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stern-Studie

Made in Germany: Warum diese Unternehmen Deutschland treu bleiben

Fast überall auf der Welt ist Arbeit billiger als hierzulande. Große Konzerne schieben Fabriken auf dem Globus hin und her. Was machen Unternehmen anders, die "Made in Germany" treu bleiben?

Made in Germany: Welche Unternehmen noch in Deutschland produzieren

Porzellanproduktion "Made in Germany" bei Kahla in Thüringen: Mit dem Messer entfernt Angelika Linsenbarth kleine Unebenheiten an den Kannen, ehe die Rohlinge gebrannt werden können

Es sieht fast aus wie im Gewächshaus. Endlose Reihen von weißen Blumentöpfen und ein grüner Gartenschlauch. Doch wenn Manuela Süße die Spritzpistole drückt, fließt daraus kein Wasser, sondern eine beigefarbene Masse. "Das ist Schlicker", erklärt sie, während sie geduldig wie seit Jahrzehnten Form um Form füllt. Der Gips zieht in wenigen Minuten die Feuchtigkeit raus. "Jetzt hat sich die Scherbe gebildet", sagt die Arbeiterin. Sie gießt die überzählige Masse ab und holt ein kleines, mattrosa schimmerndes Kännchen aus der Form. Handarbeit in Germany.

Ein Stockwerk tiefer verlieren sich nur ein paar Menschen in der Halle. Eine stählerne Pressmaschine spuckt eine Schüssel aus. Ein orangefarbener Metallarm greift sie sich und hält sie nacheinander an mehrere rotierende Rollen, um den Rand perfekt zu putzen. Danach stellt der Roboter die Schale zum Weitertransport ab und schnappt sich die nächste. Hightech in Germany.

Studie des stern und des HWWI

Unter jeder Tasse und jedem Teller, der die Porzellanfabrik im thüringischen Städtchen Kahla verlässt, prangen die weltweit berühmten Worte "Made in Germany". Aber was sind diese Buchstaben eigentlich noch wert? Wie viel wird tatsächlich hierzulande gefertigt? Und warum setzen Unternehmen auf die Heimat, wo es sich doch fast überall in der Welt billiger produzieren lässt? Das wollte der stern zusammen mit dem Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) herausfinden. Mehr als 300 Firmen haben sich an der Studie beteiligt, 173 erhalten die Auszeichnung "Vertrauen auf Deutschland – Made in Germany".

Auffällig: Es sind oft mittelständische Unternehmen, die einer Familie gehören, abseits der großen Zentren zu Hause sind und meist einige Hundert oder wenige Tausend Beschäftigte haben. Einige kennt man, wie den Freizeitmodehersteller Trigema, dessen Eigentümer Wolfgang Grupp für T-Shirts vor der "Tagesschau" wirbt. Auch Schüco-Fenster oder Niederegger-Marzipan sind ein Begriff. Aber wer weiß schon, dass die Ölspritzdüsen der Wagner-Fahrzeugteilefabrik in Millionen Motoren stecken? Oder dass die TII-Group Weltmarktführer für Schwertransporter etwa für Windräder ist? Oder dass die Kleider in Textilfabriken überall auf dem Globus dank Dürkopp-Fördertechnik durch die Hallen schweben?

Kahla-Chef Holger Raithel setzt auf die Kombination von Handarbeit und Automatisierung. Ob modern eckig oder traditionell rund – der Putzroboter kann fast jedes Design vollautomatisch bearbeiten.

Kahla-Chef Holger Raithel setzt auf die Kombination von Handarbeit und Automatisierung. Ob modern eckig oder traditionell rund – der Putzroboter kann fast jedes Design vollautomatisch bearbeiten.

Im Durchschnitt fertigen die 173 Unternehmen zu 87 Prozent in Deutschland oder beziehen ihre Vorprodukte von hier. "Diese Zahl hat mich überrascht", sagt Professor Henning Vöpel, Chef des HWWI. Aber wie schaffen die Firmen das?

