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Schwarzarbeit: Jäger des verlorenen Schatzes

Von wegen "Nachbarschaftshilfe": Rund 370 Milliarden Euro wurden in diesem Jahr am Fiskus vorbeiverdient. Nichts boomt so sehr wie die Schwarzarbeit. Kein Wunder, dass der Staat jetzt härter durchgreift - und die Fahndung verschärft.

Ein ungemütlicher Tag bricht an, tief im Westen der Republik zwischen Aachen und Mönchengladbach. Die Wolken schieben sich dunkel und fett von Holland heran. Über den Selfkant hinweg pieselt ein kalter Nieselregen. Hinter einer Regentonne zusammengekauert hockt Omo Tutu* (Die Namen der überprüften Personen wurden geändert) und friert. Seit zwei Stunden sitzt der Liberianer dort auf dem Hinterhof einer Bäckerei, nur mit einem dünnen T-Shirt, Jeans und Bäckerschürze bekleidet. Die Zähne klappern ihm vor Kälte und Angst. Wenn das halbe Dutzend uniformierter Männer und Frauen, die im Morgengrauen kurz nach sechs die Backstube stürmten, ihn hier finden würden, hätte er ein Problem. Das ist Omo Tutu klar. Deshalb türmte der 38-Jährige auch Hals über Kopf, als die Zoll-Razzia begann.

Seit fünf Jahren arbeitet Tutu bei Bäcker Bommers - ohne Papiere, schwarz. Das Sozialamt zahlt jeden Monat 300 Euro Unterhalt für ihn und seine vierköpfige Familie. Außerdem bekommt er 400 Euro Mietbeihilfe. Omo Tutu sagt, ihm gehe es gut in Deutschland. Er klagt nicht. Wenn die Zöllner ihn jetzt finden, wird man ihn wohl abschieben. Als die Beamten den Farbigen hinter der Tonne entdecken, ist der dennoch fast erleichtert. Vor Kälte kann er kaum noch seinen Namen buchstabieren. "Der wäre uns fast erfroren, der Blödmann", knurrt der Einsatzleiter Günter Nicklisch. Für den Zollamtmann und seine Beamten ist Tutu nur ein kleiner Fisch. "Leistungsbetrug", lautet später die Anklage vorm Aachener Amtsgericht. Tutu darf während seines Asylverfahrens ohne Genehmigung keine Arbeit annehmen. Mit einer Geldstrafe kommt er davon.

Für Bäcker Bommers wird es teuer. "Steuerhinterziehung, Abgabenverstoß, Beschäftigung von Ausländern ohne Arbeitsgenehmigung." Auf gut Deutsch: Förderung von Schwarzarbeit. Um knapp 12.000 Euro soll der Bäckermeister das Sozialamt betrogen haben, die Sozialversicherung will 7..500, das Finanzamt 2.700 Euro von ihm zurück. "Ein kleiner Erfolg im großen Kampf gegen die Schattenwirtschaft", sagt Nicklisch. Sein Ton ist knapp, der Körper durchtrainiert, die grauen Haare und der Schnauzer sind kurz gestutzt. Seine Truppe trägt kecke grüne Baretts und dicke Lederjacken mit reflektierender Rücken-Aufschrift "ZOLL". Die Frauen und Männer sind für die "Bekämpfung der illegalen Beschäftigung durch die Zollverwaltung" (BillBZ) beim Aachener Hauptzollamt zuständig. Eine der bundesweit erfolgreichsten Einheiten im Kampf gegen Schwarzarbeit, wie es in den vorgesetzten Finanzbehörden heißt.

Vom Bundesfinanzminister in Berlin haben die Fahnder klare Vorschriften: "Der Zoll ist der Gerichtsvollzieher des Bundes", sagt Hans Eichel. Jeder der 2.100 BillBZ (sprich: Bill-Be-Zett)-Beamten soll jährlich mindestens 150.000 Euro an Schadensgeldern in die Staatskasse zurückschaffen. Nach dem Fall der EU-Binnengrenzen wurden die Einheiten aus aufgelösten Fahndungsgruppen und Zollhäuschen-Besatzungen zusammengestoppelt und auf die Baustellen geschickt, um fortan Schwarzarbeiter zu jagen. "Seitdem haben wir den Spottnamen 'Gerüst-Schüttler' weg", klagt Nicklisch. Zwischen den Baggern und Kränen hatten schon andere nach dem Rechten gesehen: die Kollegen vom Arbeitsamt und von den Ordnungsämtern. Manchmal drückten sich sogar Detektive herum, um im Auftrag von argwöhnischen Handwerkern die Konkurrenz auszuspähen. Doch die BillBZler erwiesen sich schon bald als besonders erfolgreich. Nicht lange nach ihrer Gründung ernteten die Zöllner bereits dickes Lob aus dem Ministerium. Nahe Aachen hatten sie nach monatelanger Observation einen Landschaftsgärtner dingfest gemacht, der mit Schwarzarbeit 2,6 Millionen Mark Sozialversicherung und 3,5 Millionen Mark Steuern am Fiskus vorbeigeschoben hatte.

