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Wirtschaft: Jetzt schlägt die Krise voll ein

Wer noch Zweifel hatte: Die Krise ist da - und sie wird schlimmer. Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste. Die Wirtschaft schrumpft im Rekordtempo und dem Maschinenbau brechen die Aufträge weg. Selbst die Deutsche Bank schreibt Milliardenverluste und lässt den Dax abstürzen. Der Krisentag im Überblick.

Von Jörg Hermes

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vize-Kanzler Frank-Walter Steinmeier haben alle Bürger aufgefordert, sich mit vereinten Kräften gegen die Wirtschaftskrise zu stemmen. "Es kommt mehr denn je auf alle Kräfte in unserer Gesellschaft an - auf das, was wir Gemeinsinn nennen", sagte Merkel am Mittwoch im Bundestag in ihrer Regierungserklärung zum 50 Milliarden Euro schweren Konjunkturprogramm.

Die erste umfassende Krise der Weltwirtschaft im Zeitalter der Globalisierung habe in Deutschland zur schwierigsten wirtschaftlichen Lage seit Jahrzehnten geführt, so die Kanzlerin - und während sie dies sagt, laufen fast im Minutentakt Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft über die Nachrichten-Ticker.

Erst meldet das Statistische Bundesamt desaströse Konjunkturzahlen: Zwar wuchs die Wirtschaft um 1,3 Prozent, doch im letzten Quartal gab es ein Minus von 1,5 bis minus 2,0 Prozent - so einen Rückgang des Bruttoinlandspruduktes hat es seit mehr als 20 Jahren nicht gegeben. Nicht besser sieht es im Maschinenbau aus. Die Vorzeigebranche verzeichnete im November einen Auftragseinbruch von 30 Prozent gegenüber Oktober.

Dunkle Wolken hängen nun auch über der Deutschen Bank: Der deutsche Branchenprimus schreibt 2008 wegen der Finanzkrise etwa 3,9 Milliarden Euro Miese, Schuld ist das vierte Quartal, das mit einem Minus von knapp fünf Milliarden Euro zu Buche schlägt. Die schlechten Nachrichten führten zu heftigen Kurseinbrüchen bei Bankaktien und bei Siemens-Titeln. Der Dax ging um 4,63 Prozent tiefer bei 4422,35 Punkten aus dem Handel und brach damit bereits den sechsten Tag in Folge ein. Auch der MDax mittelgroßer Werte (minus 4,25 Prozent) und der TecDax (minus 4,91 Prozent) gaben kräftig nach.

Und das war längst noch nicht alles. stern.de hat die Negativ-Meldungen des Tages zum Nachlesen gebündelt.

Deutsche Wirtschaft stürzt ab

Finanzmarktkrise und Weltrezession haben Ende 2008 für den stärksten Konjunktureinbruch in Deutschland seit 21 Jahren gesorgt. Nach ersten Schätzungen des Statistischen Bundesamtes schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vierten Quartal um 1,5 bis 2,0 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Ein stärkeres Minus gab es zuletzt Anfang 1987 mit minus 2,5 Prozent. Im Gesamtjahr stieg das BIP dank starken Jahresauftakts noch um 1,3 Prozent. Gegenüber dem Plus von 2,5 Prozent im Jahr 2007 hat sich das Wachstum damit aber fast halbiert.

Besonders gravierend: Der Export als Konjunkturmotor fiel 2008 aus. "Das Wirtschaftswachstum wurde von den Bruttoinvestitionen und vom Staatskonsum getragen. Vom Außenhandel kamen keine Wachstumsimpulse", erklärte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler. Die Exporte, die in der Vergangenheit das Wachstum getragen hatten, legten zwar um 3,9 Prozent zu, die Importe wuchsen allerdings stärker mit 5,2 Prozent. Die Investitionen der Unternehmen in Ausrüstungen verbesserten sich um 5,3 Prozent, die Bauinvestitionen um 2,7 Prozent. Der Staatskonsum stieg um 2,2 Prozent. Der Privatkonsum stagnierte dagegen.

Dem Bundesamt zufolge wuchsen im vergangenen Jahr alle Wirtschaftsbereiche. "Das produzierende Gewerbe und einzelne Dienstleistungsbereiche haben aber deutlich an Schwung verloren", sagte Egeler. Trotz der Krise konnte sich die deutsche Wirtschaft im internationalen Vergleich gut behaupten. Egeler wies darauf hin, dass die Europäische Kommission für den gesamten Euro-Raum ein Wachstum von nur 1,2 erwartet. Düster sind jedoch die Aussichten für dieses Jahr.

Konjunkturforscher rechnen mit der schwerste Rezession der Nachkriegszeit. Die Ausgangsbasis für 2009 sei angesichts des vierten Quartals sehr schlecht, erklärten Experten der Commerzbank. Die NordLB erklärte: "Die Wirtschaftsleistung ist im vierten Quartal regelrecht kollabiert." Finanzmarktkrise und die Weltrezession würden Deutschland noch einige Quartale im Griff halten.