Holger Raithel rückt die weiße Porzellan-Kaffeetasse auf dem Tisch im Chefbüro zurecht. Der 47-Jährige ist geschäftsführender Gesellschafter von Kahla. 2000 unterschiedliche Produkte hat er im Angebot, 35.000 Teile werden hier jeden Tag hergestellt. "Das schafft man nur mit einer cleveren Kombination aus Handwerk und Hightech", sagt er. Die Strohblumen für die Unterglasur des Blau-Saks-Dekors werden seit 1844 von Hand aufs Geschirr gemalt und gestempelt. "Ich bin sehr stolz auf unsere lange Geschichte, doch liebevolle Handarbeit allein würde heute nicht mehr funktionieren." Deswegen rattert unten in der Halle auch eine vollautomatische Flachgeschirrlinie und Tassendruckgussanlage. 35 Millionen Euro habe die Familie Raithel in den vergangenen 25 Jahren hier investiert. "Aber das größte Kapitel sind unserer Mitarbeiter."

Wegen der Fachkräfte, der "Porzelliner", wie sich die Kahlaner hier nennen, hat Raithels Vater Günther die Firma 1994 übernommen. Zuvor war eine Nachfolgegesellschaft des VEB Feinkeramik pleitegegangen. 2000 Leute hatten hier vor der Wende gearbeitet, heute sind es 250. "Wir sind die Überlebenden", sagt Porzellangießerin Süße, inzwischen 57.

Mittelschicht in China begehrt westliche Marken

300 Meter von ihrem Arbeitsplatz entfernt, schräg über die Straße im "Sonderpreis-Baumarkt", kostet der Kaffeepott 1,99 Euro. Der Lidl gegenüber hat vier Trinkgläser für 4,99 Euro im Angebot. Süßes Krug wird nach dem Brennen und Glasieren für 26,95 Euro im Laden stehen. Sind die Kunden wirklich bereit, so viel mehr zu bezahlen?

Holger Raithel nickt. "Wir exportieren in 60 Länder", sagt er, "und liefern bis nach China." Im Reich des Billigporzellans begehre die wachsende Mittelschicht westliche Marken. Die Reisbowl sei dort zwar wenige Zentimeter kleiner als die deutsche Müslischale – aber beide haben die gleiche Form.

"Design mit Mehrwert" nennt der Firmenchef sein Konzept, das mehrere hauseigene Gestalterinnen umsetzen. Statt dem klassischen Sonntagsservice mit Kaffeekanne gibt es multifunktionales, fast beliebig kombinierbares Geschirr. Die Böden von Tellern beschichten sie mit Silikon, damit es auf der Yacht nicht klappert und rutscht. Kaffeebecher erhalten eine samtartige Beschichtung, die schmückt und isoliert – das Verfahren ist patentiert. Und Kantinengeschirr wird ein spülmaschinenfester Chip eingepflanzt, damit es mit Kassen reden kann. Ganz schön schlau.

Lichtschaltermontage bei Gira: Firmenchef Dirk Giersiepen hat Millionen in ein neues Hochregallager investiert

Lichtschaltermontage bei Gira: Firmenchef Dirk Giersiepen hat Millionen in ein neues Hochregallager investiert

Kahla ist im Tarif, bildet aus und hat einen Betriebsrat. Die erneuerte Brennofenanlage spart 40 Prozent Gas, auf dem Dach glitzert eine Photovoltaikanlage, und im Werk läuft gerade eine Zero-Waste-Kampagne zur Müllvermeidung. Seit 25 Jahren schreibt die Firma schwarze Zahlen. Nur 2017 gab es nach einem gescheiterten Großauftrag Verlust. "Das mussten wir meistern", sagt Holger Raithel, "und haben es dank engagierter Menschen geschafft."

Für HWWI-Chef Vöpel passt das ins Bild: "Familiengeführte Mittelständler haben eine höhere Verantwortung und Loyalität zum Standort", analysiert der Professor. "Und sie gucken auf andere Standortfaktoren, lassen sich vielleicht nicht so leicht von reinen Kostenargumenten leiten, sondern von Stabilität und Nachhaltigkeit."

Der Irrtum der Briten über "Made in Germany"

"Made in Germany" – das hatten sich 1887 die Briten ausgedacht, um Konkurrenzprodukte aus Deutschland als minderwertig zu brandmarken. Das ging nach hinten los. Heute ist es das beliebteste Herkunftslabel der Welt, wie eine Umfrage unter 43.000 Verbrauchern in 52 Ländern ergab, trotz Dieselskandal und BER-Flughafen-Posse. Doch Konzerne wie Henkel, Adidas oder Siemens, die mit dem Gütesiegel zu Weltmarken aufstiegen, beschäftigen mittlerweile einen Großteil ihrer Mitarbeiter im Ausland. Geworben wird heute oft nicht mehr mit "made" sondern mit "engineered in Germany". Produziert wird die so gekennzeichnete deutsche Technik häufig, wo es am günstigsten ist, vor allem die Löhne niedriger sind.

