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Maria-Elisabeth Schaeffler: Eine Frau riskiert alles

Firmenerbin Maria-Elisabeth Schaeffler wollte in die Weltliga aufsteigen. Doch mit der Übernahme des Conti-Konzerns hat sie sich total verzockt. Nun ruft die Unternehmerin den Staat zu Hilfe. Der Milliardärin läuft die Zeit davon. Schon im April droht ihr das Geld auszugehen.

Von Rolf-Herbert Peters und Doris Schneyink

Es ist noch gar nicht lange her, da waren die Mitarbeiter der Schaeffler-Gruppe richtig stolz auf ihre Chefin. Sie huldigten ihr, wenn sie durch die Werkshallen in Herzogenaurach schritt und ihnen zulächelte. Ihre eleganten Designerkostüme und ihr stets perfekt gestyltes Haar waren Symbole der Solidität. Angst um den Job kannte die Belegschaft nur aus den Nachrichten. Man schaffte schließlich für einen anständigen fränkischen Familienbetrieb, einen der größten Produzenten von Wälzlagern. Und da ging es fast immer nur in eine Richtung: bergauf.

Doch diese Zeiten sind schlagartig vorbei. Die Eigentümer, Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr Sohn Georg, kämpfen ums nackte Überleben ihres Traditionsunternehmens. Grund ist die völlig verkorkste Übernahme des ehemaligen Dax-Konzerns Continental. Der Deal erweist sich als eine Nummer zu groß für den Mittelständler. Zudem machte die Finanzkrise alle Planungen zunichte. Die Lage ist dramatisch: In Unternehmenskreisen heißt es, dass das Geld nur noch bis etwa April reicht. Wenn nicht schnelle Hilfe kommt, fliegt der Automobilzulieferer gut 60 Jahre nach seiner Gründung aus der Kurve. Eine Spekulation, die Schaeffler auf Anfrage des stern zurückweist. "Das stimmt nicht", so ein Sprecher des Unternehmens.

Eine Frage der Ehre

Was für viele Altgediente noch schlimmer ist: Das honorige Familienunternehmen, das stets schuldenfrei und finanzstark war, das sein Wachstum weitgehend aus eigener Kraft finanzierte, muss nun beim Staat um Geld betteln. Vorvergangene Woche reiste das Management nach Berlin zu Kanzlerin Angela Merkel mit dem Ansinnen, unter den Schutzschirm der Regierung schlüpfen zu dürfen.

Das ist die eine Seite der Story, die betriebswirtschaftliche. Die andere beschreibt eine persönliche Tragödie. Für die 67-jährige Maria-Elisabeth Schaeffler steht das Vermächtnis ihres verstorbenen Mannes Georg, den sie noch immer leidenschaftlich verehrt, auf dem Spiel. Und damit die Reputation der Familie. Georg Schaeffler hatte seine Frau in den 60er Jahren dazu überredet, das Medizinstudium abzubrechen und bei ihm im Betrieb das Big Business zu lernen. Er hatte sie zu Geschäftsleitersitzungen mitgenommen und ihr den Wirtschaftsteil der Zeitungen herausgelegt. "In den 33 Jahren unserer Ehe", sagt sie, "wurde das Werk zu unserem Lebensinhalt." Seit dem Tod ihres Mannes 1996 führt sie die Geschäfte allein. "Es war ein absolutes Risiko", sagt sie, "alle dachten, ohne meinen Mann geht gar nichts." Doch dann gelangen ihr überraschende Coups. Die aggressive Übernahme des Konkurrenten FAG Kugelfischer trug ihr in Managerkreisen den Spitznamen "listige Witwe" ein. Sie wurde Milliardärin, eine der reichsten Frauen der Republik und die beliebteste Unternehmerin der Region. Sie war bescheiden auf hohem Niveau, im Reinen mit sich und stolz auf ihre Lebensleistung.

Eine solch gute Figur macht Maria-Elisabeth Schaeffler inzwischen nicht mehr. Ausgerechnet in den Tagen der Krise zeigt sie sich im Schickeria-Skiort Kitzbühel im Pelzmantel. Ein Auftritt, so sensibel wie Josef Ackermanns Victory-Zeichen im Mannesmann-Prozess. Die Bewunderung für die Unternehmerin schlägt allmählich in Zorn um. Vergangene Woche musste sie zwei Drittel ihrer 31.000 in Deutschland Beschäftigten in Kurzarbeit schicken.

"Das riecht nach Größenwahn"

Thomas M. gehört dazu. Seit 15 Jahren ist er im Betrieb, seinen echten Namen will er lieber nicht nennen. Er ist wütend: "Miserabel war dieser Conti-Deal. Ich habe von Anfang an nichts davon gehalten. Das riecht nach Größenwahn." Auch in der Kleinstadt Herzogenaurach, wo neben Schaeffler noch Adidas und Puma residieren, verstehen viele die Welt nicht mehr. Manfred Weigand, Inhaber eines kleinen Bastelgeschäfts, sieht "Anzeichen von Überheblichkeit: Frau Schaeffler und ihre Manager haben fahrlässig den gesamten Konzern in Gefahr gebracht."

