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Siemens: Koffer voller Geld

Ließ Siemens Beamte in Russland schmieren, um an Aufträge zu kommen? Ex-Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe gegen den Konzern.

Von Hans-Martin Tillack

Die Geschichte, die Sam Tsekhman erzählt, klingt wie eine Räuberpistole aus fernen Bakschischrepubliken. Doch es geht um einen deutschen Konzern mit eigentlich gutem Ruf: Siemens, gemessen am Börsenwert das zweitgrößte Unternehmen der Republik, ein Bollwerk deutscher Industrietradition. Und Sam Tsekhman ist nicht irgendwer: Der 58-jährige russischstämmige Kanadier arbeitete viele Jahre als Ingenieur bei Siemens. 1996 bis 1999 leitete er in Erlangen und Moskau den Russlandvertrieb für Großprojekte der Medizintechnik.

Damals, so erinnert er sich, sei er regelmäßig nach Wien gebeten worden. Dort habe ihm ein aus Deutschland angereister Siemens-Manager, meist in einer Suite im teuren Hotel Hilton, bündelweise Bargeld übergeben, vor allem D-Mark und Dollar. Woher das Geld stammte, wisse er nicht, sagt Tsekhman. Einmal sei ihm eine Million Dollar in bar überreicht worden. Für solch hohe Summen habe der Siemens-Kollege auch noch einen Tipp parat gehabt: Nehmen Sie für die Reise nicht das Flugzeug, da wird Ihr Koffer durchleuchtet.

Die "Koffer voller Bargeld", so Tsekhman, seien dazu da gewesen, um für den Konzern russische Beamte zu bestechen. "Als ich für Siemens Russland arbeitete, war es übliche Praxis, Dritte zu bezahlen", heißt es in einer eidesstattlichen Erklärung Tsekhmans, die dem stern vorliegt. Dass für Aufträge Schmiergeld gezahlt worden sei, sei im Konzern kein Geheimnis gewesen - auch der langjährige Siemens-Chef Heinrich von Pierer sei informiert gewesen.

Für von Pierer,

der von 1992 bis Ende 2004 das Unternehmen leitete und heute dem Aufsichtsrat vorsteht, sind die Korruptionsvorwürfe - so sie zutreffen - äußerst unangenehm. Jahrelang zeigte er sich als integrer Geschäftsmann an der Seite von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ernannte ihn nicht zufällig zu ihrem Chefberater. Viele Deutsche sähen von Pierer laut Umfrage gern als Wirtschaftsminister. Selbst die linke "taz" nennt ihn einen Mann "mit Anstand". Auffallend häufig beruft sich der 64-Jährige auf "zeitlos gültige Werte" wie Ehrlichkeit und Verlässlichkeit. Und er fordert das "absolute Verbot jeder Form der Korruption".

Glaubt man Tsekhman, dann galt dieses Verbot zumindest bei Siemens Medical Solutions, wie die Medizintechnik-Tochter heute heißt, wenig. Das Zahlen von Bestechungsgeldern sei dort einem "sehr soliden, bewährten Mechanismus" gefolgt, so Tsekhman - Genehmigung durch ein Mitglied des Bereichsvorstands inklusive. So zum Beispiel bei einem lukrativen Liefervertrag, den Siemens Medical im November 1999 abschloss. Damals orderte das renommierte Burdenko-Institut für Neurochirurgie in Moskau bei dem deutschen Industrieriesen eine Radiologieabteilung und weiteres Gerät für insgesamt 28,2 Millionen Euro. Um den Vertrag und grünes Licht der russischen Regierung zu erhalten, habe Siemens Schmiergelder in Höhe von mehr als sieben Millionen Euro eingeplant, so Tsekhman in seiner eidesstattlichen Erklärung. Sein Vorgesetzter bei Siemens Medical habe diese Zahlungen genehmigt - was der allerdings bestreitet.

