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Baumwolle aus Xinjiang H&M, Nike und Co.: Wie China westliche Modemarken systematisch vom Markt verdrängt

Eine Frau geht am Flagshipstore der Bekleidungsmarke H&M in einer Einkaufszone in Peking vorbei
H&M-Produkte sollen innerhalb eines Tages von großen Online-Händlern wie "Alibaba" gelöscht worden sein
© Kevin Frayer / Getty Images
Weil sich Modemarken wie H&M und Nike besorgt über Berichte von Zwangsarbeit auf Chinas Baumwollfeldern zeigten, fährt Peking nun eine Boykott-Kampagne gegen die Unternehmen.

Es ist ein Drahtseilakt zwischen Ethik und Umsatz: Westliche Modemarken wie H&M und Nike zeigten sich bereits vor Monaten besorgt wegen Berichten über Zwangsarbeit auf chinesischen Baumwollfeldern. Mehrere Staaten hatten vergangene Woche neue Sanktionen gegenüber Peking verhängt. Jetzt holt China zum Gegenschlag aus: Staatsmedien und Internetnutzer haben zum Boykott zahlreicher Textilunternehmen aufgerufen – mit sichtbarem Erfolg.

H&M aus der digitalen Welt Chinas verschwunden

Modefirmen wie H&M oder Nike hatten sich besorgt über Berichte gezeigt, wonach die die Kommunistische Partei Angehörige der muslimischen Minderheit der Uiguren in "Umerziehungs"-Lager steckt. In diesen Lagern gebe es Folter, sexuellen Missbrauch und Zwangsarbeit. Viele Uiguren leben in der Region Xinjiang, im Nordwesten des Landes. In dem Gebiet werde ein Fünftel der weltweiten Baumwollproduktion betrieben. Im Dezember veröffentlichte die "BBC" eine Untersuchung, wonach Hunderttausende Angehöriger von Minderheiten – auch Uiguren – zur Handarbeit auf den Feldern gezwungen werden. Mit ihren Reaktionen darauf zogen die Modefirmen den Zorn Pekings auf sich – mit heftigen Konsequenzen.

Am Mittwoch sollen Staatsmedien, Internetnutzer und Prominente zum Boykott zahlreicher Marken aufgerufen haben, die der Better Cotton Initiative (BCI) angehören – einem gemeinnützigen Verbund, der sich für eine nachhaltige Baumwollproduktion einsetzt. Die BCI habe im Oktober erklärt, dass sie ihre Genehmigung für die Baumwollproduktion in Xinjiang aussetzen werde. Ziel der nun gestarteten chinesischen Vergeltungskampagne seien zunächst H&M und Nike gewesen. Mittlerweile habe sich der Boykott aber auch auf zahlreiche andere Marken wie Burberry, Adidas und Tommy Hilfiger ausgeweitet.

Schlagabtausch vor laufender Kamera: Chinesische und US-Diplomaten geraten öffentlich aneinander

Berichten zufolge ist H&M innerhalb von 24 Stunden aus der digitalen Welt Chinas verschwunden. Kleidung könne nicht mehr über den Online-Einzelhandel gekauft werden, der größte Fahrdienstvermittler des Landes fahre keine H&M-Filialen mehr an. Die meisten Läden seien zwar noch da – doch einige Geschäfte seien bereits verschwunden. Außerdem hätten Regierungsmedien chinesische Bekleidungsunternehmen systematisch beworben. So seien die Marken auf dem Mikrobloggingdienst "Weibo" unter Hashtags dafür gelobt worden, gezielt Baumwolle aus Xinjiang zu beziehen. Der Hashtag "Ich unterstütze Xinjiang-Baumwolle" soll auf Weibo mehr als vier Milliarden Mal aufgerufen worden sein.

"CNN" zufolge fielen die Aktien von Nike am Donnerstag an der Wallstreet um drei Prozent, Adidas-Aktien sogar um sechs Prozent. Auch der Wert von H&M-Wertpapieren sei in Schweden gesunken. Laut "New York Times" sagte ein Sprecher des chinesischen Handelsministeriums am Donnerstag, dass die chinesischen Verbraucher "hoffen, dass die betreffenden Unternehmen ihre falschen Praktiken korrigieren werden".

Peking dementiert Menschenrechtsverletzungen

Seit Längerem wird der chinesischen Regierung massive Unterdrückung der muslimischen Minderheit der Uiguren vorgeworfen. Ausgangspunkt für den Konflikt ist Medienberichten zufolge die zunehmende Migration von Han-Chinesen nach Xinjiang. Dies hatte zu teils blutigen Spannungen zwischen der ethnischen Mehrheit Chinas und der uigurischen Minderheit geführt.

Westliche Staaten haben deshalb mehrfach Sanktionen gegen China verhängt – was Peking wiederum zum Anlass für Vergeltungsaktion nahm. Im Dezember hatten die USA alle Baumwollimporte aus Xinjiang blockiert. Die Regierung habe in diesen Zusammenhang von möglicher Sklavenarbeit und ungeheuerlichen Menschenrechtsverletzungen gesprochen. Vergangene Woche hatten die USA, Großbritannien und die EU weitere Sanktionen gegen hochrangige chinesische Beamte ausgesprochen, die im Verdacht stünden, an der Unterdrückung beteiligt zu sein.

Die chinesische Einheitspartei bestreitet die Vorwürfe. Die Lager, in denen Uiguren festgehalten werden, bezeichnet die chinesische Regierung als "Berufsausbildungszentren", in denen Armut und religiöser Extremismus bekämpft werden soll.

Quellen: "BBC"; "CNN"; "New York Times"


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