Verkehr Die Bahn muss kämpfen


Seit einem Jahr steckt die alte Bahncard wieder in den Börsen Millionen Reisender, doch dem Fernverkehr hat das nicht geholfen. Billige Lockangebote für europäische Ziele sollen das jetzt ändern.

Zwar ist Kundenärger über zu komplizierte Tarife seit der erneuten Reform des Preissystems am 1. August 2003 seltener geworden. Für die ersehnte Trendwende im wichtigen Geschäft mit ICE und Intercity muss Bahnchef Hartmut Mehdorn aber noch immer kämpfen. Lockpreise zu 29 Euro sollen nun helfen, die Sparte endlich aus den roten Zahlen zu bringen.

Und ewig lockt die Börse

Im verschärften Wettbewerb mit den Billigfliegern und dem Auto muss sich die Bahn sputen. Schließlich setzt Mehdorn alles daran, den Konzern zum Jahresende in die Gewinnzone zu lenken - dies ist die Voraussetzung, damit der Bund als Eigentümer bald eine Entscheidung über einen Börsengang fällt, den die Bahn schon für 2006 anstrebt. Doch noch bleiben in den Fernzügen nach wie vor zu viele Sitze leer, wie auch die Manager im Bahntower feststellen. "Bei der Auslastung von im Schnitt 40 Prozent müssen wir noch zulegen, um wirtschaftlich zu fahren", sagt ein Sprecher.

"Die Bahncard allein kann es nicht richten", heißt es auch beim Fahrgastverband Pro Bahn. Für Vielfahrer sei die flexible 50-Prozent- Ermäßigung eine gute Sache. "Aber damit holt man keine großen Mengen in die Züge", sagt der Vorsitzende Karl-Peter Naumann. Immer noch sei das Tarifsystem zu kompliziert, wenn es für eine Verbindung etwa zwischen Hamburg und Chemnitz eine Hand voll verschiedener Preise gebe. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) monierte, dass bei Tests in Reisezentren fast ein Drittel der Auskünfte nicht optimal war.

Vereinfachung half nicht viel

Dabei hatte die Reform der Reform nicht nur die ausrangierte alte Bahncard zurückgebracht. Das erst acht Monate zuvor gestartete neue Preissystem wurde stark vereinfacht: Statt drei gibt es seitdem nur noch zwei Rabattstufen von 25 oder 50 Prozent beim Kauf drei Tage vor der Abfahrt. Die Kombination von Sparpreisen und Bahncard-Ermäßigung wurde gestrichen und läuft am 30. September auch für Inhaber der Bahncard 25 endgültig aus.

Um mehr Kunden in die Fernzüge zu locken, sollte die Bahn statt der längeren Routen der Billigflieger besonders die Strecken bis 300 Kilometern ins Visier nehmen, rät Pro-Bahn-Chef Naumann. "Da braucht es knackige Angebote, die Flexibilität beinhalten." Aus Sicht von VCD-Verkehrsexpertin Heidi Tischmann sollten junge Leute gezielt angesprochen werden. "Zum 18. Geburtstag könnte man Jugendlichen eine Bahncard zum symbolischen Preis von 18 Euro anbieten." Schließlich entscheide sich früh, ob sie stattdessen zu Autofahrern würden.

Billigflieger sind starke Konkurrenz

Als Problem ausgemacht hat die Bahn, dass viele Reisende sie nach dem Werbewirbel der Billigflieger für deutlich teurer halten als sie wirklich ist. Und die Hälfte der Deutschen sei sogar noch nie mit dem Zug gefahren. Bis Ende August lockt der Konzern deswegen mit täglich 30.000 Tickets zur "Probefahrt" für 29 Euro pro einfacher Fahrt in die Fernzüge. Junge Leute bis 27 Jahren soll ein spezielles Sommer- Monatsticket anziehen.

Auf die Sonderaktionen allein mag sich Mehdorn mit dem wichtigen Börsenziel vor Augen allerdings nicht verlassen. Da wegen der weiter schwachen Konjunktur nicht sicher sei, ob sie "nachhaltig greifen", erließ die Konzernspitze gerade einen vorsorglichen Ausgabenstopp für alle nicht unbedingt nötigen Aufwendungen. Bis Ende Mai konnte die Bahn ihren Verlust mit noch gut 70 Millionen Euro Minus nur langsamer abbauen als geplant. Die Zahlen des ersten Halbjahres will Mehdorn am 16. August vorlegen. Grundsätzlichen "Anlass zur Besorgnis" gebe es nicht, schrieb er bereits seinen Führungskräften.

Lockpreise für vier europäische Ziele

Im Wettstreit mit den Billigfliegern weitet die Bahn ihr Sommerangebot mit Lockpreisen aus. Für 39 Euro sollen im August an Automaten oder im Internet Tickets für die einfache Fahrt nach Amsterdam, Brüssel, Zürich und Wien erhältlich sein, teilte der bundeseigene Konzern am Mittwoch mit. Am Schalter oder im Reisebüro kosten die in begrenzter Zahl verfügbaren Angebote 44 Euro. Die Menge hänge von der Auslastung der Verbindung ab. Das seit Juli laufende Angebot von täglich 30.000 Tickets für innerdeutsche Fahrten zu 29 Euro sei 500.000 Mal gebucht.

Sascha Meyer, dpa DPA

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