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Zukunft von Karstadt: Ein Kaufhaus zum Dessert

Metro-Chef Eckhard Cordes will Karstadt schlucken. Sogar über Namen für die neue Warenhaus AG sinniert er schon. Ein Bericht von einem Mittagessen mit einem hungrigen Manager.

Von Silke Gronwald

Eckhard Cordes ist vergnügt wie ein Räuber im Tresorraum. Der Chef des Metro-Konzerns und Herr über 126 Kaufhof-Filialen sitzt bei Wiener Schnitzel, Bratkartoffeln und Wasser im Restaurant des Münchner Fünf-Sterne-Hotels Kempinski. Zwei Tage nachdem die Warenhauskette Karstadt Insolvenz anmelden musste, sinniert er schon mal vorsichtig über einen Namen für eine Warenhaus AG. "Galeria Kaufhof oder Karstadt, auch eine Mischung aus beiden Namen wäre möglich", sagt er und schluckt ein großes Stück Fleisch. Vielleicht Galeria Karstadt? "Das steht derzeit noch überhaupt nicht zur Diskussion", wehrt er ab.

Der einstige Chefstratege des Daimler-Konzerns will erst mal der neue Herr über Deutschlands Kaufhäuser werden. 60 der 116 Karstadt-Filialen würde er gern übernehmen und mit seinem Kaufhof-Imperium verschmelzen. Den gut 30.000 Karstadt-Mitarbeitern verspricht er, unter ihm hätten die meisten von ihnen eine sichere Zukunft. Und den täglich 1,5 Millionen Karstadt-Kunden macht er Hoffnung, dass sie auch künftig in jeder größeren Innenstadt unter einem Dach Socken, Wolle oder Herrenpyjamas kaufen können.

Noch ist der Deal nicht gelaufen. Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick, der nun unter Aufsicht des Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg agiert, hat die Verhandlungen erst einmal gestoppt. "Unverantwortlich ist das. Und es zeigt, dass die andere Seite kein Interesse an ernsthaften Gesprächen hatte", schimpft Cordes. "So wahr ich hier sitze, außer uns gibt es auf der ganzen Welt keinen einzigen Investor, der bereit ist, so viele Häuser und damit auch Arbeitsplätze zu erhalten." Jedes Zögern, Zaudern und Taktieren warnt er, "geht letztlich nur auf Kosten der Mitarbeiter". Statt ihres Gehalts bekommen sie das niedrigere Insolvenzgeld, müssen weiter um ihre Zukunft zittern. "Viel gefährlicher ist aber, dass die Häuser bald in so schlechter Verfassung sind, dass wir statt 60 vielleicht nur 50 oder noch weniger übernehmen können." Schon heute seien viele Karstadt-Regale und Kleiderkarussells ausgedünnt. Lieferanten schaffen keine neue Ware mehr heran. Und mit welchem Geld bitte schön sollen die Lager fürs Weihnachtsgeschäft aufgefüllt werden? Ende der Kampfansage.

Keine Gnade für Karstadt

Der Ober kommt mit Wiener Schnitzel Nummer zwei. Cordes schabt die Panade ab, isst nur das Kalbfleisch. Ganz so, als zerlege er den maroden Konkurrenten für seine Warenhaus AG: Was stört, wird weggeschnitten, das Gute aufgespießt und geschluckt.

Mitarbeiter sagen, das Gehirn des 58-Jährigen arbeite wie ein Computer - digital. In Millisekunden schalte es hin und her zwischen ja oder nein, richtig oder falsch, schwarz oder weiß. Für Grautöne bleibe da kein Raum. Mögen ganze Kohorten von Verkäuferinnen verzweifelt ihre "Wir sind ein Stück Deutschland"-Plakate schwenken und mit Tränen in den Augen vor die Kameras treten, seine Synapsen haben längst gefunkt: Karstadt - Notkredit - Unsinn. "Schauen Sie, da sind zwei Warenhauskonzerne, der eine macht seine Hausaufgaben und ist profitabel, und der andere wird schlecht gemanagt und soll dafür auch noch Geld vom Staat bekommen? Das ist absurd", sagt Cordes und gönnt sich nun doch ein Glas Wein - einen Weißburgunder Jahrgang 2005.

