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VW will die App-Steuerung des ganzen Lebens ins Auto holen

Smartphone und Auto sollen zu integralen Bestandteilen einer neuen Mobilität werden, die nicht länger entweder  analog oder virtuell funktioniert. 

In Las Vegas, der Stadt der Illusionen mitten in der Wüste von Nevada, findet alljährlich Anfang Januar die Consumer Electronic Show (CES) statt. In 2017 liefert sie dafür die anschaulichsten Beweise. Auf ihr werden Mobilitätskonzepte vorgestellt, die einst automobile Primärfunktionen in den Hintergrund drängen. Wie stark ein Auto motorisiert ist, ob seine Antriebseinheit mit einem Sechs-, Acht- oder Neunganggetriebe gekoppelt ist... Auf der CES spricht davon niemand. Es geht darum, die uns liebgewordene Konnektivität in allen Betriebszuständen unseres Lebens nicht nur verfügbar, sondern leicht händelbar zu gestalten. Ob wir Hause sind, am Arbeitsplatz, im Urlaub oder Auto.

Konnektivität auch am Steuer

Bisher schon können wir über Apps das Raumklima zu Hause von Ferne regulieren, die Waschmaschine starten, das Katzenfutter portionieren und Wegstrecken auswählen, die wir am nächsten Tag in unserem Auto zurücklegen möchten. Doch wenn wir ins Auto einsteigen, müssen wir unser Smartphone zunächst mit dem Auto koppeln, vorgewählte Funktionen übertragen, was in unterschiedlichen Fahrzeugen mehr oder weniger umständlich ist. Jetzt geht es darum, unsere Smartphone-Welt automatisch zu koppeln, sie mit der analogen Mobilität zu verschmelzen, sie dort möglichst intuitiv anwendbar zu gestalten. Dazu arbeiten Provider der digitalen Welt zunehmend mit Autoherstellern zusammen – und umgekehrt. Wobei alle OEMs die gleichen Ziele verfolgen, ungeachtet verschiedener Kooperationen. Volkswagen definiert für diese umfassende Vernetzung ein sogenanntes Ecosystem.

Settings werden mitgenommen

So werden wir schon in etwa zwei Jahren einen Volkswagen mit dem Smartphone nicht nur

öffnen (wie es heute schon möglich ist), sondern uns auch automatisch mit dem Auto vernetzen. Eine User-ID fungiert als Schnittstelle, um persönliche digitale Einstellungen und Dienste zu konfigurieren und diese überallhin mitnehmen – egal in welchen Volkswagen, egal von welchem Anbieter sie stammen. Persönliche Konfigurationen, wie die Lieblingsmusik aus der Heimanlage, die Bildschirmkonfiguration oder die Sitzeinstellung des Fahrzeugs sowie der Terminplan werden automatisch übernommen. Alle Einstellungen können online hinterlegt und damit fahrzeugunabhängig überallhin mitgenommen werden. Die traditionelle Bindung des Fahrers zu einem einzigen Fahrzeug wird damit aufgelöst und schafft Freiraum für eine Car-Sharing Anbindung, ohne dass die Individualität verloren geht.

Interagiert man schließlich mit dem Fahrzeug und medialen Diensten, geschieht das sprachgesteuert. Die Integration des Sprachassistenten Amazon Alexa mit den Volkswagen Car-Net Services macht es möglich. Über die Freisprechanlage angesprochen kommuniziert Alexa mit einer Art Alexa Echo-System zu Hause, um dort hinterlegte Funktionen und Inhalte ins Auto zu holen. Neben der Steuerung von Heizung und Lampen kann beispielsweise auf ein zu Hause angefangenes Hörbuch zugegriffen werden, das Alexa dann im Fahrzeug weiter vorträgt.

Anpassungen durch Eyetracking

Auf der CES 2017 gibt Volkswagen mit der weiterentwickelten Konzeptstudie I.D. einen Einblick auf diese neue Welt der vollumfänglichen Vernetzung und deren intuitiver Bedienung. Der Besucher erlebt, wie er durch Blickkontakt zu Benutzeroberflächen diese Priorisieren kann. "Eyetracking" nennt Volkswagen das Infrarot basierte System, mit dem die Blickrichtung der Augen detektiert wird.

Schauen die Augen auf eine Themengruppe im Display, wird diese räumliche hervorgehoben. Möglich machen das zwei übereinander liegende Bildschirme. Der anvisierte Bereich wandert dafür von der tiefer liegenden auf den, dem Betrachter näher liegenden.

Auch das Head-up Display der Zukunft verbessert die intuitive Wahrnehmung durch räumliche Tiefenwirkung. Strecken relevante Informationen wie Richtungspfeile scheinen vor dem Volkswagen auf der Strasse zu liegen, während etwa Daten zum Radiosender näher zur Windschutzscheibe eingespiegelt werden.

 

Der Bildschirm des Infotainmentsystems im Golf kann heute schon individuell konfiguriert werden. Künftig jedoch bleibt die Gestaltung der Funktionskacheln wie Telefon, Bilder, Medien usw. nicht mehr fahrzeuggebunden. Über die User-ID wird sie personenbezogen und in jedes (angemeldete) Fahrzeug automatisch übernommen. Auch muss die Ausstattung eines Fahrzeugs beim Kauf nicht länger bindend sein. Eine nachträgliche Aufwertung mit Diensten, analog zum Runterladen von Apps aufs Smartphone, ist möglich. Diese Dienste können gekauft oder beispielsweise für Urlaubsfahrten (etwa Videostreaming) auch nur temporär geleast werden. 

"Doorbird", ein Dienst zur Kameraüberwachung der heimischen Eingangstür, ist in Nordamerika bereits am Markt. Im Fahrzeug integriert, öffnet er künftig ein Fenster im Infotainment-Display, wenn jemand an der Haustür klingelt. Man sieht unterwegs, wer zu Besuch kommen möchte und kann den Gast auf später vertrösten.

Bezahlbare Elektromobilität

Besonders überzeugend wirkt die neue, erstmals selbstlernende und sprachgesteuerte Navigation. Nicht nur, dass sie Favoriten einer extern vorgeplanten  Route übernehmen kann. Etwa durch Verbindung über die User-ID zum eigenen Facebook-Account. Sondern insbesondere, weil sie Vorlieben des Fahrers für bestimmte Strecken erlernt und für die individuelle Routenplanung später nutzt. 

So demonstriert Volkswagen mit der selbstverständlich elektrisch angetriebenen Studie I.D. der zweiten Generation eine umfassend vernetzte automobile Welt, in der die Grenzen zwischen analoger und digitaler Mobilität zunehmend verschwinden. Besonders benutzerfreundlich dabei: Das 2020 in Serie gehende Fahrzeug soll nicht mehr kosten als ein gut ausgestatteter VW Golf mit Dieselantrieb der aktuellen Generation.

Jürgen Zöllter/MID
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