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27. Mai 2010, 12:12 Uhr

Ein freudloses Fahrerlebnis

Alle schwärmen vom elektrischen Fahren, aber nicht stern-Redakteur Dirk Liedtke. Er durfte das Elektroauto Mini E ausprobieren. Anstatt die Freude am Fahren zu genießen, saß ihm die Sorge um die verbleibende Reichweite im Nacken.

Mini E, Stromauto, Batterie, reichweite

Dynamisches Aussehen, behäbiges Fahrverhalten© Marek Vogel

Autofahren? Klar, kann ich. Dachte ich. Schließlich habe ich den Führerschein seit 26 Jahren. Aber in diesem Auto - es ist der Mini E - muss ich das Fahren in Teilen neu lernen. Zu kaufen gibt es ihn vorerst nicht. Derzeit wird er in einem Großversuch in Berlin erprobt. 500 Menschen dürfen ihn gegen eine Leasinggebühr von 400 Euro im Monat einige Zeit fahren. Ich habe den Wagen zwei Tage, und bin damit im Großraum München unterwegs.

Am wenigsten überraschend ist, dass das kleine Elektroauto im Moment des Gasgebens ohne Ruckeln, Schalten oder automatischen Gangwechsel los saust. Ich weiß, dass sich Elektroautos so verhalten und bin darauf eingestellt. Ganz anders hingegen ist es, wenn ich den Fuß vom Gas nehme. Man erschrickt fast, so abrupt bremst der dann stromlose Elektromotor den Vorwärtsdrang. Es braucht ein paar Stunden, um dieses Mitbremsen des Elektromotors nicht mehr als merkwürdig einzuordnen. Schließlich erzeugt das Gaswegnehmen bei dem Wagen den gleichen Effekt wie mittelstarkes Bremsen bei einem Auto mit Verbrennungsmotor. Damit der Hintermann den deutlichen Bremseffekt auch bemerkt, gehen während dieses Vorgangs am Elektro-Mini automatisch die Bremslichter an. Auch beim Beschleunigen gibt es eine Überraschung. Damit ist nicht so sehr der Sprint von null auf 100 km/h gemeint, der laut Werksangabe in 8,5 Sekunden zu schaffen ist. Es geht vielmehr um all zu flottes Überholen auf der Autobahn. In diesem Fall auf dem Autobahnring der Bayern-Metropole. Beim Kickdown, wenn also das Gaspedal blitzschnell runter getreten wird, signalisiert sogleich eine gelbe Warnlampe, dass die Batterie dadurch zu stark aufgeheizt wird. Und die Motorleistung wird automatisch abgeregelt.

Mini E, Stromauto, Batterie, reichweite

Die Steckdose wirkt wie Spaßbremse© Marek Vogel

Reichweite je nach Jahreszeit

Also zügle ich meinen rechten Fuß, versuche flüssig und sanft im Verkehr mitzuschwimmen. Außerdem: Bei höchstens 152 km/h ist ohnehin Schluss. Später, auf der Landstraße, laufe ich auf einen langsam fahrenden Schulbus auf. Was tun? Hinterherzuckeln oder flugs überholen? Ich mache letzteres und erwarte das Aufleuchten der gelben Warnlampe. Das bleibt jedoch aus. Vermutlich, weil ich das Gaspedal beim Überholen nicht ganz so beherzt durchgetreten habe wie vorhin. Dennoch verspüre ich als leichte Gewissensbisse und frage mich: Wie viel Reichweite ich dadurch wohl verballert habe?

Der Bordcomputer verrät mir ungewohnte Daten. Zum Beispiel die Temperatur der Batterieeinheit (19 Grad plus) oder den momentanen Verbrauch (43 Ampèrestunden auf 100 Kilometer). Das Fahrlicht ist an. Aber die Klimaanlage habe ich gar nicht erst eingeschaltet, um den Stromverbrauch niedrig zu halten. Die Heizung aber schon, es ist an diesem Morgen noch ziemlich frisch. Und das Gebläse läuft, damit die warme Luft ständig meine kalten Beine umweht. Allerdings: Das kostet Strom, haut die Reichweite sicher wieder runter. Nach einiger Zeit habe ich raus, wie man mit dem Auto bremsen kann, ohne die Bremse auch nur an zu tippen. Ein paar Mal schaffe ich es sogar, den Mini an roten Ampeln hinter dem Vordermann zum Stehen zu bringen, ohne das Bremspedal berührt zu haben. Kaum zu glauben. Klappt aber. Dem Elektromotor sei Dank.