Als "Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaft" dürfen die Zöllner bei ihren Einsätzen eine Neun-Millimeter-Pistole tragen. Denn Bedrohungen gehören zum täglichen Risiko: "Kollegen wurden auf den Baustellen schon mit Moniereisen und Dachlatten attackiert", sagt Nicklisch. Geschossen haben die Zöllner bislang allerdings noch nie. Dafür wird umso mehr Papier gewälzt. Im vergangenen Jahr überprüften BillBZ-Beamte bundesweit 77.400 Personen an ihren Arbeitsstellen. Bei 26.000 Arbeitgebern wurden die Geschäftsunterlagen gefilzt, zudem wurden 10.500 Verfahren wegen Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten abgeschlossen - mit den meist gleichen Vorwürfen: Verstöße gegen das Ausländergesetz, Nichtabführen von Sozialversicherungsabgaben, Steuerhinterziehung, Betrug. Die ermittelte Schadenssumme lag bei 191 Millionen Euro. Bußgelder in Höhe von fünf Millionen Euro wurden gefordert, 21 Millionen Euro an Vermögen sichergestellt und insgesamt 227 Jahre an Haftstrafen verhängt.

Doch so emsig die Prüfer des Zolls auch sind: Ihr Kampf ist offenbar aussichtslos. Professor Friedrich Schneider, der sich seit Jahren an der Universität Linz auf die Analyse von Schattenwirtschaft und Schwarzarbeit verlegt hat, präsentiert jährlich neue Zahlen für die Bundesrepublik. Jüngst meldete er einen Anstieg von sieben Prozent für das Jahr 2003. Damit habe die Schwarzarbeit, die ohne Sozialabgaben und Steuern auskommt, in Deutschland das "Rekordniveau von 370 Milliarden Euro erreicht". Sein Fazit: "Die Schattenwirtschaft ist der am stärksten boomende Wirtschaftszweig in Deutschland." Mit Schwarzarbeit, so Schneider, werden auch im kommenden Jahr wahrscheinlich 400 Milliarden Euro verdient, fast 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Die Bereitschaft, schwarzzuarbeiten oder schwarzarbeiten zu lassen, nimmt in Deutschland stetig zu, behauptet Schneider. Die Hälfte der Bundesbürger würde auf die Frage "Brauchen Sie eine Rechnung?" abwinken und so wenigstens die Mehrwertsteuer sparen. Sie lassen sich ohne Rechnung die Autos reparieren, die Haare schneiden, den Garten roden, den Gehweg pflastern und die Wände streichen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung geht davon aus, dass drei Millionen deutsche Haushalte eine Putzfrau haben. Offiziell gemeldet sind aber nur 40.000.

Viel problematischer ist aber, so Schneider, dass inzwischen ganze Branchen immer stärker von der Schwarzarbeit profitieren. Das Baugewerbe steckt ebenso tief in der Schattenwirtschaft wie das Reinigungs- und Transportgewerbe. Gastronomie und Rotlichtmilieu gehören zu den illegalen Spitzenverdienern. Im Bundesfinanzministerium herrscht deshalb Großalarm. Künftig will man sich bei der Jagd auf Schwarzarbeiter nicht mehr in verschiedenen Zuständigkeiten verzetteln. Der Zoll soll allein verantwortlich sein. 2.500 Fahnder, die bisher für die Arbeitsämter unterwegs waren, wechseln zu den BillBZ-Einheiten. Anfang 2004 wird die Truppe 7.000 Mann stark, und der Fuhrpark von derzeit 1.000 auf 1.800 Einsatzfahrzeuge aufgestockt. Die Abteilung "Finanzkontrolle Schwarzarbeit" bei der Oberfinanzdirektion Köln wird für die bundesweite Koordinierung zuständig sein.

