Das Elektroauto wird sich als kolossaler Flop erweisen. Das sagt Greenpeace-Verkehrsexperte Wolfgang Lohbeck. Mit ihm wollen Atom- und Stromindustrie nur ihre Monopolmacht auf den Verkehr ausdehnen. Mit einem Nulltarif für Bus und Bahn sei der Umwelt mehr geholfen.

Anstelle des Elektroautos müssten Bus und Fahrrad gefördert werden, sagt Greenpeace© Akira Suemori/AP
Herr Lohbeck, Sie sind Verkehrsexperte von Greenpeace und glauben nicht an das allgemeine Heil durch das Elektroauto. Wieso sind Sie so skeptisch?
Im Moment herrscht die Illusion vor, man baut einen Elektroantrieb ein und das war es dann. Sonst kann alles weiter gehen wie zuvor. Dabei ist die Vorstellung eines herkömmlichen „All-purpose-Autos“ mit Elektroantrieb absurd. Die Zukunft wird Veränderungen mit sich bringen, die wir uns gegenwärtig nicht vorstellen können. Heute ist das Auto Basis der Mobilität. Es ist das "private Wohnzimmer", es fährt klaglos zwei oder auch 2000 Kilometer. Es fährt mit nur einer Person oder der ganzen Familie. Diese Art von Fahrerlebnis kann ein Elektroauto nicht leisten, ganz abgesehen davon, dass es auch mehr CO2 produziert als ein herkömmliches Auto auf der Höhe der Technik. Deshalb wird das Auto auch mit Stromantrieb nicht das Fahrzeug der Zukunft sein.
Sie glauben also nicht, dass in Zukunft individuelle Mobilität durch ein eigenes Verkehrsmittel gesichert wird?
Nein, das private Auto wird eher die Ausnahme sein und ganz speziell Elektroautos werden sich als Flopp erweisen. In 50 Jahren wird es wahrscheinlich noch ein paar Autos geben, aber nur kleine Fahrzeuge. Vor allem aber wird das Auto nicht mehr Statussymbol der Gesellschaft sein. Das entscheidende Stichwort der Zukunft heißt Diversifizierung. Anders ist es gar nicht möglich. Es wird ein großes Mobilitätsangebot entstehen, dass einen nicht aus purer Not dazu zwingt, das Auto zu benutzen.
Wie soll Mobilität dann gewährleistet werden? Bleiben wir alle in unserem Dorf sitzen?
Mobilität wird zu einem größeren Teil als heute öffentlich werden, aber es wird verschiedene Mischformen geben. Ich stelle mir blühende Landschaften im Mobilitätsbereich vor. Jedes Individuum hat unterschiedliche Bedürfnisse, deshalb muss es ein breites Spektrum an Angeboten geben. Parallel dazu muss aber das heute dominierende System zurückgedrängt werden. Das ist aber bereits in vollem Gange. Das eigene, schwere und meist übermotorisierte Auto ist bereits auf dem Rückzug, sowohl aus wirtschaftlichen wie auch aus umweltpolitischen Gründen.
Die angedachte Förderung von Elektroautos wird Sie also nicht begeistern?
Richtig. Wir wollen keine Ladestationen für Autos, keine Subventionen für Autokäufe und erst recht nicht, dass die Stromversorger langfristig bestimmen, was Mobilität ist. Denn vor allem darum geht es ihnen beim Aufbau dieser neuen Infrastruktur: Sie wollen ein System zementieren, von dem es kein Zurück mehr gibt, und das ihnen die Mobilität weitgehend ausliefert. Wir wollen eine Diversifizierung. Das ist unsere Vision.
Also kein eigenes Auto mehr. Was halten Sie dann von genossenschaftlichen Modellen, wie Carsharing? Oder wie man es im Kapitalismus nennt: Mietwagen?
Gemeinschaftliche Autos werden eine tragende Rolle spielen. Immer weniger Leute werden sich Autos leisten können. Solange das Auto nicht dringend benötigt wird, wird vielen der Zugriff auf ein eigenes Auto nicht mehr möglich sein. Außerdem kann der Besitz eines privaten PKW auch belastend sein. Ein Auto nicht zu besitzen, aber es dann zu nutzen, wenn man es benötigt – das ist der entscheidende Aspekt.
Mietwagen gibt es schon eine Ewigkeit, Carsharing auch nicht erst seit gestern. Dennoch haben beide Modelle den Privatwagen nicht verdrängt.
Richtig, denn dafür müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. Es müssen den Nutzern öffentliche Parkplätze bevorzugt zur Verfügung gestellt werden, damit das Stationennetz dichter wird. Carsharing ist aber nur ein Element unter vielen, die sich dann entwickeln können, wenn die Dominanz des privaten PKW gebrochen ist. Aber die Nachfrage ist da und wird weiter steigen.