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Interview

Professor Irene Bertschek: "Digitalisierung ist Chefsache": IT-Expertin erklärt, wie der technische Wandel gelingen kann

Wie digital sind Deutschlands Unternehmen heute schon? Müssen sich Arbeitnehmer sorgen? IT-Expertin Irene Bertscheck über unbegründete Ängste und verpasste Chancen beim technischen Wandel.

"Digitalisierung ist Chefsache", sagt IT-Expertin Irene Bertscheck

"Kooperation und Vernetzung werden wichtiger", sagt Professor Irene Bertscheck (kl. Foto) vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim im stern-Gespräch

Getty Images

Professor Irene Bertschek leitet den Forschungsbereich "Digitale Ökonomie" am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW). Sie ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat einer großen stern-Studie zur Zukunftsfähigkeit der Unternehmen in Deutschland. Alle Informationen zur Studie finden Sie hier.

Frau Professort Bertscheck, angeblich ist jeder zehnte Arbeitsplatz in Deutschland durch die Digitalisierung bedroht. Müssen sich die Beschäftigten wirklich sorgen machen?

Irene Bertscheck: So pauschal nicht. Viele Tätigkeiten werden sich verändern. Die Menschen müssen sich mehr weiterbilden und digitale Kompetenzen erwerben. Einzelne Arbeitsplätze werden zwar verloren gehen, aber an anderer Stelle entstehen neue.

Pflegeroboter, selbstfahrende Taxis oder Lkws, Bots im Kundenchat – was kommt da auf die Arbeitnehmer zu?

Es geht um alles, was sich automatisieren lässt. Körperliche Arbeiten können Roboter übernehmen, Servicearbeiten auch Softwareprogramme. Solche Tätigkeiten sind gefährdet. Pflegekräfte müssen sich sicher keine Sorgen machen. Sie bleiben gesucht, werden aber bei Routinetätigkeiten entlastet.

Deutschlands traditionelle Stärken sind Ingenieurskunst und Handwerk. Reicht das im digitalen Zeitalter?

Sicher nicht! Digitale Kompetenzen sind in fast allen Berufen und Branchen gefragt. Von der Internetrecherche über den Umgang mit Daten bis zu Programmierkenntnissen. Studien des ZEW zeigen, dass vor allem die Kombination von Fähigkeiten aus unterschiedlichen Bereichen gefragt ist, der Ingenieur muss also nicht nur konstruieren, sondern auch programmieren können.

Es muss jemand mit vollem Einsatz machen

Wie digital sind Deutschlands Unternehmen heute schon?

Die Dienstleister sind deutlich digitaler als die Industrie, aber auch diese macht deutliche Fortschritte. Es ist aber immer noch Luft nach oben, auch im internationalen Vergleich. Es gibt immer noch Unternehmen, die denken, dass Digitalisierung für sie keine Priorität hat. Das ist bedenklich.

Laut einem Report der EU-Kommission ist man in Finnland oder Dänemark schon weiter. Warum?

Eine Ursache ist eigentlich keine Schwäche: nämlich, dass Deutschland eine starke Industrie hat. Dort gibt es noch viele manuelle Tätigkeiten, etwa in der Produktion, die sich nicht einfach automatisieren lassen. Bei kleineren Mittelständlern hakt es zudem oft an der Zeit, der Organisation und den Kosten. Unterm Strich nutzen die deutschen Unternehmen die Chancen der Digitalisierung weniger als die Unternehmen in anderen Staaten. 

Wer muss in den Unternehmen die Verantwortung für die digitale Transformation übernehmen?

Damit es funktioniert, muss sie ganz oben in der Hierarchie angesiedelt sein. Und es muss jemand mit vollem Einsatz machen. Digitale Transformation ist Chefsache, kein Nebenjob. 

Jeder sollte dazu bereit sein, sich auf lebenslanges Lernen einzustellen

Chefs müssen bei neuen Arbeitsweisen oft Kontrolle abgeben. Gelingt ihnen das?

Das wird sich zeigen. Die Hierarchien werden flacher. Da sind viele Lernprozesse nötig. Mit neuen Methoden verändert sich auch die Arbeitsweise. Kooperation und Vernetzung werden wichtiger. Und über die sozialen Medien melden sich auch die Kunden heute viel schneller und direkter zu Wort. 

Ein Grundsatz etwa bei Facebook heißt: lieber schnell als perfekt. Tun sich deutsche Unternehmen damit besonders schwer?

Ja. Die deutschen Mittelständler sind mit Perfektionismus erfolgreich geworden. Bei Facebook zeigt sich aber auch, dass unperfekte Lösungen längerfristig nicht immer die richtigen sind, etwa beim Datenschutz.

Kann jeder sich das für die Digitalisierung nötige Wissen aneignen?

Jeder sollte dazu bereit sein, sich auf lebenslanges Lernen einzustellen, aber er ist dafür nicht allein verantwortlich.

Wie kann die notwendige Fortbildung organisiert werden?

Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe für Unternehmen und Beschäftigte, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände. Aber auch Bildungseinrichtungen sind gefordert, ihre Angebote stetig weiterzuentwickeln, der Staat kann punktuell fördern, insbesondere bei denjenigen, deren Job durch Digitalisierung gefährdet ist. 

Die Unternehmen haben die Chance, zu erfahren, wo sie bei der digitalen Transformation stehen

Häufig wird bei der Digitalisierung in den Unternehmen vor allem auf Kosteneinsparungen geguckt. Lassen die Manager da Chancen für neues Wachstum aus?

Ja. Der Fokus liegt sehr auf der Effizienz. Viele Wachstumspotenziale liegen brach. Man tut sich schwer damit, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, etwa bei künstlicher Intelligenz.

Die großen Plattformunternehmen sind in den USA. Gibt es da für die deutsche Wirtschaft überhaupt noch Chancen?

Im Konsumentenbereich ist der Zug wohl abgefahren. Auch wenn das in der Politik oft diskutiert wird: Ein deutsches Google oder Amazon wird es wohl nicht geben. Chancen liegen bei Plattformen für Geschäftskunden. Da hätte Deutschland mit seiner starken Exportwirtschaft eine gute Ausgangsposition. Aber bisher ist da wenig sichtbar.

Der stern hat mit Ihnen und weiteren Experten eine große Studie zur Zukunftsfähigkeit der Unternehmen angestoßen. Warum lohnt sich eine Teilnahme daran?

Die Unternehmen haben die Chance, zu erfahren, wo sie im Vergleich mit anderen bei der digitalen Transformation stehen. Sind schon alle Potenziale ausgeschöpft? Wird genug investiert – nicht nur in Technik, sondern vor allem in die Mitarbeiter? Da wird es bei den Ergebnissen sicher viele Aha-Erlebnisse geben.