Auf der ersten Etappe zeigt mir das Batteriedisplay nach 27 Kilometern, dass noch 81 Prozent der Stromleistung vorhanden ist. Das entspricht einer Reichweite von noch 150 Kilometern. Bei warmem Wetter. Jetzt, im Winter, sind es bloß noch 100 Kilometern.

Mini E, Stromauto, Batterie, reichweite

Wer elektrisch fährt, denkt immer an Batterie und Ladekabel© Marek Vogel

Wenig Raum, viel Transportgewicht

Auf den ersten Blick könnte man sagen: Das ist nicht wirklich viel. Jedoch fährt der durchschnittliche deutsche Autofahrer am Tag nicht mehr als etwa 60 Kilometer. Eigentlich müsste die Stromkapazität also dicke reichen. Doch wenn Licht, heizbare Heckscheibe, Heizung, Gebläse, Klimaanlage und auch die Musikanlage eingeschaltet sind, dann geht die Leistung rasch in die Knie. Andererseits hat die riesige Anzeige über die Batteriekapazität auch einen disziplinierenden Effekt. Der Zeiger scheint sich so schnell zu bewegen, dass mein höchstes Ziel nicht Fahrfreude, sondern Sparfreude ist - was allerdings längst nicht immer gelingt.

Anders verhält es sich mit der kleinen Power-Anzeige, die mir sagt, ob ich sparsam oder stromfressend fahre. Sie ist nicht nur viel zu klein, um sie ernst zu nehmen, sie ist auch zu weit aus dem Blickfeld, als dass sie einen Disziplinierungseffekt haben könnte. Außerdem ist die einfarbige Anzeige nicht schlüssig: Grün für sparsam und rot für verschwenderisch wäre besser.

Das Fahren mit dem E-Mini hat etwas davon, alkoholfreies Bier zu trinken: Man fährt zwar, aber irgendwie traut man sich doch nicht richtig. Leicht paranoid schaut man ständig auf den Ladezustand der Batterie. Obendrein ist vom Go-Kart-Feeling der Benzinversion in dem Elektro-Mini kaum etwas zu spüren. Spritziges Kurvenfahren? Kann man vergessen. Das verhindert der massige Batterieblock, der dort platziert wurde, wo normalerweise die Rücksitze sind. Mit zwei Leuten besetzt, kommen schnell 1,5 Tonnen zusammen, die bewegt werden wollen.

Als der Bordcomputer am zweiten Tag nach dem nächtlichen Aufladen und einer längeren gemischten Fahrt durch die Stadt, über Landstraßen und Autobahnen einen Ladezustand von 30 Prozent signalisiert, ertönt ein Warnsignal. Verbleibende Reichweite: 43 Kilometer. Viele Schlenker durch die Landschaft sind jetzt nicht mehr drin.

Der Charakter des Wagens treibt mir die Lust am Tempo, die Freude am Fahren aus. Nach der Erfahrung würde ich nie auf die Idee kommen, damit ins Blaue zu fahren. Stattdessen würde ich immer vor Fahrtbeginn überschlagen, wie ich von A nach B und wieder zurück nach A käme, ohne dass mir der Saft ausgeht. Denn einfach Auftanken in wenigen Minuten wie bei einem Benzin- oder Dieselmotor geht ja nicht.

Fazit: Das Auto ist mir nach zwei Tagen Testfahrt nicht ans Herz gewachsen. Stets fährt die Sorge mit, dass gleich die Batterie schlapp macht. Es hat die Karosserie eines Viersitzers, so wenig Sitzplätze wie ein Smart, kaum mehr Stauraum. Das kann nicht das Auto der Zukunft sein.

