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Roman Abramowitsch: Kassenwart des Kreml

Bei uns kennt man ihn als den reichen Russen, der den FC Chelsea kaufte. Zu Hause gilt Roman Abramowitsch als der wichtigste Oligarch im System Putin. Dabei ist sein Erfolgsrezept sehr simpel.

Da hatte er seine engeren Freunde über Neujahr in die französischen Alpen geladen. Wollte im Wintersportort Courchevel mal eben ein gutes Dutzend der schönsten Chalets kaufen. Er zahle jeden Preis, hieß es. Doch es fand sich kein Verkäufer - und so musste auch Roman Abramowitsch ins Luxushotel ausweichen, zu den anderen russischen Superreichen, die sich Courchevel für ihr Schneevergnügen ausgesucht haben. Mit den stärksten Bodyguards, den besten Skilehrern, der teuersten Ausrüstung, den verschwenderischsten Feiern.

Selbst hier, unter Freunden, war er nur selten zu sehen. Manchmal stapfte er durch den Schnee, ein junger Mann mit Dreitagebart und melancholischem Blick, der in seinen abgewetzten Jeans und der Fleece-Jacke wie ein Student aussah.

Roman Abramowitsch, 37, verheiratet, fünf Kinder, 5,7 Milliarden Dollar schwer, Oligarch. Ölbaron, Aluminiumkönig und Autoproduzent. Er liebt handgefertigte englische Sportwagen, reist in einer privaten Boeing. Und seine 90-Millionen-Euro-Yacht "Le Grand Bleu" soll mit Spezialsensoren ausgerüstet sein, die auf weite Entfernung vor Kameras warnen. "In Russland leben wir nicht so lang", sagt er, "also verdienen wir und geben das Geld wieder aus."

955 Millionen Euro Jahreseinkommen

Sein Kapital verwaltet die Holding "Millhouse Capital" am sicheren Finanzplatz London. Dort besitzt er ein Stadthaus am superfeinen Lowndes Square und einen 424 Hektar großen Landsitz in West Sussex. Auf dem Gelände lässt er gerade ein eigenes Freizeit- und Sportzentrum errichten. Mit 955 Millionen Euro Jahreseinkommen wird er als bestverdienender Mann Großbritanniens geführt. Für Interviews, behauptet er, sei sein Englisch zu schlecht. In Wahrheit mag Roman Abramowitsch keine Fragen.

Dieser unnahbare Mann gilt als graue Eminenz der russischen Politik, "das Portemonnaie des Kreml". Diskret, vielseitig und vor allem frei von Überzeugungen. Im Westen bekam sein Name Klang, als er im vergangenen Juli für 210 Millionen Euro den englischen Erstligisten Chelsea FC kaufte. Er mischte die Fußballwelt und den brachliegenden Transfermarkt auf, als er innerhalb weniger Monate für weitere 175 Millionen zwölf Spieler kaufte. Der Russe schnappte sich Damien Duff von den Blackburn Rovers, Hernán Crespo von Inter Mailand, er bot 21 Millionen für Roy Makaay und wollte Thierry Henri vom Erzrivalen Arsenal für 75 Millionen weglocken.

Als Abramowitsch einmal beiläufig gesagt haben soll: "Ich mag Beckham", hieß es gleich, er wolle 150 Millionen für ihn hinlegen. Inzwischen singen die Fans des "Chelski FC" vor jedem Anpfiff das ur-russische Volkslied "Kalinka" und skandieren an der Londoner Stamford Bridge "We are fucking loaded" - "Wir haben scheißviel Geld", wenn Abramowitsch mit seiner blonden zweiten Frau Irina, einst Stewardess der Aeroflot, in der "Millenium Box" des Stadions erscheint. Zu Auswärtsspielen lässt er sich samt Bodyguards und Freunden in fünf gecharterten Helikoptern fliegen. Alle, die mit Abramowitsch zu tun haben, schwärmen: "Er ist unglaublich nett. Mit ihm könnte man abends Pizza beim Lieferservice bestellen."

Der Russe scheint aber mehr an italienischem Fußball als an italienischem Essen interessiert. Gerade wollte er sich über seine Beteiligung am russischen Ölkonzern Nafta bei AS Rom einkaufen - der 400-Millionen-Euro-Deal platzte am Montag.

Drahtzieher in der Affäre Yukos

Dieser unauffällig wirkende Mann ist nicht bloß der steinreiche Großinvestor, der im Spitzenfußball mitspielen will. Zu Hause in Russland ist er einer der Drahtzieher in der Affäre Yukos. Der Skandal um den größten russischen Ölkonzern hatte im vergangenen Oktober zur spektakulären Verhaftung des Milliardärs Michail Chodorkowskij geführt. Dem wurde vorgeworfen, Steuern hinterzogen und betrügerische Geschäfte gemacht zu haben.

