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VW-Gesetz: "Wir wollen keinen Sonnenkönig"

Es war nicht nur eine Demo, es war eine Machtdemonstration. In einer der größten Kundgebungen der VW-Geschichte protestierten 40.000 Beschäftigte gegen die Abschaffung des VW-Gesetzes. Der große Buhmann saß nur wenige Meter entfernt - im dritten Stock der Konzernzentrale.

Von Massimo Bognanni

Um kurz vor zehn zieht er los, der 1,5 Kilometer lange Menschen-Zug. Tausende VW-Mitarbeiter aus der Frühschicht strömen von den Werkshallen zum Platz vor der Konzernzentrale. Die Protestierenden tragen rote IG-Metall-Kappen, schwenken Fahnen und halten große Plakate in die Luft.

Von rhythmische Trommelschlägen und einem lauten Pfeifkonzert begleitet, macht sich die Menge auf den Weg - die Basslaute symbolisieren den Herzschlag Volkswagens, die Trillerpfeifen die Wut im Bauch der Beschäftigten. Die Sonne strahlt, doch in Wolfsburg braut sich ein Unwetter zusammen. Es donnert und rumort in der Belegschaft.

40.000 VW-Beschäftigte sind dem Aufruf der IG-Metall gefolgt - 10.000 Menschen mehr als erwartet. Angestellte aus ganz Europa sind zu einer der größten Demonstrationen der VW-Geschichte zusammengekommen. Der IG-Metall Vorsitzende Berthold Huber erscheint ebenso, wie DGB-Chef Michael Sommer und der VW-Konzernbetriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh. Während die Demonstranten ihrem Unmut Luft machen, tagt nur wenige Meter weiter, im dritten Stock der Konzernzentrale, der Aufsichtsrat.

Porsche-Chef in der Schussbahn

Und so gilt der erste Gruß des Wolfsburger IG Metall-Chefs, Frank Patta, nicht den Demonstranten, sondern dem Porsche-Chef. "Guten Morgen, Herr Wiedeking. Wir sind heute 40.000. Aber wir haben noch Steigerungspotenzial: Wir können auch mit 200.000 kommen." Patta trifft den Nerv der Masse. Ein Plakat wird hochgehalten, auf denen Wiedeking als Ratte dargestellt ist "Wiedelin, der Rattenking, ist auf Beutezug" ist dort zu lesen. Und auch Patta legt nach: "Wir wollen keinen Sonnenkönig aus Zuffenhausen."

Martina Bachmann jubelt lautstark. 26 Jahre arbeitet sie schon bei VW, momentan ist sie in der Qualitätssicherung. Nach dem Einstieg Porsches fürchtet die Angestellte, ihren Job zu verlieren. "Bei Nokia ist das ja ähnlich gelaufen", sagt sie. Demonstrant Günter Schmidt sieht die ganze Region Wolfsburg in Gefahr. "Wenn die Verwaltung von VW verlegt wird, stirbt Wolfsburg aus", sagt der 64-jährige Rentner, der 43 Jahre bei VW als Facharbeiter geschafft hat und zur Demo gekommen ist, um seine Heimat zu retten.

Kampfansage an Brüssel

Den Ärger der VW-Belegschaft hat Wiedeking auf sich gezogen, weil er sich öffentlich gegen das VW-Gesetz ausgesprochen hat. Das umstrittene Gesetz sichert dem Land Niedersachsen ein Vetorecht zu, obwohl es nur 20 Prozent am Volkswagen-Konzern hält. Üblich ist nach dem Aktienrecht eine Sperrminorität von 25 Prozent. Dank der Sonderregelung könnte Niedersachsen auch weiterhin Stellenabbau und Standort-Schließungen blockieren. Gut für die rund 320.000 VW-Beschäftigten, schlecht für Investoren wie Porsche. Der Stuttgarter Sportwagenbauer hält derzeit einen Anteil von rund 30 Prozent am VW-Konzern und will noch in diesem Jahr die Mehrheit übernehmen.

Unterstützung erhält Porsche aus Brüssel - zum Ärger des VW-Betriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh. "Das Urteil des EuGH hat nicht zur Abschaffung des VW-Gesetzes geführt, wir werden um den verbliebenen Rest des Gesetzes kämpfen. Dabei schrecken wir auch nicht vor dem Weg nach Brüssel zurück", sagt Osterloh in seiner Rede vor den Demonstranten. Als eine besondere Provokation empfindet Osterloh das Verhalten des EU-Binnenmarkt-Kommissars, Charlie McCreevy. Der Kommissar hatte am Dienstag angekündigt, die Bundesrepublik erneut vor dem Europäischen Gerichtshof zu verklagen. Der Vorwurf aus Brüssel: Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) aus dem vergangenen Jahr habe die Bundesregierung in ihrer Neuauflage des VW-Gesetzes weiterhin auf die 20-prozentige Sperrminorität Niedersachsens bestanden. "McCreevy hat nichts gelernt. Dieser Neolieberale zerstört die Zukunft Europas", raunzt der Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber, vom Rednerpult. Europa fuße auf den Werten der sozialen Gerechtigkeit und nicht auf den Regeln des freien Kapitalverkehrs, sagt der Gewerkschaftschef.

DGB-Chef setzt den Schlusspunkt

Als letzter Redner stapfte DGB-Chef Michael Sommer auf die Bühne. Was VW ohne seine Sonderregelung blühe, sehe man an der Postbank, verkündet er grimmig. Diese werde gegen den Widerstand der Arbeitnehmer einem Herrn Ackermann vor die Füße geworfen. "Das VW-Gesetz muss bleiben, damit Volkswagen bleibt", brüllt Sommer ins Publikum. Der Gewerkschafter sieht den Streit um das VW-Gesetz als gutes Beispiel, "dass wir gewinnen werden."

Ein junger Autoverkäufer aus der VW-Autostadt im Anzug und mit DGB-Kappe jubelt besonders laut. Er ist gekommen, um gegen die EU und Porsche anzukämpfen. Ob er und seine Kollegen Erfolg haben werden, er weiß es nicht. "Aber wer nicht kämpft, hat schon verloren", sagt er und reiht sich in den Menschenzug ein, der langsam das Gelände Richtung Busbahnhof verlässt. Die rhythmischen Trommelklänge ertönen wieder. Noch schlägt es, das Herz der VW Belegschaft.