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"Die Stunde Null" Ex-Bundesliga-Manager Andreas Rettig: "Der Fußball hat sich viel zu sehr überhöht"

Andreas Rettig
Ex-Bundesligamanager Andreas Rettig war viele Jahre Teil des Fußballgeschäfts - und sieht manches äußerst kritisch
© Picture Alliance
Kann der deutsche Fußball weitermachen wie bisher? Oder sollte er die Coronakrise nutzen, um sich grundlegend zu ändern? Ex-Fußball-Manager Andreas Rettig und 11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster haben eine klare Meinung.

Seit Mitte März ruht der Ball in der Bundesliga – und allen europäischen Fußballligen. Die Vereine aber sind in großer Unruhe und wollen die Liga unbedingt zu Ende spielen, in "Geisterspielen" und mit strengen Hygienestandards. In dieser Folge "Die Stunde Null" spricht Horst von Buttlar gleich mit zwei Gästen über den Ligastart: Andreas Rettig, bis 2015 Chef der DFL und ehemaliger Manager beim 1. FC Köln, Augsburg und zuletzt Sankt Pauli – sowie mit Philipp Köster, Chefredakteur des Fußballmagazins 11Freunde.

Das ganze Gespräch hören Sie hier:

Die wiederkehrende Frage in Diskussionen um den Shutdown: Welche Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus sind sinnvoll, wenn die Folgen dieser Schritte die Gesellschaft über Jahre treffen werden? Die Suche nach einer guten Mitte beschäftigt sämtliche Branchen – also auch den Fußball.

Die einen warnen, dass viele Clubs kurz vor der Pleite stehen – auch Clubs wie Schalke 04 – und der deutsche Fußball ruiniert wird, wenn die Liga nicht wenigstens die Saison zu Ende spielt und die wichtigen Einnahmen aus den TV-Rechten bekommt. Andere ärgern sich über die Sonderrolle in Zeiten, in der noch nicht mal klar ist, wie Schulen und Kitas wieder öffnen. Und andere wiederum scherzen: Egal ob Mai oder Juni, Hauptsache Italien.

"Der Fußball hat sich seit Jahren viel zu sehr überhöht"

Denn die Spiele sollen wieder stattfinden, sagt die DFL. Und dafür hat sie ein Wiederaufnahme-Konzept mit Geisterspielen entwickelt. Also ohne Zuschauer, dafür mindestens ein Corona-Test pro Woche, Quarantäne, wenn er positiv ausfällt und klare Ansagen, wer sich im Stadion wo bewegen darf. Nimmt sich der Fußball etwas zu wichtig, müssten nicht erstmal andere Branchen, etwa die sogenannten systemrelevanten, eine Sonderrolle bekommen?

"Der Fußball hat sich seit Jahren viel zu sehr überhöht", sagt Rettig im Podcast. Gleichzeitig müsse klar sein, dass Fußball mit anderen Branchen der Realwirtschaft nicht vergleichbar sei. Das Verhältnis der Fans zu den Vereinen und auch zu der Liga sei ein ganz anderes als Unternehmen es mit ihren Kunden hätten. Daher auch die Bezeichnung "Fan". Er sagt: "Die Fans dürfen jetzt nicht zu kurz kommen. Mir fehlt ein wenig der Glaube, wenn der FC Bayern schon wieder von einer großartigen Transferoffensive schwadroniert. Ich würde mir wünschen, er würde eher eine Charmeoffensive in Richtung Mitglieder und Fans einläuten."

Köster sieht in der Krise eine Chance für den Profifußball, seine Beziehung zu den Fans neu zu definieren. "Das ist ja wie ein Halt auf freier Strecke", sagt er. "Bisher war der Profifußball wie ein Autofahrer, der gedacht hat, der Tank ist voll, und ich kann immer weiter fahren. Jetzt ist er liegen geblieben und hat kein Benzin mehr. Und dann muss ich fragen, wie geht es eigentlich weiter. Der Fußball muss sich jetzt fragen: Wozu ist er eigentlich da? Geht es nur um Umsatzrekord und silberne Pokale? Oder ist es eine Alltagskultur und ein Sport des Volkes?"

Das ganze Interview hören Sie in der neuen Folge von "Die Stunde Null – Deutschlands Weg aus der Krise". Alle Folgen finden Sie bei Audio Now, Apple Podcasts, Deezer, Soundcloud und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Nehmen Sie die Feed-URL und fügen Sie "Die Stunde Null" einfach zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

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