In Russland ist fast jeder davon überzeugt, dass er in Wahrheit von Wladimir Putin ins Gefängnis geworfen wurde, weil er dem Präsidenten gefährlich zu werden drohte. Chordorkowskij, der reichste Oligarch von allen, forderte mehr Demokratie und machte sich damit den Herrscher im Kreml zum Feind.

Jetzt übernehmen die Männer um Putin die Kontrolle über die Finanzströme aus den Schlüsselbereichen der Wirtschaft. Und sie bedienen sich dabei jener Oligarchen, die willfährig sind, so wie Roman Abramowitsch. Die Affäre Yukos wird in Anlehnung an die russische Revolution auch "Oktoberumsturz" genannt. Russland, so die Vision des Präsidenten, wird wieder stark werden, der zweitgrößte Ölproduzent der Welt, von harter Hand regiert. Von denen im Westen will man sich nicht mehr reinreden lassen. Von nun an herrscht wieder das, was die Menschen in Russland ebenso ängstlich wie ehrfürchtig "wlast" nennen. Die Macht.

Roman Abramowitschs Weg zur Macht war verschlungen, aber er ging ihn zielstrebig. Geboren wurde er am 24. Oktober 1966 als einziges Kind jüdisch-ukrainischer Eltern. Er ist erst wenige Monate alt, als seine Mutter an den Folgen einer illegalen Abtreibung stirbt. Sein Vater kommt bei einem Arbeitsunfall ums Leben, als der Junge drei ist. Sein Onkel, ein Ölingenieur, nimmt ihn auf. "Roma", wie man ihn ruft, wächst in der Ölprovinz Komi nahe des Polarkreises auf. Er beginnt ein Studium am renommierten Moskauer Gubkin-Öl-und-Gas-Institut. Auch er will Ingenieur werden.

Der 21-jährige Student gründet die Firma Ujut

1987 beginnt die Perestrojka. Der 25-jährige Chemie-Ingenieur Michail Chodorkowskij verdient die ersten Millionen mit seiner privaten Bank. Der 21-jährige Student Roman Abramowitsch gründet die Firma Ujut, Gemütlichkeit. Produziert Gummienten und Fußbälle, die er auf Märkten verkauft. An der neu eröffneten Börse handelt er mit Ölprodukten. Wird wegen 55 "verloren gegangener" Waggons voller Öl verhört - ohne Ergebnis. Er gründet die Firma Runicom mit Sitz in der Schweiz. Sie wird in den kommenden Jahren zum Umschlagplatz für das Kapital seiner rund 40 Unternehmen. Später gerät Runicom unter Verdacht, Zentrale für Geldwäsche und Steuerhinterziehung zu sein. Abramowitsch wird reich. Er holt alte Freunde aus seiner Studienzeit. Ihnen vertraut er bis heute. Sie leiten seine Firmen.

Mitte der 90er Jahre schlägt die Stunde der russischen Oligarchen. Ihr wahnwitziger Reichtum gründet sich auf ein ebenso einfaches wie unverschämtes Prinzip: Mit Hilfe ihrer Banken geben die neuen Reichen dem notleidenden Staat Kredite. Dafür werden sie später Besitzer von maroden Staatsunternehmen mit Perspektive: Nickel und Aluminium, Telekommunikation, Fernsehen und vor allem Öl, größter Reichtum des Landes, gehen in ihren Besitz über.

"Kredite gegen Aktien" nennt sich das Schema, das wenig später auch dem angeschlagenen Präsidenten Boris Jelzin die Wiederwahl finanzieren wird. Der Handel ist ein gigantischer Diebstahl. Es ist der Raubzug des 20. Jahrhunderts.

Die Fusion einer Raffinerie und einer kleineren sibirischen Ölfirma

Damals gilt der Mathematikprofessor Boris Beresowskij als Über-Oligarch. Er kontrolliert das landesweite Fernsehprogramm ORT. Beresowskij wird der große Einflüsterer der "Familie" um Jelzin. Im Frühjahr 1995 spricht ein junger Mann auf Empfehlung von Jelzins Schwiegersohn bei ihm vor. Dieser Roman Abramowitsch macht einen faszinierenden Vorschlag: die Fusion einer Raffinerie und einer kleineren sibirischen Ölfirma zum Konzern Sibneft - und dessen anschließende Privatisierung. Das erfordert die Unterschrift des Präsidenten.