Eichel geht auch an die Gesetze: Von Mitte 2004 an sollen die meisten Schwarzarbeit-Verstöße - bisher Ordnungswidrigkeiten - Straftatbestand sein. Es drohen Haftstrafen bis zu zehn Jahren. "Solch rasante Veränderungen habe ich in 22 Jahren beim Zoll noch nicht erlebt", sagt Günter Nicklisch. Auf einem großen Parkplatz vor den Toren der Stadt Jülich hat er seine Einheit an diesem Tag versammelt. Befehlsausgabe unter freiem Himmel. 44 Zollbeamte überprüfen ihre Ausrüstung: Pistole P6, Reizgas, Handschellen, Mag-Lite Taschenlampe, Handfunkgerät und ein dicker Stapel Erfassungsbögen auf Deutsch und Portugiesisch. "Quantas horas trabalha por semana?" (Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?) Mit solchen Fragen werden die BillBZler in den nächsten fünf Stunden die Bauarbeiter piesacken. Die Südländer ziehen für die Firma Philipp Holzmann im Zentrum des rheinischen Städtchens das Geschäftszentrum "Galeria Juliacum" hoch. Ein "schlüsselfertiges" Zehn-Millionen-Projekt. Die Zöllner haben den Verdacht, dass die Arbeiter des portugiesischen Subunternehmers nicht den deutschen Mindestlohn bekommen, sondern zu Dumping-Sätzen arbeiten.

Die Vernehmungen inmitten von Stützsäulen und Eisengeflecht laufen zäh. Ein Beamter hält sieben palavernde Portugiesen in Schach und gebietet ihnen "Silêncio!", um eventuelle Absprachen zu verhindern. Als die Arbeiter den Mund nicht halten, klimpert er energisch mit den Handschellen. Sofort herrscht Ruhe. Ein deutscher Bauarbeiter wird kess: "Wie lange soll denn das Spielchen noch dauern?" Der Beamte antwortet weniger amüsiert: "Wir spielen nicht." Keine weiteren Fragen. Zwei Zöllner haben den portugiesischen Zimmermann in der Mangel. Der Mann lässt sich Zeit mit jeder Antwort. Razzien wie diese erlebt er nicht zum ersten Mal. Er zupft an seinem roten Schal, kratzt sich mit einem dicken Bleistift hinterm Ohr, fummelt am abgewetzten Funkgerät. "Wie viel Stundenlohn? Klaro. 18,87." Der Zollbeamte korrigiert: "Das ist doch der Betrag aus D-Mark-Zeiten. In Euro sind das jetzt 9,80." Der Zimmermann schaut skeptisch. Auswendig gelernt ist auswendig gelernt.

Der Zollbeamte will wissen, wie der Lohn ausgezahlt wird. "Auf ein Konto." "Wo?" "In Portugal." Und wovon lebt der Portugiese hier in Deutschland. "Wenn ich was brauche, frage ich den Chefe. Dann bekomme ich was." Der Beamte wiegt den Kopf. "Abschlag?" Der Portugiese nickt. "Das Frage-und-Antwort-Spiel ist bei den Arbeitern eingeübt", sagt Nicklisch. "Wir lauern auf Widersprüche. 40 Arbeiter erzählen nicht die gleiche Version." Die Sache mit der Lohnauszahlung in Portugal bereitet ihm dennoch Kopfschmerzen. "Da gibt es kaum Amtshilfe, um zu erfahren, welche Summen wirklich auf die heimischen Konten fließen." Baubranche und Handwerker sind ganz vorn bei der Schwarzarbeit. Mehr als ein Drittel arbeitet illegal, rechnet Professor Schneider. Auf 133 Milliarden Euro summiert er den Umsatz, den sich Bauunternehmer und Handwerksmeister im letzten Jahr "Cäsch in die Täsch" steckten. In der Gastronomie, dem zweitgrößten Schwarzarbeiter-Dorado, waren es 60 Milliarden, die am Fiskus vorbeiflossen.

Auf der Baustelle "Galeria Juliacum" kann der Betrieb weitergehen. Gegen Mittag sind alle verhört, die Papiere überprüft. Dennoch: Zollamtmann Nicklisch will noch nicht gehen. "Nachsuche" heißt der Befehl. Alle Ecken und Winkel werden abermals durchsucht und ausgeleuchtet. Zehn Minuten später zerren zwei Beamte einen mit Handschellen gefesselten Mann über die Baustelle. "Bingo!", sagt Nicklisch "Der hatte sich während der ganzen Zeit im Kellergeschoss hinter Betonplatten versteckt." Der 23-jährige Iraker gehört zu einer türkischen Eisenflechter-Firma aus Rostock und ist für die Jülicher Baustelle gar nicht gemeldet. Illegal. Verfahren. Nicklisch ist trotzdem nicht zufrieden: "Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung sind die ärmsten Schweine", schimpft er. "Sie werden irgendwo in Verschlägen versteckt und skrupellos ausgebeutet. Da stimmt doch was nicht."

