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Krise an den Aktienmärkten: Dax geht auf Talfahrt

Die Talfahrt an den Börsen setzt sich fort. Der Dax eröffnete zu Handelsbeginn im Minus, auch in London und Paris purzeln die Kurse.

Die Angst vor einem Abgleiten der Weltwirtschaft in die Rezession hat den Dax am Freitag erneut auf Talfahrt geschickt. Der Leitindex gab in den ersten Minuten um 1,5 Prozent auf 5518 Zähler nach. Auch die Börsen in London, Paris und Mailand notierten im Minus.

"Die Märkte sind sehr ängstlich und verunsichert", sagte Stefan Chmielewski vom Brokerhaus Lang & Schwarz. Die Investoren fürchteten, dass sich die Weltwirtschaft deutlich abkühlen könnte. Am Donnerstag hatten vor allem enttäuschend ausgefallene US-Konjunkturdaten neue Rezessionsängste geschürt. Zu den größten Verlierern im Dax zählten BMW und ThyssenKrupp mit Abschlägen von jeweils knapp drei Prozent.

In Tokio sank der Nikkei-Index für 225 führende Werte am Freitag zum Handelsschluss um 2,51 Prozent oder 224,52 Punkte auf 8719,24 Zähler - das war der tiefste Stand seit Mitte März. In Hongkong waren es rund 2,7 Prozent. In Seoul gab der wichtigste südkoreanische Index um mehr als vier Prozent nach. Damit folgen die Börsen in Fernost dem allgemeinen Abwärtstrend. Die Angst vor einem schwarzen Freitag an den Börsen geht um.

An den hochnervösen Aktienmärkten waren die Kurse am Donnerstag erneut abgestürzt. Der deutsche Leitindex Dax brach zeitweise um fast 7 Prozent ein und schloss mit einem Minus von 5,82 Prozent bei 5603 Punkten - der größte Tagesverlust in Prozent seit November 2008. An der Wall Street sackte der Dow Jones zwischenzeitlich um mehr als 4 Prozent ab. In Frankreich ging die Aktie der Großbank Société Générale auch wegen anhaltender Gerüchte um Griechenland in den Keller. Der Euro verlor ebenfalls deutlich an Wert. Hintergrund sind vor allem weltweiten Rezessionsängste und die Schuldenkrisen auf beiden Seiten des Atlantiks.

Schon Ende Juli und Anfang August hatte eine regelrechte schwarze Serie die internationalen Börsen in die Tiefe gerissen. Die Dimension der Kurseinbrüche hat mittlerweile das Niveau vom Herbst 2008 erreicht - also die Zeit der schweren Finanzmarktkrise im Zuge der Pleite von Lehman Brothers. Mit dem Verlust vom Donnerstag büßte der Dax nun einen großen Teil seiner Gewinne der vergangenen Woche wieder ein. Seit Anfang August verlor das Börsenbarometer mehr als 21 Prozent.

Gerüchte um "Fat Finger Trade"

Der Dax war infolge negativer Vorgaben bereits schwach gestartet und brach dann am späten Vormittag jäh ein. Unerwartet schwache Konjunkturdaten aus den USA beschleunigten die Talfahrt später noch einmal. Am späten Vormittag hatte ein ganzer Schwall an Verkäufen im Dax-Future - das sind spekulative Wetten auf die künftige Entwicklung des Leitindex - den Dax tief ins Minus gedrückt. Als Auslöser des plötzlichen Sturzes galt zunächst eine versehentlich zu umfangreiche Verkaufsorder - ein sogenannter "Fat Finger".

Börsianer sprechen von einem "Fat Finger Trade" ("Handel mit dickem Finger"), wenn einem Händler im temporeichen Computerhandel ein Eingabefehler unterläuft. Sie meinen damit eine fehlerhafte Wertpapier-Order, etwa durch einen Tippfehler. Werden versehentlich viel zu hohe Verkaufsaufträge gegeben, bleibt das nicht ohne Folgen für den Handel. Das trifft umso mehr bei sehr angespannten Marktsituationen wie derzeit zu. Viele Händler in Frankfurt allerdings bezweifelten diese Version.