Sein Einfluss im Kanzleramt ist zwar leise, aber nicht zu unterschätzen. Seit wenigen Wochen gehört er zu einem privilegierten Kreis von sechs deutschen Konzernchefs, mit denen sich Angela Merkel berät. Noch während die Karstadt-Verkäuferinnen auf der Straße demonstrierten, hatte er bei der Bundeskanzlerin für eine "privatwirtschaftliche Lösung" geworben, die den "Steuerzahler keinen Cent kostet". Seine Rechtfertigung für den Deal mit Karstadt ist ganz einfach: "Ich opfere zwar eine kleinere Zahl Arbeitsplätze, erhalte langfristig aber die Mehrzahl - in einem dann profitablen Unternehmen."

Eine Kämpfernatur

Schlaflose Nächte hat er deswegen nicht. "Und glauben Sie jetzt nicht, dass ich herzlos bin", fügt er hinzu, "ich weiß, was es heißt, wenn in der Familie jemand die Arbeit verliert." Cordes war 15, als sein Vater, Angestellter einer Lederfabrik, arbeitslos wurde. Die wirtschaftliche Existenz der angesehenen gutbürgerlichen Familie in Neumünster stand auf dem Spiel. Den Schock hat der junge Cordes nicht vergessen. Es war die Zeit, in der er Wilhelm Röpkes Ökonomieklassiker "Die Lehre von der Wirtschaft" verschlang und beschloss: "Ich will BWL studieren." Einen Plan, den er nie wieder in Zweifel zog. Auch nicht in seiner Sturm-und-Drang-Phase zwischen 16 und 18. Die Noten wurden schlechter, die Haare länger. Und seine Lateinlehrerin zum Biest. Jungs, die mit einer Matte zum Unterricht erschienen, rief sie nur noch mit Mädchennamen auf. Fred hieß plötzlich Inge, und Eckhard drohte sie: "Noch ein paar Zentimeter, und du bist meine Maria." Cordes griff nicht zur Schere, sondern verschwand vor jeder Lateinstunde auf die Toilette und striegelte die Locken fest hinter die Ohren. Maria wurde er nie genannt. Cordes kann kämpfen, und wenn der Gegner unfair spielt, auch mit Kniffen.

Einer, der das nur zu gut weiß und Cordes auch in seinen dunklen Stunden erlebt hat, ist sein langjähriger Weggefährte Günter Egle. Die beiden liefen sich vor 25 Jahren beim Daimler zum ersten Mal über den Weg. Egle beobachtete, wie Cordes sich zielstrebig zur Nummer zwei im Unternehmen hocharbeitete. "Jürgen Schrempp hatte ihm schon die Nachfolge auf den Chefsessel versprochen, und dann wurde es plötzlich Dieter Zetsche. Das war hart für ihn."

Nein statt Ja. Wie üblich reagierte der Computer in Cordes' Kopf schnell. Er kündigte.

Der Ober bringt den Wein. "Der ist ja wie Öl, den hatten wir nicht bestellt."

Rein geschäftlich

Ein neuer Job musste her. Die Branche war egal, nur eines stand fest: Diesmal wollte er die Nummer eins sein - sofort. Der Familienkonzern Haniel, dem zwar der Glamour der Autowelt fehlte, kam gerade recht. Und schon bald überzeugte er die Familie, ihre Anteile am Metro-Konzern aufzustocken, und sicherte sich kurze Zeit später auch dort den Chefsessel. Nun war er angekommen in der Königsliga: Chef eines Dax-Konzerns, mit einem geschätzten Jahreseinkommen von mehr als fünf Millionen Euro.

Cordes hat die Niederlage im Daimler-Vorstand nicht vergessen, aber weggesteckt. "Wissen Sie, wir alle spielen doch gewissermaßen nur eine Rolle. Sie müssen nur zusehen, dass Sie sich möglichst wenig verbiegen."

Man darf nicht den Fehler machen, Cordes für so etwas wie den großen Bellheim zu halten, jenen Fernsehhelden aus den 90er Jahren, der mit Herz und Verstand für den Erhalt eines urdeutschen Kaufhauses kämpfte. Cordes ist kein Bellheim. Bei der angestrebten Übernahme von Karstadt geht es ihm allein ums Geschäft, und das heißt wohl: erst die Braut hübsch machen und sie anschließend an den Mann bringen. Vielleicht an die Börse, möglicherweise findet sich auch ein privater ausländischer Investor.

Inzwischen ist das letzte Stück Schnitzel vom Teller verschwunden. Zurück bleibt nur die Panade - eine leere Hülle.

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