Nach der Razzia beginnt für die Zollbeamten eine aufreibende Puzzle-Arbeit. Sie dauert Monate, manchmal Jahre. Für die in Bilanzbuchhaltung vorgebildeten Beamten gilt es, ein ganzes System von Scheinfirmen, fingierten Rechnungen, gefälschten Stundenzetteln und Lohnlisten zu entwirren. Sie müssen Strohmänner enttarnen und Drahtzieher ausfindig machen. "Dabei stoßen wir immer häufiger auf Strukturen der organisierten Kriminalität", sagt Nicklisch. Die Vorstrafenlisten der Täter sind lang: Bestechung, Betrug, Erpressung, Freiheitsberaubung, Hehlerei, schwere Körperverletzung, Raub, Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Wortlos schiebt Nicklisch ein Foto aus einer Ermittlungsakte über den Schreibtisch: Bauunternehmer Ahmed Sentürk feiert mit seinen Mitarbeitern. Zwei halten stolz ihre Neun-Millimeter-Pistolen in die Kamera, zwischen türkischem Knabberzeug liegt ein kleiner Sprengsatz. "Das sind die Jungs, mit denen wir es inzwischen zu tun haben."

Dass Schwarzarbeit ein Kavaliersdelikt sei, glaubt ohnehin nur noch der Reihenhausbesitzer, der sich die Keller-Bar vom Besuchs-Polen schnitzen lässt. "Illegale Beschäftigung ist ein hoch profitables Betätigungsfeld für kriminelle Organisationen, die Umsatzrendite in schwindelnder Höhe erzielen", berichtet Bernd Walter, Ex-Präsident des Bundesgrenzschutzes und Experte für Schattenwirtschaft. "Bestimmte Gewerbezweige, wie zum Beispiel die Eisenflechterei im Betonbau, sind von mafiosen Gruppierungen, insbesondere vom Balkan, unterwandert."

Im Industriegebiet von Krefeld steht ein unscheinbares graues Verwaltungsgebäude. Als Nicklischs Truppe dort morgens um neun anrückt, glauben die Beamten, sie hätten "mit Zitronen gehandelt". Die unteren Stockwerke sind leer, die Briefkästen im Eingang verbeult. Sollte die Firma Erdok sich vom Acker gemacht haben? Die polnische Baufirma steht im Verdacht, im großen Stil Arbeiter aus Polen mit so genannten Werkverträgen nach Deutschland zu schleusen und zu Billigstlöhnen auf Großbaustellen einzusetzen.

Auf den ersten Blick alles legal und sogar vom Arbeitsamt genehmigt. Aufgrund von Regierungsvereinbarungen können ausländische Arbeiter mit Werkverträgen für befristete Zeit bei deutschen Unternehmen anheuern. "Die Arbeitserlaubnis wird unabhängig von der Lage und Entwicklung des Arbeitsmarktes erteilt", heißt es in den Vereinbarungen. "Damit sind Tür und Tor geöffnet", schimpft Nicklisch. Die Landesarbeitsämter stellen die Verträge zu Dutzenden aus; deutsche Firmen bedienen sich gern der billigen Zeit-Arbeitskräfte, obwohl sie genau wissen, dass deren Angebote weit unter der Schmerzgrenze liegen. Deutsche Arbeiter gucken bei dem System in die Röhre. Ganz so sauber ergattert aber zumindest Erdok seine Aufträge nicht. Die Zöllner sind überzeugt, dass die Stundenaufzeichnungen "heftig frisiert sind". Schmu in zweistelliger Millionenhöhe lautet der Verdacht. Die BillBZler sind motiviert, stürmen durch das enge Treppenhaus. In der zweiten Etage wird die Tür geöffnet. Blitzschnell besetzen die ersten Beamten alle Computerplätze. Dann können die Kollegen in Ruhe die Aktenschränke plündern. Der Erdok-Chef sei leider gerade in Polen, flötet die Sekretärin. Den Zöllnern ist das recht. Auf seinem Schreibtisch steht ein Werbekalender: "Wer schlau ist, lässt suchen." Im Buchregal lächelt der Papst. Als die BillBZ am späten Nachmittag abrückt, weiß keiner der Beamten, ob die Aktenordner und Festplatten, die sie sichergestellt haben, zum Ermittlungs-Erfolg führen werden. Nur ein Gutachter kann wirklich Licht in die dunklen Geschäfte der polnischen Baufirma bringen. Doch ein solcher Experte ist kaum zu bekommen. "Das wird wieder Absagen hageln", sagt Nicklisch. "Den meisten ist die Sache zu heiß."

