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stern-Gespräch

Nach Oxfam-Skandal: Hilfsorganisationen: "Diese Leute fliegen in die ärmsten Länder, mieten die größten Villen"

Der Oxfam-Skandal um Missbrauch von Minderjährigen und Sexpartys im Krisengebiet: Autorin Linda Polman über Probleme bei Hilfsorganisationen und die Verantwortung der Spender.

Oxfam-Skandal: "Missbrauch Minderjähriger war ein offenes Geheimnis"

Linda Polman zum Oxfam-Skandal: Vergleiche mit #meetoo? "Das Machtgefälle ist noch mal erheblich größer"

Die Wohltätigkeitsorganisation Oxfam gilt als britische Institution. Sie ist eine der ältesten und größten Hilfsorganisationen, operiert weltweit, ein vertrauter Name auf der Insel. Sie betreibt Geschäfte in fast allen Fußgängerzonen, darin sehr freundliche Menschen, die Klamotten annehmen und verkaufen – alles für einen guten Zweck. Entsprechend groß ist das Entsetzen über einen Sexskandal, den die Londoner "Times" enthüllte und der den bis dahin makellosen Ruf der Hilfsdienstleister erschüttert.

Nach dem katastrophalen Erdbeben auf Haiti vor acht Jahren sollen Oxfam-Mitarbeiter in Villen Sexpartys mit zum Teil minderjährigen Prostituierten gefeiert haben, die einen Zeugen an die Ausschweifungen Caligulas erinnerten – "halb nackte Mädchen in Oxfam-T-Shirts und weiße Männer, die das Frischfleisch-Grillfest nannten". All das zu einer Zeit, da auf Haiti mehr als eine viertel Million Menschen gestorben waren.

Vertrauen nicht nur in Oxfam verletzt

Im Zentrum der Anschuldigungen steht der 68 Jahre alte Belgier Roland Van Hauwermeiren, damals sogenannter Country Director in Haiti und bereits von zweifelhaftem Ruf. Van Hauwermeiren hatte zuvor in Liberia für die Hilfsorganisation Merlin (inzwischen Teil von "Save the Children") gearbeitet, musste den Posten aber räumen – wegen des Vorwurfs sexueller Übergriffe. Was Oxfam jedoch nicht daran hinderte, den Belgier anzuheuern.

Er war für sie im Tschad, im Kongo und eben auf Haiti. Wo ihm Oxfam 2011 trotz bereits bekannt gewordener Vorfälle einen "würdigen Abschied" erlaubte und auch seinen neuen Arbeitgeber, die internationale Organisation "Action against hunger", nicht alarmierte.

Van Hauwermeiren ist und war kein Einzelfall, er steht symbolisch für systematisches Fehlverhalten. Scheibchenweise kam heraus, dass Übergriffe von diversen Mitarbeitern vertuscht wurden. Offenbar aus Furcht, den guten Ruf und damit Spenden zu verlieren. Oxfam hat sich bei seinen Spendern entschuldigt und Besserung gelobt. Die britische Regierung untersucht den Fall. Die Enthüllungen verletzen aber nicht nur das Vertrauen in Oxfam, sondern in alle Hilfsorganisationen. Allein im vergangenen Jahr wurden 120 Fälle sexueller Übergriffe gemeldet, betroffen waren auch führende Hilfsorganisationen.

Die niederländische Journalistin und Autorin Linda Polman, 57, berichtet seit Jahrzehnten aus Katastrophengebieten und warnt vor Machtmissbrauch, den sie vor Ort immer wieder beobachten konnte. Der stern sprach mit ihr über den jüngsten Skandal. Und darüber, wie sich Spender richtig verhalten können.

Frau Polman, Sie haben drei kritische Bücher über Hilfsorganisationen geschrieben. Wer die liest, zweifelt grundsätzlich am Sinn von Wohltätigkeit. Was aber ist die Alternative? Tatenlos zusehen?

Das sage ich ja nicht. Wer spendet, sollte aber seine Hausaufgaben machen. Wie waren die in der Vergangenheit? Kennen die das Land? Welchen Ruf haben die? Zehn Euro zu geben, um sein Gewissen zu erleichtern, ist zu wenig. Damit verändert man auch nichts. Viele Hilfsorganisationen setzen auf die Faulheit der Spender. Wir müssen nicht ständig in Panik verfallen, wenn es irgendwo ein Erdbeben oder einen Erdrutsch gibt.