Innerhalb von drei Tagen schafft Beresowskij alle Papiere herbei. Er erklärt Jelzin, er brauche die Öleinkünfte, um den Fernsehkanal ORT zu finanzieren. Jelzin wiederum weiß: Er braucht das Fernsehen, um die Wahlen zu gewinnen. Am 24. August 1995 unterzeichnet der russische Präsident das Dekret Nr. 872 zur Gründung von Sibneft. Drei Monate später findet der Verkauf per Auktion statt. Mindestpreis: 100 Millionen Dollar. Beresowskij bietet lächerliche 300 000 Dollar mehr. Ein Mitbewerber möchte 100 Millionen Dollar mehr zahlen. Doch wenige Minuten vor Beginn der Auktion zieht er sein Angebot zurück. Beresowskij erhält Sibneft und macht Abramowitsch zu seinem Partner. "Warum? Er war wie ich", sagt Beresowskij, "nur 20 Jahre jünger." In den kommenden Jahren erwirbt Abramowitsch weitere Aktienpakete. Inzwischen ist Sibneft 13 Milliarden Dollar wert. Insgesamt zehn Firmengruppen bestimmen heute fast 40 Prozent der russischen Industrieproduktion.

Im März 2000 verschaffen die Oligarchen dem braven KGB-Offizier Wladimir Putin die Präsidentschaft. Beresowskij aber verliert sein Spiel. Zu laut tönt er, dass er die neuen Herren des Kreml im Griff habe. Putins Männer aber wollen die Kontrolle über die Medien und über die Unternehmen. Sie brauchen gehorsame Oligarchen. Im November 2000 verlässt Beresowskij das Land.

Roman Abramowitsch kauft seinem ehemaligen engsten Geschäftspartner für 80 Millionen Dollar die Anteile am Fernsehkanal ORT ab, hält Putins Leute bei Laune, indem er die Stimmrechte bald darauf dem Staat überträgt. Und für seine Beteiligung an Sibneft zahlt er Beresowskij 1,3 Milliarden Dollar.

In die Sommerferien ans Schwarze Meer

Roman Abramowitsch ist ein umsichtiger Mann. Darum entdeckte er vor ein paar Jahren seine Liebe zu einer heruntergekommenen Provinz im fernen Osten Sibiriens, neun Zeitzonen von Moskau entfernt. Die Tschukotka ist doppelt so groß wie Deutschland, hier wird es bis zu minus 60 Grad kalt. 75 000 Rentierzüchter und Walrossfänger leben hier, die meisten verarmte Inuit, vom Staat vergessen. Bevor er kam, schlachteten die sibirischen Eskimos im Winter ihre Hunde, um nicht zu verhungern. Doch dann verteilte Abramowitsch Zucker, Butter und Brot, Arznei und Konserven. Er schickte Tausende Kinder in die Sommerferien ans Schwarze Meer.

Mit 92 Prozent der Stimmen wurde Abramowitsch zum Gouverneur gewählt. Heute lässt er Schulen, Kulturzentren und neue Häuser selbst in den entlegensten Siedlungen bauen. Überall klebt sein Konterfei mit dem gepflegten Dreitagebart. 200, vielleicht 300 Millionen Dollar habe er investiert, sagt Abramowitsch. Damit hat er der Zentralregierung von Wladimir Putin viel Geld gespart. Ein Zufall sicher nur, dass die Provinz zu einem steuersparenden "innerrussischen Offshore-Gebiet" erklärt wurde. Sein Konzern Sibneft profitiert davon: Er zahlt 13 Prozent Steuern pro Jahr. Andere Ölunternehmen zahlen mehr als doppelt so viel.

Doch Roman Abramowitsch ist auch ein vorsichtiger Mann. Immer wieder schickt er ein paar Milliarden "in die Sackgasse " - so nennen die neuen Russen Finanztransfers in den Westen. Verkaufte für zwei Milliarden Dollar cash die Hälfte seiner Anteile am Aluminiumkonzern Rusal. Versilberte seine Aktien bei der Fluggesellschaft Aeroflot und einen Teil seines Besitzes am Lkw- und Pkw-Hersteller Ruspromawto.

"Damit hat er uns allen geschadet"

Präsident Putin soll sich unlängst inoffiziell vor handverlesenen Kreml-Journalisten über derlei Geschäftsgebaren geäußert haben: "Man muss sich nichts vormachen. Abramowitsch hat sich legalisiert. Damit hat er uns allen geschadet. Da drüben singen sie im Stadion ,Kalinka", und wir sitzen hier im Dreck." Ende Januar verkündete der Vorsitzende des russischen Rechnungshofes, man werde in diesem Jahr den Konzern Sibneft und die Bücher der Provinz Tschukotka prüfen. Dies bedeute das Ende des Oligarchen Abramowitsch, orakeln die einen. Ein bisschen Nebel im Wahlkampf, behaupten andere.