Inzwischen prüft ein Baufachmann den Fall Erdok für die Behörden. "Es sieht gut aus", sagt Nicklisch. Knackpunkt könnten die Abrechnungen der Betonlieferanten sein. "Aus der verarbeiteten Betonmenge lassen sich die dafür notwendigen Arbeitsstunden errechnen. Da gibt's dann kein Wenn und Aber mehr." Den nächsten Einsatztag sehen die Beamten ganz entspannt. Im Bordell ist das Rotlicht noch nicht eingeschaltet. Die Aachener Zöllner stürmen die Räume im "Pussy-Girls" zur blauen Stunde, am späten Nachmittag. Im Erdgeschoss keift Ellen, die fette Puffmutter: "Da könnt ihr jetzt nicht rein." Die Beamten öffnen die Tür zum Badezimmer trotzdem. Drinnen hat es sich gerade eine vollbusige Farbige mit einem grauhaarigen Herrn in der Wanne gemütlich gemacht. Die Nutte zieht sich beleidigt ein Glitzer-Jeansjäckchen über, der Freier schlüpft in seinen Anzug und will nach Hause. Von ihm schreiben die BillBZler nur die Personalien auf. Dann darf er gehen.

Auch in der ersten Etage sind die Fahnder fündig geworden: Auf einem breiten Lotterbett langweilt sich eine russische Domina und ordnet ihre Lederpeitschen. Im Zimmer gegenüber hat sich ein kolumbianischer Transvestit hochgebrezelt und wartet in güldenen Hot Pants auf Kundschaft. "Beide haben jetzt ein Problem", sagt Nicklisch. "Keine Aufenthaltsgenehmigung, illegal beschäftigt, Abschiebung." Die Kontrollen im Rotlichtmilieu sind für die Zollbeamten noch die Ausnahme, die übernehmen in der Regel die Kollegen von der Polizei. "Menschenhandel und illegale Beschäftigung sind in dem Milieu aber die Regel", sagt Nicklisch. Auf 45 Milliarden schätzt Schwarzarbeits-Forscher Schneider den jährlichen Umsatz, der in Deutschland mit Prostitution und Glücksspiel schwarz verdient wird.

Seit der Bundesfinanzminister die Schattenwirtschaft verschärft ins Visier nimmt, bleibt keine Branche verschont. Ob Rotlicht, Gaststätten oder Taxifahrer: Alle müssen in den nächsten Monaten mit Großrazzien des Zolls rechnen. Eichels Hoffnungen an die BillBZ sind hoch gesteckt: Jährlich soll wenigstens eine von den geschätzten 45 Milliarden, die durch die Schattenwirtschaft am Fiskus vorbeifließen, in die Steuerkassen zurückfließen. Damit auch die Bevölkerung die Jagd auf Schwarzarbeiter unterstützt, will die Bundesregierung eine fünf Millionen Euro teure Werbekampagne starten.

Das Klappern hat seinen Grund. Die Politiker fürchten, die verschärfte Schwarzarbeiter-Hatz könne beim Wähler auf Unverständnis stoßen. Wenn Zöllner künftig auch in Einfamilienhaus-Siedlungen nach Maler- und Gärtnerrechnungen fragen, hört für viele der Spaß auf. In der Meinung der Bevölkerung gelte Schwarzarbeit als "Steuerrebellion des kleinen Mannes", sagt Professor Schneider. Der Bürger halte Verschwendung von öffentlichen Geldern und Fehler in der Regierungspolitik für das viel größere Übel. 46 Prozent der Westdeutschen sind zwar der Meinung, man solle Schwarzarbeit hart bestrafen. 59 Prozent aber finden illegale Hilfe am Bau und im Garten "ab und zu in Ordnung".

Auf den neuen Einsatzfahrzeugen, die Günter Nicklisch und die übrigen BillBZ-Leiter in den nächsten Wochen auf den Hof gestellt bekommen, war ursprünglich eine Telefon-Hotline geplant. Die Idee: Bürger sollten zum Hörer greifen und gleich den Zoll anrufen, wenn sie einen Schwarzarbeiter im Verdacht haben. Doch prompt gab es Protest von Politikern und Handwerkern. So würde Denunziantentum gefördert. Jetzt ziert eine schlichte Webadresse die Wagen: www.zoll-stoppt-schwarzarbeit.de.

Gerd Elendt / print