zu müssen. Auch das hatte das Kartellamt abgelehnt. Döpfner wolle aber nichts unversucht lassen, dem Konzern den Weg in Fernsehgeschäft doch noch zu ebnen. Sollte ihm das nicht gelingen, ginge der Springer-Konzern aus dem Machtkampf aber ohne finanziellen Schaden hervor. Das Kartellrisiko habe Döpfner durch eine Vertragsklausel mit Saban vermieden und ein Rücktrittsrecht ausgehandelt. Auch eine so genannte Break-up-fee falle in dem Fall nicht an. Nur wenn sich das Geschäft länger hinzöge, müsse Springer eine Verzinsung auf den noch nicht gezahlten Kaufpreis zahlen.

Medienanstalten drohen KEK mit Veto

Sollte der Deal mit Springer scheitern, käme wegen der kartellrechtlichen Probleme vermutlich nur ein ausländischer Investor in Betracht. Zu den Interessenten für ProSieben gehörte zuletzt unter anderem der französische Konzern TF1, der schon nach dem Zusammenbruch der Kirch-Gruppe im Spiel war. Auch die türkische Mediengruppe Dogan Media Group ("Hürriyet") ist einem Bericht des "Spiegel" zufolge nicht abgeneigt. Daneben habe es auch mit der Beteiligungsgesellschaft Permira Gespräche gegeben, die Miteignerin des europäischen Medienkonzerns SBS ist.

Analysten hatten einen möglichen ProSieben-Verkaufserlös in den vergangenen Tagen auf 800 Millionen bis eine Milliarde Euro geschätzt. Dem Vernehmen nach gehen die Beteiligten aber von einem deutlich höheren Preis aus. Nach gängigen Berechnungen komme man wegen der Ertragsstärke von ProSieben auf eine Bewertung des Senders von bis zu 2,4 Milliarden Euro.

Springer war bei seinen TV-Übernahmeplänen sowohl auf Widerstand des Kartellamts als auch der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) gestoßen. Die KEK hatte die Übernahme als "nicht genehmigungsfähig" beurteilt. Durch die Fusion entstehe eine vorherrschende Meinungsmacht in Deutschland. Die Entscheidung der KEK kann aber von den Landesmedienanstalten noch überstimmt werden. Die Direktoren der Landesmedienanstalten (DLM) hatten am Freitag in Berlin erklärt, es bestünden Zweifel an den Berechnungsmethoden der KEK.

DPA