Maschinenbau brechen Aufträge weg

Der weltweite Konjunktureinbruch in Folge der Finanzkrise wird den deutschen Maschinenbauern schwerer zu schaffen machen als bisher gedacht. "Wir rechnen mit einem Rückgang des Produktionsvolumens 2009", sagte der Chefvolkswirt des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Ralph Wiechers. Die lange Zeit optimistische Branche hatte bisher mit einem Volumen auf dem Rekordniveau des vergangenen Jahres gerechnet. Schon für das Schlussquartal 2008 zeichnet sich der größte Auftragsrückgang seit Jahrzehnten ab.

Im November gingen die Auftragseingänge der überwiegend mittelständischen Hersteller dem VDMA zufolge gegenüber dem Vorjahresmonat allein um 30 Prozent zurück. Das Inlandsgeschäft brach um 32 Prozent ein, auch der Export stützt nicht mehr: Die Orders aus dem Ausland gingen um 29 Prozent zurück. In den drei Monaten von September bis November lag das Minus bei 16 Prozent. Starke Ausschläge seien im Maschinenbau nicht außergewöhnlich, sagte Wiechers. "Dennoch deuten die Novemberzahlen für das Schlussquartal 2008 auf einen bisher so nie gesehenen Rückgang der Aufträge hin."

Seit Beginn der Aufzeichnungen 1958 sei das zweite Quartal 1976 mit einem Minus von 27 Prozent der Tiefpunkt gewesen. Wenn der Dezember ähnlich schlecht laufe wie der November, könne dies übertroffen werden. Aber auch die strukturellen Wachstumschancen dürften nicht übersehen werden, sagte Wiechers. Der Verband habe sich eine Denkpause verordnet und wolle im Februar eine neue Prognose vorlegen. "Wir sollten diese Extremsituation nicht zum Maßstab machen für einen Ausblick", sagte Wiechers.

Die Hersteller von Maschinen "made in Germany" waren jahrelang von einem Rekord zum nächsten geeilt. 2008 ist ihr Produktionsvolumen nach vorläufigen Daten um fünf Prozent auf rund 190 Milliarden Euro gestiegen - das fünfte Wachstumsjahr in Folge. Die zuletzt stark gefallenen Auftragseingänge werden sich im neuen Jahr niederschlagen.

OECD sieht Europa im Teufelskreis

Die Wirtschaft im Euro-Raum wird sich nach OECD-Angaben frühestens Mitte 2010 erholen. In ihrem Jahresbericht zeichnet die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung einen düsteren Teufelskreis aus Finanzkrise, Rezession und Arbeitslosigkeit. "Die Risiken bleiben enorm", sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría in Paris. Im November hatte die OECD schon ein Schrumpfen der Eurozone um 0,6 Prozent und um 0,9 Prozent für Deutschland im laufenden Jahr prognostiziert. "Heute wären die Zahlen weit schwächer", sagte Gurría. Er legte allerdings keine neue konkrete Prognose vor.

Zwar habe durch die Bankengarantien ein Kollaps des Finanzsystems verhindert werden können. Aber es sei nun ein EU-weites Aufsichtssystem notwendig, um eine Wiederholung der Krise zu verhindern. Die Möglichkeiten, die Wirtschaft etwa durch Steuererleichterungen anzukurbeln, seien zunehmend begrenzt, sagte Gurría. Er warnte, die Haushaltsdisziplin wegen der Krise aufzugeben. Zudem dürften nationale Konjunkturmaßnahmen nicht den Wettbewerb unter den Euro-Staaten verzerren. "Effektive Koordinierung ist der Schlüssel, um das Vertrauen wiederherzustellen."

Gurría beschrieb eine befürchtete Abwärtsspirale für die kommenden Monate: Der starke Anstieg der Arbeitslosigkeit lasse den Konsum einbrechen, wodurch die Nachfrage sinke und die Wirtschaft weiter schrumpfe. Einziger Lichtblick für die Pariser Wirtschaftsexperten ist das Sinken der Inflationsrate von 4 auf 1,6 Prozent. Ein weiteres Absinken der Inflation sei wahrscheinlich, deswegen seien weitere Leitzinssenkungen möglich.

China überholt Deutschland

China hat Deutschland als drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt abgelöst. Das Statistikamt in Peking korrigierte das Wachstum für 2007 nachträglich von 11,9 auf 13 Prozent nach oben. Das ist der größte Anstieg seit 1993. Der neu kalkulierte Umfang des Bruttoinlandsproduktes wurde mit 25,73 Billionen Yuan (derzeit 2,8 Billionen Euro) und damit um 3,1 Prozent oder 777,6 Milliarden Yuan höher als bisher angenommen angegeben. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt erreichte auch 2008 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nominal knapp 2,49 Billionen Euro.

Zudem wird China Deutschland dieses Jahr wohl den langjährigen Titel des Exportweltmeisters abluchsen. Das lege der aktuelle Trend nahe, sagte WTO-Chefvolkswirt Patrick Low. Die chinesischen Ausfuhren seien in den ersten elf Monaten 2008 um 19,3 Prozent gestiegen, die deutschen dagegen nur um 13 Prozent. 2008 bleibt die Bundesrepublik nach Angaben der Welthandelsorganisation allerdings noch vorn. Bis einschließlich November habe Deutschland Waren im Wert von 1377 Milliarden Dollar ausgeführt. Das seien 60 Milliarden Dollar mehr als China auf die Waage bringe.