Die Rezession hätten die Schaefflers wohl noch bewältigen können. Auch wenn es ein Kraftakt geworden wäre: Normalerweise hätte sich die Unternehmerin mit ihrem Geschäftsführer Jürgen Geißinger zusammengesetzt, oben in ihrem schneeweißen Büro, wo die Hunde Fidelio und Tosca spielen und nachmittags Chivas Regal mit Wasser serviert wird. Das Führungsteam hätte Lösungen gesucht und, das glaubt auch der Betriebsrat, gefunden. Wie immer.

Doch jetzt geht aus eigener Kraft so gut wie nichts mehr. Der Mittelständler mit neun Milliarden Euro Jahresumsatz hat sich an dem mehr als doppelt so großen Continental-Konzern verschluckt. Es war eine der riskantesten Entscheidungen der deutschen Unternehmensgeschichte, zumal Conti selbst unter rund elf Milliarden Euro Schulden ächzt. So viel hatte die Übernahme von VDO gekostet, einem Spezialisten für Autoelektronik.

Zwei Vertraute der Eigentümerin, Geschäftsführer Geißinger und der neue Conti-Aufsichtsratschef Rolf Koerfer, die beide in der Branche als "harte Hunde" bekannt sind, trieben die feindliche Übernahme voran. Dabei lockte Schaeffler weniger die Reifensparte von Conti als vielmehr die neue Tochter VDO. Die Automobilelektronik, so das Kalkül der Franken, ergänze das Wälzlagergeschäft ideal. Denn das Elektroauto der Zukunft brauche intelligente, elektronische Antriebe - und da wollte die Gruppe ganz vorn mitmischen.

Trickreich schlich sich Schaeffler im vergangenen Sommer über die Börse an und sicherte sich zunächst den Zugriff auf 36 Prozent der Conti-Aktien. Bei der Finanzierung des Kaufes verhielten sich die Franken wie ein Heuschreckeninvestor: Sie liehen sich das komplette Geld von einem Bankenkonsortium unter Führung der Royal Bank of Scotland. Dann bürdeten sie die Schuldenlast dem eigenen Unternehmen auf. Als die Attacke ans Licht kam, schäumte der damalige Conti-Chef Manfred Wennemer: "Egoistisch, selbstherrlich und verantwortungslos!" Er verlor den Machtkampf und musste gehen.

Unter normalen Bedingungen hätte die Übernahme vielleicht gelingen können. Doch dann kam die Finanzkrise - und nichts mehr war normal. Als im September die amerikanische Lehman-Bank pleiteging, wollten die verunsicherten Aktionäre ihre Conti-Papiere loswerden. Da Schaefflers Übernahmeangebot noch lief, mussten sie zugreifen - und besaßen plötzlich versehentlich 90 Prozent der Aktien statt der knapp 50 Prozent, die sie laut einer Investorenvereinbarung erwerben durften. Preis pro Stück: 75 Euro. Fast über Nacht hatten die Franken nun über elf Milliarden Euro Schulden und müssen nach Insiderangaben rund 70 Millionen Euro monatlich Zinsen zahlen. Eine Zahl, die Schaeffler auf Anfrage des stern nicht kommentieren will. Kurz nach dem Deal rauschte der Kurs der Conti-Aktien, mit denen die Kredite besichert sind, in den Keller. Heute steht er bei rund 15 Euro.

Desolat und planlos

Nun suchen Frau Schaeffler und ihr Manager Geißinger händeringend nach Investoren für die eigene Firma und nach Käufern für mindestens 40 Prozent der Conti-Aktien. Auch die Gummi- und Kunststoffsparte von Conti soll versilbert werden, um den Schuldenberg zu verringern. Doch Experten sind skeptisch. Wer steigt jetzt bei einem Autozulieferer ein? Deswegen reisten die Gebeutelten vorvergangene Woche in die Hauptstadt. Ihr verwegener Plan: Der Staat selbst solle die 40 Prozent der Conti-Aktien für etwa vier Milliarden Euro kaufen - zum Fünffachen des aktuellen Kurswertes. Die Argumentation: Schließlich seien 100 Milliarden Euro im Konjunkturpaket II für Unternehmen vorgesehen, die Opfer der Finanzkrise seien. Ein Konzept, wie Schaeffler aus der Krise herausgeführt werden soll, konnten sie nicht vorlegen. Teilnehmer sprechen von einem "desolaten, planlosen Auftreten". Während Exwirtschaftsminister Michael Glos (CSU) das Ansinnen seiner bayerischen Landsleute stützte, winkte Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) kategorisch ab. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisierte zwar: "Der Staat zahlt nicht die Zeche für riskante Unternehmensentscheidungen." Dennoch räumte sie Schaeffler ein, den Fall "ergebnisoffen" zu prüfen - sobald ein schlüssiges Konzept vorliege.