Um das Schmiergeld an die Beamten und Politiker zu bringen, ist laut Tsekhman ein Mittelsmann beschäftigt worden: der in Boston ansässige russischstämmige Geschäftsmann Lazar Papernick. Zwei Siemens-Manager hätten Tsekhman zuvor aufgefordert, solche Zahlungen nicht selbst zu leisten, sondern über Dritte zu leiten. Papernick sagt, dass im Fall des Moskauer Burdenko-Instituts allein 1,4 Millionen Euro für Mitarbeiter des Wirtschafts- und des Finanzministeriums sowie das Büro des Premierministers vorgesehen gewesen seien. Auch er bestätigt das in einer eidesstattlichen Erklärung.

Damit trotz der Bestechungsmillionen für den Konzern noch ein Gewinn übrig blieb, so berichten Tsekhman und Papernick übereinstimmend, habe Siemens der russischen Regierung einen 35-prozentigen Preisaufschlag berechnen wollen. Dem stern liegen Kostenaufstellungen für das Burdenko-Projekt vor, die laut Tsekhman von Siemens stammen. Sie enthalten je eine Spalte "Reserve" oder "Provision" über 9,8 Millionen Euro.

Hat es sich wirklich so zugetragen, wie Tsekhman berichtet? Gehört Korruption zu den bei Siemens üblichen Geschäftspraktiken? Dies wollte der stern von dem Konzern wissen. Doch auf 45 detaillierte, schriftlich eingereichte Fragen reagierte der Konzern lediglich mündlich und eher ausweichend. Ohne auf den Fall des Burdenko-Instituts konkret einzugehen, spricht Siemens-Pressechef Eberhard Posner von "bestimmten Gegebenheiten", die es im Ausland gelegentlich zu berücksichtigen gebe. Mitarbeiter müssten alle zwei Jahre unterschreiben, dass sie die Gesetze beachten, versichert Posner. Aber es gebe eine "Grauzone".

Tsekhman machte einen Großteil seiner Vorwürfe bereits im April in einer Zeitung in England publik. Siemens ging dagegen nicht vor. Tsekhman sei frus-triert, weil sich Siemens 1999 von ihm getrennt habe, heißt es in der Firmenzentrale. "Da will sich einer rächen", sagt der Siemens-Sprecher. Tsekhman und Papernick streiten in der Tat seit Jahren mit Siemens über Geld.

An den Merkwürdigkeiten

im Zusammenhang mit dem Burdenko-Projekt ändert das nichts. Dokumente belegen zweifelsfrei, dass Tsekhman und Papernick das Liefergeschäft im Auftrag von Siemens vorbereitet haben.

Der Vorwurf, dass im Fall Burdenko Zahlungen "an Dritte" versprochen wurden, ist vielen Siemens-Leuten überdies intern bekannt - ohne dass das große Aufregung ausgelöst hätte. Am 8. Januar 2001 wies Papernick per Brief den Siemens-Vertriebsmanager Peter Bertsch darauf hin, dass er bereits aus eigener Tasche "Vorauszahlungen" geleistet habe, und forderte nun ein, was ihm selbst und weiteren "dritten" Parteien zustände. Bertsch antwortete zwei Tage später, als handelte es sich um einen Routinevorgang: Er kommentierte die angeblichen "Vorauszahlungen" nicht, fand die verlangten Summen viel zu hoch - und schlug ein Treffen in Erlangen vor.

Auffällig ist auch die Preisgestaltung des Konzerns: Bis heute müssen russische Kunden deutlich mehr für Medizingeräte zahlen als westeuropäische. Der Computertomograf "Somatom Sensation 16" etwa kostet in Deutschland nach stern-Recherchen um eine Million Euro, in Russland dagegen laut Preisliste vom Oktober 2004 mehr als 2,2 Millionen Euro.