Die Präsidentenwahlen am 14. März sind längst entschieden. Die Mehrheit des Volkes wird Putin wählen - in der Hoffnung auf wirtschaftliches Wachstum, neue nationale Größe und weitere Stabilität. Das demokratische Geplänkel ist ohnehin vorbei. Bei den Parlamentswahlen im Dezember sicherte sich Putin die Zweidrittel-mehrheit. Der servile Innenminister Boris Gryslow wurde zum Parlamentspräsidenten bestellt, alle 29 Ausschussvorsitzenden gehören der Putin-Partei "Russlands Einheit" an. So kann er jederzeit die Verfassung ändern lassen. Auch Premierminister Michail Kasjanow galt als Vertreter der alten Jelzin-Zeit. Er musste in der vergangenen Woche Putins Männern Platz machen.

Wie das System Putin funktioniert? "Ganz einfach", sagt Georgij Satarow, Leiter des Moskauer Korruptionsforschungsinstituts Indem. "Gewaltenteilung existiert nicht mehr. Wir erleben die Auferstehung der korrupten Bürokratie sowjetischen Typs. Schon jetzt frisst sie jährlich 40 Milliarden Dollar Bestechungsgelder. Wie einst das Politbüro kontrollieren Putins Apparatschiks den politischen Prozess im Land. Wer gewählt werden will, muss bei ihnen um Erlaubnis fragen. Wer große Geschäfte abschließen möchte, braucht ihr Einverständnis."

"Die so genannten staatstreuen Unternehmer dürfen den Apparat und die Justiz für Geschäfte nutzen", sagt die Moskauer Eliteforscherin Olga Kryschtanowskaja, "solange sie loyal sind und dem Kreml gewisse Dienste erweisen." Allein für den pompösen 300. Geburtstag St. Peters-burgs im vergangenen Jahr sollen sie nach eigenen Schätzungen 360 Millionen Dollar "informelle Steuern" entrichtet haben.

Der Ölbaron Michail Chodorkowskij war nicht loyal

Anders als Roman Abramowitsch war der Ölbaron Michail Chodorkowskij nicht loyal. Er glaubte, er müsse nicht mehr gehorchen. Zwar holte auch er sich die Erlaubnis zur Finanzierung von Parteien im Kreml. Doch dann kritisierte er offen die Korruption in Putins Apparat. Schlimmer noch: Er bandelte mit den USA an, wollte einen Teil seines Konzerns an den Multi Exxon verkaufen.

"Chodorkowskij wird so lange sitzen, wie Putin Präsident ist", sagt Boris Beresowskij in seinem eleganten Büro im Londoner Exil. "Er hat wohl zu spät verstanden, dass man ihm seinen Ölkonzern wegnehmen will. Im Moment profitiert Abramowitsch davon. Doch das System kennt keine Freunde."

Deshalb könnte selbst der Kassenwart des Kreml zum Klassenfeind im System Putin werden. Noch im vergangenen Jahr konnten er und Chodorkowskij stolz die Fusion ihrer Konzerne Yukos und Sibneft verkünden. Daraus sollte der viertgrößte Ölkonzern der Welt entstehen. Doch bereits im vergangenen Frühjahr wurde Chodorkowskij von den Spionen seines internen "Sicherheitsdienstes" gewarnt: "Roman will dir Yukos wegnehmen." Und noch wenige Wochen vor seiner Verhaftung habe er sich mit einem Vertreter des Kreml getroffen, berichtet ein Yukos-Manager. "Man schlug ihm vor, Yukos zu verkaufen und das Land zu verlassen." Chodorkowskij weigerte sich.

Vertreter von Abramowitsch forderten die Kontrolle über Yukos

Einen Monat nach seiner Festnahme fand eine lang geplante Aktionärsversammlung statt. Sie sollte die Fusion absegnen. Doch überraschend forderten Vertreter von Abramowitsch die Kontrolle über Yukos. Dies geschehe auf Wunsch der Präsidialadministration. Chodorkowskij lehnte wieder ab. Zurzeit werden Yukos-Ölförderlizenzen penibel überprüft, unter anderem auf den möglichen "Austritt von Radioaktivität" an Bohrlöchern. Gegen einen weiteren Yukos-Großaktionär wurde Haftbefehl erlassen. Rund 40 Prozent der Aktien bleiben konfisziert. Es sind Milliarden, die es zu verteilen gilt. "So etwas wie Yukos kann theoretisch auch mir passieren", sagt Roman Abramowitsch. "Ich werde versuchen, dies zu verhindern."

Noch sieht es nicht danach aus. Noch immer röhren seine Fans an der Londoner Stamford Bridge im Stadion des Chelski FC: "Wir haben scheißviel Geld." So klingt die Hymne der neorussischen Revolution. Noch ist es auch die Hymne von Roman Abramowitsch.

Katja Gloger / print