Dirk Liedtke
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
Skarrin (28.05.2010, 14:19 Uhr)
@Stirb_Susi
Dass für E-Autos keine neuen AKWs benötigt, könnten Sie sogar selbst nachrechnen wenn Sie das denn könnten.
1 Mio. E-Autos, die 15kWh/100km verbrauchen und je 15tkm im Jahr fahren, benötigen gerade mal 0,4% der deutschen Bruttostromerzeugung, und der Anteil regenerativer Energien am Strommix wächst derzeit noch deutlich schneller als die Zahl der E-Autos auf unseren Straßen.
Skarrin (28.05.2010, 14:15 Uhr)
@rdiess
Der Leaf wird in Deutschland wohl erstmal über 30kEUR kosten, wenn er 2011 auf den Markt kommt. Aber selbst dafür werden ihn erstmal genügend Leute kaufen, und wenn es erstmal Konkurrenzprodukte aus Frankreich, USA, Italien, Norwegen etc. gibt, dann fallen die Preise schnell. Ich behaupte mal, den Leaf gibt es ohne Subventionen für unter 20kEUR spätestens 2014, und kleinere E-Autos sind bis dahin noch preiswerter.
schade77 (28.05.2010, 10:23 Uhr)
Aber eins muss man dem Schreiber doch zugute halten...
er schreibt wenigstens mal über ein Auto, das zumindest beschaffungstechnisch noch im normalen Geldrahmen ist. Ansonsten werden hier bei Stern ja nur die Audi A8, 7er BMW und Panamera von Porsche besprochen und beurteilt. Autos, die sich geschätzte 0,001% aller Stern-Leser überhaupt leisten können oder wollen.
j_w_s (28.05.2010, 09:02 Uhr)
Viel Spaß
BMW entwickelt selbstverliebt an Kurbelwellen und Ventilsteuerungen. Zu Elektroautos haben sie keine Lust.
Das Fahren mit Elektroautos macht keinen Spaß. Da machen wir doch lieber mit Fahrspaß ein wenig die Umwelt kaputt.
Jever-Huelse (27.05.2010, 17:54 Uhr)
@Stirb_langsam_Susi
Ich sage NEIN zu E-Autos und trotzdem JA zu Atomkraftwerken! Und Nu?

Und auch ich weiß langsam nicht mehr, wo ich tanken soll: Nicht bei ARAL, bei BP sowieso nicht und schon lange nicht bei Shell (Brent Spar). Bei den Freien geht auch nicht (Billiglohn) und alle anderen haben bestimmt auch Dreck am Stecken. ;o)

Shit, jetzt brauch ich doch n' Fahrrad!
rdiess (27.05.2010, 15:29 Uhr)
@delsa
"Dynamik" - Verwechseln Sie die Straße mit dem Sportplatz?
Ansonsten: Das Auto sieht nach erfüllter lästiger Pflichtübung von BMW aus. NISSAN bringt den LEAF mit nahezu identischen Fahrleistungen, einer intelligent gewählten Batterieposition (damit mit mindestens 4 Sitzplätzen) voraussichtlich noch 2010 für unter 20.000 EUR auf den Markt. Bei BMW und anderen deutschen Herstellern scheint die technische Intelligenz abhanden gekommen zu sein. Es gehört nichts dazu, für viel mehr Geld Autos zu bauen, die nur ein kleines Bisschen besser sind.
delsa (27.05.2010, 15:02 Uhr)
Zielgruppe
Zielgruppe sind grüne Propheten
u. Lustkiller à la Klau-di-au Rotz,
u. andere, die von Dynamik, Autofahren, Gewichte,... keine
Ahnung haben !
-Dagegen- (27.05.2010, 14:43 Uhr)
E-Mobil Hype
Endlich einmal jemand der diesen ganzen Schwachsinn auf den Punkt bringt. Der Umwelt ist es völlig egal, wo die Schadstoffe produziert werden. Solange der Strom für diese uneffzienten Träumereien nicht aus alternativen Energiequellen kommen ist dieses Konzept nicht zukunftsfähig.
Stirb_Susi (27.05.2010, 14:27 Uhr)
Wer ja zum E Auto sagt
der sagt auch ja zu Atomkraftwerken.

Zum einen sind die Dinger viel zu teuer - zum anderen sind die die Steilvorlage für Atomkraftwerke oder warum sind plötzlich die CDU so dafür?

Ich tanke nicht bei ARAL, denn ARAL ist BP!

GGGGGG (27.05.2010, 13:36 Uhr)
Kommentar gelöscht
Die mangelnde Qualtität ihrer Publikationen wird nicht dadurch besser, dass Sie meinen kritischen Kommentar löschen.
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