Ein weiterer ehemaliger Siemens-Manager erhob noch bis vor einem Vierteljahr ähnliche Vorwürfe wie Tsekhman: Peter Sipos, von 1996 bis 1998 einer der drei Geschäftsführer bei Siemens-Nixdorf Osteuropa (SNO) in Dresden. Siemens habe "Millionen von Bestechungsgeldern für hohe russische Beamte" über Drittländer überwiesen, sagte Sipos dem stern Anfang Juni. Als er sich Anfang 1998 nach eigenem Bekunden sicher fühlte, dass es um Bestechung ging, habe er das Thema intern angesprochen. Wenig später habe man ihn dazu gedrängt zu kündigen. Schließlich erhob er seine Vorwürfe öffentlich. Im Januar 2005 demonstrierte er sogar vor der Firmenzentrale in München gegen "Betrug und Bestechung bei der Siemens AG".

Man hätte eine scharfe Reaktion von Siemens erwartet, etwa eine Klage wegen Verleumdung. Stattdessen geschah dies: Im Juli einigte sich der Konzern mit ihm, ihn künftig als "Berater" zu bezahlen - Stillschweigen über seine bisherigen Vorwürfe inbegriffen. "Aus menschlichen Gründen" habe man sich so entschieden, sagt Siemens-Sprecher Posner, und "damit sich das ganze Thema nicht so weiterdreht".

Sipos war auf weitere Ungereimtheiten bei Siemens-Geschäften in Russland ge-stoßen. So schloss die Finanzabteilung des Milliardenkonzerns am 20. Februar 1997 ein "Marketing Services Agreement" mit der irischen Firma Tricast Invest-ments Limited. Darin verpflichtete sich Siemens, bis Dezember 1999 Kommissionszahlungen an Tricast zu leisten - für angebliche "Markterkundungen" in Russland, etwa für Projekte mit dem staatseigenen Energieriesen Gazprom.

Der Text eines dem stern vorliegenden Zusatzprotokolls legt den Verdacht nahe, das mit "Markterkundung" eher Marktbeeinflussung gemeint gewesen sein könnte: Danach verneint Tricast jede Verantwortung "für die Realisierung" geplanter Projekte, falls Siemens vereinbarte "Kommissionen" nicht zahle.

Nach ihrer Dubliner

Anschrift zu urteilen, war Tricast eine Briefkastenfirma. Seit 2002 ist die Gesellschaft aufgelöst, schon seit 1999 reichte sie keine Bilanzen mehr beim Handelsregister ein. Als Generaldirektor fungierte ein Mann mit Anschrift in Moskau. Warum sollten Siemens-Gelder über Irland an russische Empfänger fließen? Der Konzern schweigt dazu.

Lange galt Bestechung im Ausland in deutschen Firmen als Kavaliersdelikt. Doch seit Februar 1999 ist die Bezahlung ausländischer Amtsträger auch hierzulande strafbar - schon das bloße Versprechen von Schmiergeld reicht für eine Anklage. Seitdem geriet Siemens zweimal ins Visier deutscher Fahnder.

So ermitteln Frankfurter Staatsanwälte gegen fünf Personen. Sie sollen als Beschäftigte der Sparte Siemens Power Generation zwischen 1999 und 2002 mindestens sechs Millionen Euro auf Umwegen über Liechtenstein und die Vereinigten Arabischen Emirate an Geschäftsführer des staatlichen italienischen Enel-Konzerns gezahlt haben. Diese hätten im Gegenzug Gasturbinen der Marke Siemens im Wert von 336 Millionen Euro bestellt. Siemens kommentiert die Ermittlungen nicht.

Wuppertaler Staatsanwälte gehen dem Verdacht nach, dass Siemens-Manager zusammen mit der Duisburger Firma Lurgi Lentjes Services (LLS) einen Mitarbeiter der EU-Balkanagentur in Belgrad mit Bargeld und einem Jaguar gewogen stimmten. Er soll geholfen haben, im Sommer 2002 einen von der EU finanzierten 50-Millionen-Euro-Kontrakt zur Erneuerung eines serbischen Kraftwerks zu ergattern. Der stern machte den Fall im Juli 2004 publik. Erst über vier Monate später eröffnete Siemens eine interne Untersuchung der Vorwürfe. Ergebnis? Siemens schweigt.