Das ist ein menschlicher Reflex.

Natürlich, aber Panik ist nicht die richtige Reaktion darauf. Und erst recht nicht, der erstbesten Hilfsorganisation Geld hinterherzuwerfen. Warum nicht eine Organisation unterstützen, die seit Jahren und Jahrzehnten verlässlich und überprüfbar gut arbeitet? Haiti zum Beispiel ist seit 50 Jahren voll von Organisationen. Darunter viele lokale und sehr gute. Wer solche Organisationen sucht, findet sie auch. Nicht nur auf Haiti. Man muss sich nur die Mühe machen.

Sie waren nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti. Sind Sie damals Roland Van Hauwermeiren begegnet?

Ich weiß, dass er da war, habe ihn aber persönlich nicht getroffen. Schauen Sie, er ist nur ein Teil einer ganz speziellen Atmosphäre in solchen Krisensituationen. Die internationalen Hotels und Casinos und Diskotheken blieben weitgehend unbeschädigt. Da trafen sich dann abends die wohlhabenden weißen Männer, tranken viel und scharten junge, schwarze Mädchen um sich. Das war und ist ein offenes Geheimnis. Ähnliche Skandale gab es natürlich auch schon vorher. Jetzt ist das Interesse auch deshalb so groß, weil die #MeToo-Diskussion dazukommt. Und außerdem ist es Oxfam, einer der bekanntesten Namen in Großbritannien.

Das klingt nach einem Aber.

Man macht es sich damit zu einfach. Oxfam steht nun im Zentrum der Debatte, obwohl die ganze Misere längst nicht nur diese Organisation betrifft. Sondern ganz viele. Das Muster ist überall ähnlich.

Dann beschreiben Sie uns bitte dieses Muster.

Diese Leute fliegen in die ärmsten Länder der Welt, mieten sich die größten Villen, lassen sich in den dicksten Autos rumfahren, essen in den teuersten Restaurants. Und bauen schlimmstenfalls noch ein Abhängigkeitsverhältnis zu den Menschen auf, denen sie an sich helfen sollten. Unter ihnen eben viele Mädchen. Es ist abscheulich.

Ist das überall gleich? Oder gibt es Unterschiede von Katastrophengebiet zu Katastrophengebiet?

Afghanistan ist noch schlimmer. Dort gibt es diese Clubs für die Expats aus dem Westen. Die ließen sogar aus den Philippinen junge Tänzerinnen einfliegen, die in ihren Unterhöschen Spielzeugpistolen trugen.

Haben die Enthüllungen auch damit zu tun, dass Frauen im Zuge von #MeToo nicht länger schweigen?

Es spielt schon eine Rolle. Aber es gibt da einen ganz erheblichen Unterschied, und das soll jetzt nicht zu hart oder zynisch klingen. Die Frauen in der Filmindustrie konnten Sex zustimmen – und den Job bekommen. Oder eben nicht. Wohingegen die jungen Mädchen in Haiti oder anderswo diese Wahl nicht haben. Sie brauchen das Geld, sie brauchen das Essen oder Wasser oder Seife. Diese Frauen können sich das nicht aussuchen. Das Machtgefälle ist noch mal erheblich größer. Zwischen Hollywood und Haiti liegen eben Welten.

Die Übergriffe waren den Verantwortlichen seit Jahren bekannt. Und sie wurden vertuscht. Wie kann das sein?

Das liegt in der Natur der Sache. Ich bin mir im Übrigen sicher, dass es noch viel mehr Beschwerden innerhalb der Hilfsorganisationen gibt, als wir auch nur ahnen. Nehmen wir nur Oxfam: Die operieren in zig verschiedenen Ländern. Und nun fliegt denen Haiti um die Ohren, und sie geloben natürlich Besserung. Aber wir werden nicht erfahren, wie es in den übrigen Filialen weltweit ausschaut. Das behalten die schön unter der Decke. Die Vereinten Nationen dagegen haben mehr als hundert Fälle dokumentiert, in denen sich Blauhelm-Soldaten aus Sri Lanka an Minderjährigen in Haiti vergingen und sie geschwängert haben. Die hatten dort sogar Bordelle eingerichtet.