Deutsche Bank schmiert ab

Die Finanzkrise hat nun auch die Deutsche Bank tief in die roten Zahlen gerissen. Der deutsche Branchenprimus erwartet nach einem Milliardenverlust im vierten Quartal für das Gesamtjahr ein Minus nach Steuern von rund 3,9 Milliarden Euro. Bisher war das Institut vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Für das dritte Quartal hatten die Frankfurter noch einen Gewinn nach Steuern von 414 Millionen Euro gemeldet. Nach vorläufigen Zahlen geht die Bank für das vierte Quartal von einem Verlust nach Steuern in der Größenordnung von 4,8 Milliarden Euro aus.

"Wir sind über das Ergebnis im vierten Quartal, das zu einem Verlust im Gesamtjahr geführt hat, sehr enttäuscht", erklärte Vorstandschef Josef Ackermann. Das extrem schwierige Marktumfeld habe einige Schwächen der Bank aufgezeigt.

Die Deutsche Bank erwartet eine Kernkapitalquote - das Verhältnis von Kernkapital zu vergebenen Krediten - von 10 Prozent. In diesem Zusammenhang ist auch die Einigung der Deutschen Bank mit der Deutschen Post auf neue Konditionen für den Verkauf der Post-Tochter Postbank zu sehen. Die Deutsche Bank muss dadurch ihr Eigenkapital nicht mehr so stark belasten, die Post kommt "schneller und mit weniger Risiko aus dem Bankgeschäft", wie beide Konzerne mitteilten. Zugleich wird indirekt auch der Staat, dem zum Teil die Deutsche Post gehört, an der größten deutschen Bank beteiligt.

Nach der neuen Vereinbarung erhält die Deutsche Post für den Verkauf von zunächst 22,9 Prozent der Bonner Postbank rund acht Prozent der Deutschen Bank. Zudem erhält die Deutsche Bank weitere 27,4 Prozent über eine Pflichtumtauschanleihe. Für zusätzliche 12,1 Prozent bestehe weiterhin eine Kaufoption für die Deutsche Bank. Der Barwert der Transaktion entspreche 4,9 Milliarden Euro. Die Post erhalte unmittelbar liquide Mittel von 3,8 Milliarden Euro, wovon 3,1 Milliarden Euro bereits am 2. Januar geflossen seien. Die beiden Konzerne gehen von einem Abschluss der Transaktion bis spätestens 27. Februar 2009 aus.

HRE braucht Staat zum Überleben

Im Kampf um sein Überleben hängt der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) am Tropf staatlicher Milliardenhilfen. Ohne die Unterstützung durch den Bund ist der Konzern mit Sitz in München nicht mehr lebensfähig. Seit der Beinahe-Pleite des Konzerns im Herbst haben Bund und Banken den Konzern schon 50 Milliarden Euro Kredite gezahlt und für weitere 30 Milliarden Euro Garantien gewährt. Da das Neugeschäft des Unternehmens durch die Krise aber praktisch zum Erliegen gekommen ist, zieht der Bund jetzt auch eine Beteiligung an dem Konzern in Betracht.

Aus eigener Kraft kommt die HRE nicht mehr auf die Beine. Das dritte Quartal 2008 schloss der Konzern mit einem Verlust von 3,1 Milliarden Euro ab und auch für das Gesamtjahr erwarten Experten tiefrote Zahlen. Schon Mitte November erhielt der Konzern die erste Finanzspritze von 50 Milliarden von Bund und Banken. Da das Geld aber mangels sonstiger Einnahmen nicht reichte, bekam die Hypo Real Estate zusätzlich vom Finanzmarktstabilisierungsfonds (SoFFin) Garantien über 30 Milliarden Euro, die nach einer Verlängerung der Gnadenfrist nun bis Mitte April gelten. Damit geht ein Großteil des Rettungspakets für die deutschen Banken von knapp 500 Milliarden Euro wohl auf das HRE-Konto.

Über einen Einstieg des Bundes bei der HRE nach dem Vorbild der Commerzbank wird bereits seit Tagen spekuliert. "Das ist eine Option", hieß es in Branchenkreisen. Anders als bei der Commerzbank gehe es bei diesem staatlichen Engagement im Wesentlichen um Schadensbegrenzung. Würde der Bund den Geldhahn zudrehen, müsste die Hypo Real Estate Insolvenz anmelden und dann hätten auch andere Banken und Kunden ein Problem, die mit der HRE Geschäftsbeziehungen haben. Unter den Augen des Bundes soll der neue Konzernchef Axel Wieandt die Bank stattdessen so weit verkleinern, dass sie im Heimatmarkt als Immobilienfinanzierer weitermachen kann. Die Zahl der Beschäftigten wird dazu mehr als halbiert, große Teile des Auslandsgeschäfts eingestellt.