In den grünen Hügeln des Bergischen Lands scheint ein Raumschiff gelandet zu sein. Die Außenhaut gliedert sich in schwarze, weiße und graue Streifen. Der Bau ist kantig wie die Lichtschalter von Gira, die hier montiert werden. Dirk Giersiepen steht in seinem neuen Hochregallager, dessen Stahlstreben sich in unendlichen Weiten zu verlieren scheinen. Stolz zeigt er, wo Platz ist für 150.000 Kleinteile und 6000 Europaletten. Zehn Regalbediengeräte sausen wie von Geisterhand durch die bis zu 21 Meter hohen Gassen. Einen zweistelligen Millionenbetrag hat die Eigentümerfamilie in Radevormwald in ein neues Werk für Fertigung, Logistik und Entwicklung investiert. "Das ist schon ein Bekenntnis zum Standort", sagt der geschäftsführende Gesellschafter.

In der Fabrik in Radevormwald arbeiten Menschen aus 27 Nationen. Maschinenbediener Ahmadu Bah stammt aus Sierra Leone.

In der Fabrik in Radevormwald arbeiten Menschen aus 27 Nationen. Maschinenbediener Ahmadu Bah stammt aus Sierra Leone.

Gira ist bekannt für pur gestaltete Schalter und Steckdosen, aber bietet inzwischen jede erdenkliche Smart-Home-Technik an. "Wenn wir Massenrauchmelder herstellen würden, wäre das hier nicht möglich", sagt Giersiepen. Die Firma hat 7000 unterschiedliche Artikel im Katalog, die aus 30.000 Teilen entstehen. Spezialmodelle werden nur in einer Stückzahl von 200 gefertigt und zeitgenau auf die Baustelle geliefert. "Das funktioniert nicht, wenn man die Ankunft der Container aus Low-Cost-Countries dirigieren muss", sagt er – aus Billiglohnländern.

Loyalität zur "Mannschaft"

Früher hätte man Dirk Giersiepen wohl einen Patriarchen genannt. Der 58-Jährige leitet das Unternehmen in vierter Generation. Wenn er durch die Halle führt, fragt er die Montagearbeiterin, ob der Umzug geklappt habe, oder bietet dem IT-Manager Karten für den 1. FC Köln an. Die Firmengruppe beschäftigt 1700 Leute, unter ihnen 200 Ingenieure. Der Chef trägt zwar Anzug, aber lässt die Krawatte in Start-up-Manier weg. Gira soll modern sein und doch seine Werte bewahren. Dazu gehört der gute Umgang mit der "Mannschaft". Selbstverständlich wird nach IG-Metall-Tarif bezahlt. Über Gewinne spricht man hier nicht so gern, aber man kann gewiss sein, dass sie ordentlich sind.

An mehreren Stellen liegen im Werk Aufkleber aus. "Made in Germany – made by Vielfalt". Gira ist Mitglied einer Initiative von mehr als 50 Familienunternehmen, die sich gegen Populismus engagieren. Dirk Giersiepen wird ein wenig pathetisch, wenn er darüber spricht: "Dass Deutschland mit seiner Geschichte 2015 so viele Flüchtlinge aufgenommen hat, fand ich sehr angemessen." Aber er weiß natürlich auch, dass seine wichtigsten Kunden, die Elektroinstallateure und ihre Beschäftigten, heute oft Migranten sind. Ähnlich sieht es bei Gira selbst aus: "Hier arbeiten Menschen aus 27 Nationen. Da dulden wir keine Fremdenfeindlichkeit."

Es hat eine besondere Ironie: Für den Erfolg von "Made in Germany" auf den Weltmärkten wären Nationalismus und Abschottung schädlich. Dirk Giersiepen sagt es so: "Es heißt ja nicht 'Made by Germans'."

Die gesamte Liste der Unternehmen finden Sie hier.

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