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Zwischenbilanz zum VW-Abgasskandal: Gute Laune in Wolfsburg

Die Spitze des VW-Konzerns sieht erste Erfolge bei der Aufklärung des Diesel-Skandals und kündigt an, den Konzern umzukrempeln: Alles soll schlanker, offener und kritikfähiger werden. Erstes sichtbares Zeichen: Konzernchef Müller will Firmenflieger verkaufen

Von Jan Boris Wintzenburg, Wolfsburg

VW gibt Zwischenbericht zum Abgasskandal

Gute Laune bei VW: Vorstandsboss Matthias Müller (r.) und Aufsichtsratsvorsitzender Hans Dieter Pötsch

Der Rahmen der Pressekonferenz war gewaltig – selbst für Volkswagen-Maßstäbe: Rund 200 Journalisten aus der ganzen Welt saßen im Auditorium, Dutzende Kameras waren auf die Bühne des Mobile Life Campus in Wolfsburg gerichtet. Sie waren gekommen, um Volkswagen-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und seinen Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller zum ersten Mal gemeinsam zu erleben. Beide wurden vor gerade zwei Monaten vom Diesel-Skandal in ihre Positionen gespült.

Seitdem mühten sie sich, bei der Aufklärung des größten Skandals der VW-Geschichte Boden unter die Füße zu bekommen. Jetzt wollten sie zum ersten Mal Bericht erstatten.

Terrabyte Daten und ein Löschverbot

Aufsichtsratschef Pötsch, ein Mann der Zahlen, begann mit den harten Fakten und gab einen Einblick in die Ermittlungen: 450 Ermittler seien momentan in die Untersuchung einbezogen. Sie hätten 102 Terrabyte Daten gesichert, ein Umfang von 50 Millionen Büchern. 87 Mitarbeiter wurden vernommen, 1500 Datenträger aus den Computern von 380 Mitarbeitern gesichert. 2000 Mitarbeiter bekamen ein Löschungsverbot: Sie dürfen momentan keine Dokumente wegwerfen oder Daten von ihren Computern entfernen.


Dann zeichnete er den Weg in die Krise nach: Von der Entscheidung im Jahr 2005 den Motor EA 189 zu entwickeln, über die Erkenntnis, dass der Diesel in den USA die strengen Grenzwerte nicht erreichen würde, bis zur Lösung im Jahr 2008, zwei "Abgasstrategien" zu entwickeln – eine für die Straße (schmutzig) und eine für den Prüfstand (sauber). Bloß zur Frage, wer diese Entscheidungen traf, gab es noch keine Antworten.

Keine Stunde für die Reparatur

Anschließend erläuterte Matthias Müller die Lösungsvorschläge für die Reparatur der Motoren: Bei 2-Liter und 1,2-Liter-Diesel genügt in Europa ein Software-Update, Das in etwa 30 Minuten aufgespielt werden kann. Schon im Januar sollen die ersten Kunden in die Werkstätten gerufen werden. Beim betroffenen 1,6-Liter Motor ist auch der Einbau eines Luftgitters im Ansaugbereich des Motors notwendig. Inklusive neuer Software dauert das kaum eine Stunde.

Allerdings: In den USA dürften die Umrüstungen wegen der strengeren Abgasvorschriften aufwendiger werden. Beim ebenfalls betroffenen 3,0-Sechszylinder ist wohl ein neuer Katalysator fällig. Konkrete Vorschläge, so Müller, würden gerade von den US-Behörden geprüft. Bis Ende 2016 sollen aber alle elf Millionen betroffenen Diesel weltweit repariert sein.

Silicon Valley in Wolfsburg

 Eine gute Nachricht für die Kunden von VW, vor allem aber für Mitarbeiter und Anleger. Beflügelt von der Aussicht, den Skandal bald hinter sich lassen zu können, entwarf Müller dann ein Bild vom neuen Volkswagen. "Ich will, dass wir auch mal in der Sache streiten", rief er in den Raum, als rede er auf einer Mitarbeiterversammlung. "Fehler müssen erlaubt sein. Wir brauchen hier keine Ja-Sager, sondern unternehmerisches Denken, Leute die neugierig sind, unangepasst, Pioniere! Den Mutigen gehört die Zukunft bei Volkswagen." Er wünsche sich ein bisschen mehr Silicon Valley in Wolfsburg.


"Aber wie bringt man das 600000 Mitarbeitern bei?" fragte Müller sich. Seine Antwort: "Just do it!" Seine Tür stehe immer weit offen für neue Ideen und das erwarte er auch von anderen Führungskräften.

Airbus zu verkaufen

Erstes sichtbares Zeichen des Wandels: Die Privilegien der Führungskräfte werden beschnitten. Der "Air Service" etwa, die VW-Fliegerstaffel für Manager, die wohl größte bei einem Unternehmen in Deutschland, soll verkleinert werden. Der Vorstands-Airbus A319 werde verkauft, kündigte Müller an. Außerdem sollen überbesetzte Gremien gelichtet und der Reiseaufwand verringert werden. Bei Messen sei Bescheidenheit die neue Maxime. "Die Leute sollen uns auf Grund der guten Produkte beachten."

Einmal in Schwung rief Müller: "So ernst die Situation ist: Dieses Unternehmen wird nicht daran zerbrechen. Wir werden neue Kräfte frei setzen und nachhaltig erfolgreich sein." Das war viel Pathos, aber für Müller offenbar ein emotionaler Befreiungsschlag. Nach Wochen, in denen er grau und müde wirkte, kehrte auf der Bühne in Wolfsburg das Spitzbübische, Leichte in Müllers Auftritt zurück. Er lieferte sich Wortgeplänkel mit nachfragenden Journalisten und gab freche Antworten. Es war ein neuer Müller. Einer mit guter Laune.