Verstärkend könnten sich im Computerhandel aber bestimmte Handelsoptionen auswirken: Viele Anleger geben ihrer Bank den Auftrag, Aktien automatisch zu verkaufen, sobald sie unter einen bestimmten Wert fallen - um drohende Verluste zu vermeiden. Bei fallenden Kursen gehen diese Verkäufe dann ohne menschliches Zutun über die Bühne und verstärken den Negativtrend noch. Fachleute sprechen dabei von "stop loss" ("den Verlust beenden").

Erneuter Ausverkauf an der Wall Street

An der Wall Street in New York verlor der Dow Jones Industrial zwischenzeitlich mehr als 4 Prozent und schloss am Ende um 3,68 Prozent tiefer bei 10.991 Punkten. Seit Ende Juli, als der nach wie vor anhaltende Abwärtstrend anfing, hat er damit knapp 14 Prozent eingebüßt. Neben den Sorgen vor einem langsameren Wirtschaftswachstum belasteten Spekulationen um die Finanzstärke europäischer Banken die Kurse. Die US-Bank Morgan Stanley trug mit ihren gesenkten Prognosen für das Wachstum der Weltwirtschaft ebenfalls zur Verunsicherung bei. Einige Experten sprachen bereits von einem Käuferstreik.

Von Konjunkturseite hatte es mit den Arbeitsmarktdaten sowie den überraschend deutlich gestiegenen Verbraucherpreisen negative Impulse gegeben. Der viel schwächer als erwartet ausgefallene Philly-Fed-Index setzte der Börse ebenfalls zu. Auf Unternehmensseite gehörte Hewlett-Packard mit Zahlen und einem geplanten Umbau ebenfalls zu den großen Gesprächsthemen.

Auch andere Börsen erlebten drastische Verluste. In Paris rauschte die Aktie der Société Générale zeitweise um mehr als 13 Prozent in den Keller, sie schloss am Abend mit einem Minus von 12,34 Prozent bei 21,60 Euro. Der Aktienkurs der Bank war vor wenigen Tagen schon einmal drastisch eingebrochen, dann hatte sich das Papier wieder etwas erholt. Allerdings sorgt das starkes Griechenland-Engagement der Société Générale weiter für Sorgen. Der französische Leitindex Cac 40 verlor 5,48 Prozent auf 3076 Punkte. Auch in Wien und Moskau ging es für die Märkte jeweils rund 5 Prozent in die Tiefe.

Ölpreis fällt, Gold und deutsche Staatsanleihen boomen

Angesichts der wachsenden Konjunktursorgen brachen auch die Ölpreise ein: Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Oktober-Lieferung kostete zuletzt 107,48 US-Dollar - das waren 3,12 Dollar weniger als am Mittwoch.

Ein Rekordhoch gab es dagegen für deutsche Staatsanleihen, die von den Anleger-Ängsten beflügelt wurden: Der richtungweisende Euro-Bund-Future kletterte im Handelsverlauf bis auf 136,26 Punkte und damit auf den höchsten jemals erreichten Stand.

Belastet durch die Börsenturbulenzen verlor der Kurs des Euro stark: Die europäische Gemeinschaftswährung sank um mehr als zwei Cent auf 1,4275 US-Dollar. Im Vormittagshandel hatte der Euro noch zeitweise 1,4512 Dollar gekostet. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs auf 1,4369 (Mittwoch: 1,4477) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,6959 (0,6908) Euro. "Die Verunsicherung an den Finanzmärkten ist sehr groß und darunter leidet der Euro", sagte eine Devisenexpertin der Commerzbank.

Dagegen ließ der Börsen-Einbruch den Goldpreis auf das nächste Rekordhoch klettern: In der Spitze kostete eine Feinunze (rund 31 Gramm) 1826,45 US-Dollar. Angesichts des Einbruchs flüchteten sich die Investoren weiter in "sichere Anlagen", kommentierten Experten.

be/mad/DPA / DPA