Und was passierte mit den Beteiligten?

Sie wurden abgezogen und nach Hause geschickt.

Und dort bestraft?

Ich weiß nur von einem Fall, wo ein Opfer aus Haiti entschädigt wurde. Aber immerhin werden diese Fälle dokumentiert. Das unterscheidet die UN von vielen Hilfsorganisationen.

Eines Ihrer Bücher heißt "Die Mitleidsindustrie", und darin schreiben Sie, dass sich Hilfsorganisationen nicht anders verhalten als alle anderen großen Konzerne in der freien Wirtschaft.

So ist es. Sie überleben durch Spenden und durch Zuschüsse der Regierungen. Und sie sind natürlich nicht daran interessiert, dass peinliche Dinge publik werden, die den Ruf und damit das Geschäft beschädigen. Denn natürlich ist internationale Hilfe ein Geschäft mit einem Jahresumsatz von 150 Milliarden Dollar. Und das ist nur die offizielle Summe.

Ein Geschäft mit viel Konkurrenz obendrein. Sie nennen das Rattenrennen.

Die kämpfen mit allen Mitteln, um besser als die anderen dazustehen. Auch das konnte ich vor Ort erleben. Ich habe auf Haiti mit dem Leiter eines Krankenhauses in der Hauptstadt Port-au-Prince gesprochen, der völlig verzweifelt war. Seine Ärzte und Krankenschwestern waren alle weg. Abgeworben von den Hilfsorganisationen. Und zwar nicht einmal als Ärzte, sondern als Übersetzer und Chauffeure. Das müssen Sie sich mal vorstellen. Es geht den Organisationen in erster Linie darum, zu funktionieren – in Konkurrenz mit den anderen. Dafür ruinieren sie sogar Krankenhäuser in Krisengebieten. Nur um nach Hause berichten zu können: Wir geben das Geld sinnvoll aus.

Und es gibt wirklich keine Ausnahmen?

Ich habe zuletzt "Ärzte ohne Grenzen" ein paarmal gelobt. Und kaum hatte ich das getan, kamen die mit einem Report zu sexuellen Übergriffen heraus und sagten: Auch einige unserer Leute haben das getan. Was ich wiederum begrüße, weil sie offen damit umgehen und das nicht verstecken. Ich glaube aber kaum, dass die anderen diesem Beispiel folgen.

Welche Rolle spielen die Medien in dieser ganzen Geschichte?

Wir Journalisten sind faul. Natürlich nicht alle, aber doch viele. Die lassen sich am Flughafen im Landrover abholen, in Flüchtlingslager oder Kinderheime fahren, kriegen dort die Bilder von kranken oder toten Babys und fliegen wieder nach Hause. Die reden sich damit raus, dass sie ohne die Unterstützung der Hilfsorganisationen diese oft entlegenen Ecken nicht erreichen können. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das großer Unsinn ist. Es ist Bequemlichkeit. Wir brauchten außerdem mehr Journalisten, die dem Weg des Geldes folgen. 150 Milliarden Dollar pro Jahr, und keiner weiß wirklich, wohin die Kohle geht. Und jetzt, da bekannt wird, dass Oxfam-Leute junge Mädchen ficken, wachen alle auf. Wir gucken aber nicht auf das Gesamtbild.

Sie tun das seit einem Vierteljahrhundert unentwegt.

Und ich mag es, weil ich immer was Neues finde. Aber mein Einfluss bleibt auch begrenzt. Natürlich haben meine Bücher einige Leute zum Nachdenken gebracht. Aber die Industrie selbst? Die haben nur ihre Sprecher geschult und Entschuldigungen perfektioniert. Ich glaube nicht, dass sich das zu meinen Lebzeiten noch ändern wird.

Nicht mal jetzt, nicht mal nach diesen massiven Vorfällen?

Nein. Oxfam wird mit einer Stellungnahme rauskommen und vielleicht einen Ombudsmann einsetzen und versprechen, es werde nicht mehr vorkommen. Die britische Regierung wird das akzeptieren. Die anderen halten sich bedeckt und warten ab, bis sich der Sturm gelegt hat. Und in zwei Wochen, das ist meine Voraussage, wird das alles vorüber sein. Dann machen sie einfach weiter wie bisher. Bis zum nächsten Skandal.