Einig sind sich die Politiker offenbar in einem Punkt: Mehr als eine Bürgschaft wird es für Schaeffler wohl nicht geben. Nun basteln die Finanzexperten des Unternehmens eifrig an einem Rettungsplan. Exwirtschaftsminister Glos hat ihnen Wirtschaftsprüfer von Price-Waterhouse-Coopers zur Seite gestellt. In den nächsten Tagen will Schaeffler das Ergebnis in Berlin präsentieren. Dabei wird es womöglich nicht mehr nur um vier Milliarden Euro gehen, sondern um eine Bürgschaft für die gesamten Schulden, die Schaeffler-Conti aufweisen: rund 22 Milliarden Euro.

Politikern wie Experten stellt sich unterdessen die Frage: Ist es überhaupt fair, strauchelnde Banken wie die Hypo Real Estate zu stützen, nicht aber Industrieunternehmen wie Schaeffler? Professor Peter Bofinger, Volkswirt und einer der fünf Wirtschaftsweisen, sagt: "Grundsätzlich ja. Banken sind ein öffentliches Gut. Geht eine Bank pleite, dann reißt sie auch andere Institute mit - und damit unser aller Ersparnisse. Das wäre volkswirtschaftlich nicht zu verantworten." Anders bei angeschlagenen Unternehmen: "Wer als Bergsteiger immer steilere Wände erklimmt, erhöht die Gefahr abzustürzen. Das gilt auch für Betriebe: Wer riskante Geschäfte eingeht, muss die Absturzrisiken tragen. Dazu zählt auch eine Finanzkrise." Zumal es zweifelhaft ist, dass in diesem Fall die Finanzkrise überhaupt entscheidend war. Als Schaeffler attackierte, zogen bereits dunkle Wolken über der Branche auf. Die Conti-Aktie war schon damals binnen zwölf Monaten um die Hälfte eingebrochen. Die Analysten der Bank Merrill Lynch hatten den Konzern gerade herabgestuft. Sie fürchteten, dass Conti wegen der schwachen Autokonjunktur, des hohen Ölpreises und wegen der irren Schulden straucheln könnte.

Vorbildfunktion

Würde der Staat Schaeffler mit einem Kredit oder einer Bürgschaft stützen, wäre ein Tor geöffnet, das sich kaum mehr schließen lässt. Mit den 100 Milliarden Euro im Konjunkturpaket II soll "an sich gesunden Unternehmen notfalls" mit Bürgschaften geholfen werden, damit sie "trotz der Finanzkrise notwendige Investitionen tätigen können". Wenn die bis zum Hals verschuldete Schaeffler-Gruppe unter diese Bedingungen fällt, mit welcher Begründung könnte Kanzlerin Merkel dann dem insolventen Schiebedachproduzenten Edscha oder dem Modelleisenbahnbauer Märklin eine Finanzspritze verweigern? Der schwedische Konkurrent von Schaeffler, SKF, kündigte schon mal an, Beschwerde bei der Europäischen Union wegen Wettbewerbsverzerrung einzulegen, falls Schaeffler Staatshilfe erhält.

Professor Bofinger hat seine eigene Medizin für kranke Unternehmen: die Insolvenz. Das klinge zwar schlimm, bedeute aber nicht automatisch, dass alles verloren ist: "Vielmehr geht die Firma in die Hand eines neuen Eigentümers über, die Arbeitsplätze bleiben oft erhalten. Der alte Eigentümer aber verliert sein Kapital. Das ist die gerechte Strafe für seine Fehlleistung." Wegen der hochwertigen Produkte haben Experten wenig Zweifel, dass die Zahl der Jobs bei Schaeffler nicht zwingend sinken müsste, selbst wenn die Gruppe zerschlagen würde. "Da gibt es für jeden Gefeuerten gleich wieder eine offene Stelle", sagt ein Manager eines Wettbewerbers.

Maria-Elisabeth Schaeffler wäre im Falle einer Pleite eine ehemalige Milliardärin - ihr Vermögen steckt weitgehend in der Schaeffler KG. Echter Armut würde sie wohl kaum anheimfallen. Für ihren Sohn und Haupteigentümer Georg, der in den USA lebt und unter das dortige komplizierte Steuerrecht fällt, könnte es allerdings eng werden. "Ihm droht sogar die private Insolvenz", sagt ein Vertrauter. Wer wagt, gewinnt. Wer zu viel wagt, kann alles verlieren.

Mitarbeit: Malte Arnsperger / print

Von:

Rolf-Herbert Peters und Doris Schneyink