Glaubt man Tsekhman, dann nahm er bis zum Jahr 2000 Schwarzgeld im Wiener Hilton entgegen. Im April 2000 habe ein Siemens-Manager in Erlangen vor seinen Augen mit Vertretern einer russischen Importagentur über die Höhe von Bestechungszahlungen im Fall des Burdenko-Instituts verhandelt, so Tsekhman. Damals hatte Siemens die Moskauer Institutsvertreter zu einem fünftägigen Besuch in Erlangen empfangen.

Doch kurz darauf bekamen die Siemens-Leute kalte Füße. Siemens müsse sich von dem Vorhaben zurückziehen, schrieb Siemens-Manager Peter Bertsch am 17. Juli 2000 der Moskauer Institutsleitung. Der Grund: Anders als bisher müsse Siemens zur Erlangung einer von der deutschen Regierung zu finanzierenden Hermes-Kreditgarantie mit schärferen Kontrollen rechnen. Insbesondere würde strenger überprüft, ob der Anteil an Produkten aus ostdeutscher Fertigung groß genug sei - eine Grundbedingung für die Hermes-Förderung.

Bertsch gab der Moskauer

Institutsleitung nun zu verstehen, dass Siemens die neue, verschärfte Kontrolle nicht überstehen würde: "Wie Sie genau wissen, hatte Ihr Projekt hier von Anfang an ein eingebautes Problem." In der Tat sollte ein Großteil der geplanten Lieferung überhaupt nicht aus Deutschland kommen, weder Ost, noch West - sondern aus den USA. Jetzt, so Bertsch, hätten "höhere" Managementebenen bei Siemens entschieden, Aufträge mit einer "bestimmten Lieferstruktur" nicht mehr von Siemens selbst als Vertragspartner abwickeln zu lassen. Hatte Siemens ursprünglich gehofft, die Hermes-Prüfung auch ohne hinreichende Ostquote zu überstehen? Der Konzern beantwortet die Frage nicht. Am Ende stattete die Thüringer AJZ Engineering GmbH, eine Tochterfirma von Carl Zeiss Jena, das Moskauer Institut mit den gewünschten Geräten aus - zum identischen Preis und unter anderem mit Technik von Siemens. AJZ behauptet, man habe den Auftrag vollkommen unabhängig von Siemens bekommen.

Der Fall Burdenko

beschäftigte schließlich auch Konzernchef von Pierer höchstselbst. Tsekhman sagt, er habe im April 2003 zweimal mit von Pierer telefoniert und mit ihm über die noch ausstehenden Zahlungen für Papernick gesprochen. Am 26. Juni 2003 habe er von Pierer ausführlich geschrieben. In dem Brieftext, der dem stern vorliegt, erwähnt Tsekhman das "Versprechen", das er "im Namen von Siemens" vielen Personen in Russland gemacht habe: Sie würden die "Belohnung" dafür bekommen, dass sie Siemens geholfen hätten.

Götz Steinhardt, Bereichsleiter bei Siemens Medical, empfing Tsekhman daraufhin zu einem Gespräch und versuchte zuletzt am 30. April 2004 brieflich, den Kanadier trotz dessen Vorwürfen milde zu stimmen: Beide Seiten sollten sich nun auf das "künftige Projekt" mit einer anderen russischen Klinik konzentrieren.

Siemens sagt heute, von Pierer habe interne Untersuchungen eingeleitet, nachdem ihn Tsekhman angeschrieben hatte. Über das Ergebnis schweigt der Konzern - ebenso wie Heinrich von Pierer, der sich gegenüber dem stern zu der Angelegenheit nicht äußern wollte.

Mitarbeit: Michael Gillard, Christoph Koch, Bettina Sengling

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