HOME

Strommarkt: Eon fürchtet Brüssel mehr als Russland

Wer ist schuld an den hohen Strompreisen? Der Staat? Die Konzerne? Letzteren will offenbar jetzt die EU-Kommission auf den Leib rücken, sie droht sogar mit der Zerschlagung der Firmen. Eon-Chef Wulf Bernotat hat aggressiv reagiert. Er fürchte Brüssel mehr als Russland, sagte er.

Eon-Chef Wulf Bernotat hält die EU-Kommission für eine größere Gefahr für Europas Energiekonzerne als Russland. "Alle reden von Russland, doch die wirkliche Bedrohung kommt von der Europäischen Kommission", sagte der Vorstandsvorsitzende in einem Interview mit der britischen "Financial Times". Vor allem in Osteuropa gibt es Ängste, Russlands staatlich kontrollierter Gazprom-Konzern könnte wichtige Teile der EU-Energiewirtschaft unter seine Kontrolle bringen.

In dem Interview geht Bernotat die EU-Kommission hart an, weil sie plant, die großen deutschen Energiekonzerne wie Eon oder RWE in Energieerzeugung und Netzbetrieb aufzuspalten. Damit will die Kommission den Wettbewerb in der Branche fördern und die Strompreise senken. Anfang Dezember werden die EU-Energieminister erstmals über den Vorschlag beraten.

Am Wochenende stieg der Druck auf die deutschen Energieriesen weiter. EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes warf den Unternehmen in der "Bild am Sonntag" ungerechtfertigt hohe Preise vor und drohte mit "weiteren Verfahren" wegen "wettbewerbsfeindlichen Verhaltens". Vergangene Woche waren Vorwürfe des Bundeskartellamts bekannt geworden, nach denen es Preis- und Marktabsprachen unter den Versorgern gegeben haben könnte.

Der Niederländerin zufolge kann Wettbewerb auf dem Energiesektor nur hergestellt werden, wenn integrierte Konzerne wie Eon oder RWE eigentumsrechtlich entflochten werden. Ansonsten bestehe permanent die Versuchung, "konkurrierenden Anbietern den Zugang (zu den Leitungsnetzen) zu verwehren".

"Entflechtung würde Eon nicht killen"

Trotzdem gab sich Bernotat zuversichtlich, dass sein Unternehmen nicht zerschlagen wird. "Ich bin ziemlich sicher, dass es nicht zur Entflechtung kommen wird", sagte der Eon-Chef. "Solche Prozesse dauern in Brüssel lange, besonders wenn wichtige Mitglieder wie Frankreich und Deutschland dagegen sind." Allerdings betonte der Vorstandschef: "Eine Entflechtung würde Eon nicht killen."

In der EU-Kommission geht man davon aus, dass sich unter den 27 Regierungen eine Mehrheit für die Entflechtungspläne herausbildet. FTD-Informationen zufolge zählt die Kommission intern zwölf Befürworterländer für ihr Vorhaben. Die Zahl der entschlossenen Gegnerstaaten sieht die Behörde hingegen eindeutig bröckeln. Da die Entscheidung im Ministerrat mit qualifizierter Mehrheit fällt, können Deutschland und einige andere Gegner der Kommissionspläne überstimmt werden.

Hinzu kommt, dass es auch im EU-Parlament eine deutliche Mehrheit für die Entflechtungspläne gibt. "Deutschland wird seine harte Haltung gegen das Vorhaben nicht durchhalten", warnt Werner Langen (CDU), Co-Vorsitzender der Gruppe der CDU/CSU-Abgeordneten im Parlament. "Am Ende könnte es sogar im Ministerrat 26 zu 1 stehen."

Machtbeschneidung der Stromkonzerne

Der Kommissionsvorschlag sieht auch eine sanftere Alternative zur eigentumsrechtlichen Entflechtung vor. Demnach müssten die Unternehmen ihren Netzbetrieb einem unabhängigen Netzbetreiber übertragen. Die Konzerne blieben hier formal Eigentümer der Netze. Doch alle Unternehmensbeschlüsse inklusive Investitionsentscheidungen würden von dem unabhängigen Betreiber getroffen. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) zeigte sich offen für diese Idee.

Auch für Frankreich wäre das Modell akzeptabel. Denn die Aufsicht der staatseigenen Strom- und Gaskonzerne würde in Staatshand bleiben. Die Kontrolle über Herstellung und Netzbetrieb würde nur auf zwei verschiedene Ministerien verteilt. Deutsche Energiekonzerne sehen in dem Modell hingegen "ein bürokratisches Monster, das noch schlimmer ist als die Entflechtung". Deshalb brachte RWE-Chef Jürgen Großmann kürzlich einen "Energiepakt" ins Gespräch, bei dem die Konzerne ihre Macht selbst beschneiden.

Wolfgang Proissl, Ralph Atkins, Richard Milne und Ed Crooks / FTD