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Volkswagen-Prozess: Viele VW-Mitarbeiter wussten offenbar von Dieselbetrug

So viele bei VW wussten vom Dieselbetrug. So viele schwiegen. Im wohl größten Betrugsfall der Bundesrepublik gewähren die Aussagen von Beteiligten verstörende Einblicke in den irren Kosmos von VW.

VW Stammwerk in Wolfsburg

Der Stammsitz des VW-Konzern in Wolfsburg

DPA

Im Volkswagenkonzern kannten offenbar viel mehr Mitarbeiter als bisher angenommen die illegalen Praktiken zur Manipulation von Abgastests bei Dieselautos. Das ergibt sich aus Protokollen von Zeugenaussagen, die dem stern vorliegen. Ein großer Report in der aktuellen Ausgabe des Magazins erschüttert die Legende vom betrogenen Unternehmen.

Kurz vor Ostern hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig die ersten fünf Beschuldigten im Diesel-Skandal angeklagt. Es ist der wohl größte Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte. Einer der Angeklagten ist Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn. Gegen 36 weitere Personen laufen die Ermittlungen noch. Seit 2015, als der Fall öffentlich wurde, hat die Staatsanwaltschaft hunderte Zeugen vernommen und rund 75.000 Seiten Beweisakten produziert. Noch hat das Gericht die Anklage nicht angenommen, doch Experten rechnen mit einem jahrelangen Prozess.

Die 41 Beschuldigten – alles ehemalige Volkswagen-Mitarbeiter – suggerieren eine relativ kleine Zahl von Mitwissern, die am Betrug beteiligt waren. Bisher wirkte es, als habe eine kleine Gruppe von Technikern heimlich die Software der Motoren manipuliert. Das passt zur Aussage des bisher einzigen, von der Staatsanwaltschaft benannten Angeklagten, Martin Winterkorn. Der ehemalige Herr über mehr als 600.000 Mitarbeiter behauptet, bis zuletzt nichts von dem Betrug gewusst zu haben.

Wissen über "Akustikfunktion" war offenbar weit verbreitet

Doch es gibt in den Gerichtsunterlagen viele Zeugenaussagen, die dokumentieren, wie verbreitet das Wissen über die so genannte "Akustikfunktion" war. Der stern konnte Aussagen Beteiligter einsehen, in denen allein über hundert Namen von VW-Mitarbeitern auftauchen, die über die Abgasmanipulationen informiert waren. In Emails und auf Konferenzen diskutierten sie offenbar über die stetige Weiterentwicklung der Software.

Es habe rund 1000 Varianten der Manipulations-Software in verschiedenen Modellen gegeben, die scheinbar immer von unterschiedlichen Mitarbeitern mit Daten versehen und so scharf geschaltet worden seien. Eine einheitliche Handschrift sei nicht zu erkennen, sagte ein an der Programmierung der Funktion Beteiligter den Behörden. Er gehe von einer möglicherweise vierstelligen Zahl an Mitwissern im Unternehmen aus.

Unter dem Tarnnamen "Akustikfunktion" wurde im Volkswagen-Konzern ab etwa Anfang 2006 eine Software entwickelt, die Abgastests erkannte und nur dann die Abgasreinigung in Betrieb hielt. Wurde das Fahrzeug ganz normal im Straßenverkehr benutzt, schaltete die Elektronik die Abgasreinigung faktisch ab, um die fragile Technik zu schonen. Solche Fahrzeuge sind fast überall auf der Welt nicht zulassungsfähig, kamen also illegal auf den Markt.

Weltweit mehr als neun Millionen Dieselfahrzeuge mit Betrugssoftware verkauft

Drei Generationen des betroffenen Basismotors EA 189 wurden mit der Software auf den Markt gebracht. Bis September 2015 hatte der Konzern weltweit über neun Millionen Dieselfahrzeuge der Marken VW, Audi, Seat und Skoda mit den Motoren verkauft, die teilweise ein Mehrfaches der zulässigen Abgasmenge in die Umwelt entließen. Den Behörden in den USA fiel der Betrug zuerst auf. Volkswagen gestand ihn ein und hat bisher rund 30 Milliarden Euro für Rückrufaktionen, Schadenersatz und Strafzahlungen aufgewendet. Zwei ehemalige VW-Mitarbeiter sind in den USA bereits zu Gefängnisstrafen verurteilt worden.

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