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4. Dezember 2008, 16:58 Uhr

Lenken bis zum letzten Atemzug

In der Werbung kommen Autos immer noch gern sportiv, jugendlich und sexy daher. Im Hinterkopf haben die Marktstrategen aber längst eine ganz andere Zielgruppe: Kunden von 60 an aufwärts. Von Walter Hasselbring

Die Amerikaner Donald Jones (l) und Carl Schneider (r) beim Start zur New York-Peking-Paris-Autorallye© Picture-Alliance

Wer vom "Safer Sex" zum "Silver Sex" übergegangen ist, erwartet auch beim Auto kleinere Hilfen. Die Zubehörlisten in den Autokatalogen sind daher voller - meist aufpreispflichtiger - Hilfsmittel, die zunächst chic und hip wirken. Erst beim zweiten Blick fällt auf, dass sie vor allem für ältere Automobilisten entwickelt wurden: Einparkhilfen, weil das Kopfdrehen schwer fällt, oder Spurhalter, weil die Konzentrationsfähigkeit abnimmt.

Und die Statistik spricht dafür, dass die Strategie der Marketingabteilungen richtig liegt. In den meisten Industrieländern wird ab 2030 jeder vierte Einwohner älter als 65 Jahre alt sein. Bis 2050 wird der Anteil der über 80jährigen an der Bevölkerung von heute vier auf gut 12 Prozent ansteigen. In Deutschland soll der Anteil der 80jährigen dann sogar bei 18 Prozent liegen. Dass breite Altersspektrum zeigt, dass "Alt nicht gleich Alt" ist. Es handelt sich um eine sehr heterogene Gruppe, denn was der 60jährige noch mühelos und gut kann, ist für den 80jährigen ein großes Problem. Sicher ist nur, dass diese Gruppe wächst und auch, dass sie über immer mehr Kaufkraft verfügt.

Nicht vom Steuer weichen

Sicher ist ebenso, dass die Alten fahren wollen, fahren werden und auch fahren sollen! Momentan werden nämlich die ersten Generationen alt, die mit 18 ihren Führerschein gemacht haben und die ihr Leben lang Auto gefahren sind. Für sie ist das Automobil noch so bedeutsam, wie am ersten Tag nach der Fahrprüfung- vor allem gilt das für das eigene Fahrzeug. Bei früheren Rentnergenerationen war das eigene Auto noch nicht selbstverständlich. "Bei den älteren Männern ist diese Entwicklung schon sehr weit fortgeschritten", sagt Professor Bernhard Schlag von der Technischen Universität in Dresden," unter den älteren Frauen wird die PKW-Verfügbarkeit in den nächsten Jahrzehnten noch deutlich steigen, denn sie haben mit dem Fahren erst viel später angefangen als die Männer!"

Spezielles Zubehör

Die Industrie hört auf die Signale. Ältere Menschen haben spezielle Anforderungen an ein Auto. Wie die Bedürfnisse dieser stetig wachsenden Kundengruppe aussehen, untersucht unter anderem der Hersteller Ford. Von den neuen Erkenntnissen in dessen Aachener Forschungszentrum könnten in Zukunft aber auch junge Fahrer profitieren. Denn wenn Senioren mit einem Fahrzeug problemlos klar kommen, gelingt es Jüngeren umso besser.

Die Ergebnisse der seit Jahren laufenden Untersuchungen werden teilweise schon in aktuellen Modellen der Marke eingesetzt. Für den Van Ford S-Max etwa ist das Bediensystem "Convers+" gegen 450 Euro Aufpreis erhältlich, das sich gleich auf mehreren Wegen steuern lässt. Es erkennt Sprachbefehle, kann aber auch über das Multifunktionslenkrad, klassische Drehknöpfe an der Mittelkonsole oder mit Hilfe eines berührungsempfindlichen Bildschirms bedient werden. So soll jeder Fahrer die Steuerungslogik wählen können, mit der er am besten zurecht kommt. Zudem wurden Schriftgröße, Farben und Kontraste der Bildschirmdarstellung in Hinblick auf gute Erkennbarkeit optimiert.

Bei dieser Dame fragt man sich, wer hält hier wen fest?© Picture-Alliance

Bitte nicht so anstrengend

Bei der Ergonomie wurden Erfahrungen gesammelt. So darf der Kniewinkel eines Passagiers beim Aussteigen nicht unter 90 Grad fallen, da sonst der nötige Kraftaufwand für das Hochwuchten des Körpers enorm zunimmt. Eine wichtige Rolle spielen zudem die Bedienkräfte; so lässt sich eine von einem jungen Fahrer stark angezogene Handbremse von Älteren unter Umständen nicht mehr lösen. Abhilfe schaffen kann hier die bei vielen Herstellern angebotene elektrische Parkbremse, die sich auf Knopfdruck löst.

Rentner-Baureihen

Eigentlich müsste für die meisten Senioren ein Kleinwagen ausreichen (keine Kinder, wenig Jahresleistung), aber bei den wohlhabenden Senioren stehen bei der Kaufentscheidung Bequemlichkeit und Sicherheit vorne an. Seit langem ist bekannt, dass sich der Siegeszug von Bauformen wie Mini-Van und SUV nicht zuletzt der bequemen Sitzposition für Senioren verdankt. Anstatt sich mühsam aus dem Sportsitz zu hieven, kann man sich elegant vom Sessel gleiten lassen.

Nur noch Rentner am Steuer. Was für viele Jüngere möglicherweise eine Horrorvorstellung ist, könnte gesamtgesellschaftlich zum Segen werden. Denn, dass Pensionäre ihre während des Arbeitslebens aufgeschobenen Träume vom Reisen und Entdecken ausleben, "hat durchweg positive Auswirkungen auf den Verlauf des Alterungsprozesses. Und dass Aktivitäten die Zufriedenheit fördern, steht außer Frage", ist sich der Verkehrspsychologe Professor Schlag sicher.

Das Verkehrschaos verursachen die Jungen

Obwohl beispielsweise in München jedes zweite Unfallopfer über 65 ist und die meisten selber den Unfall verursacht haben, sind die älteren Herrschaften in der deutschen Verkehrsunfall- Gesamtbilanz beileibe nicht die auffälligste Gruppe. Das ist nach wie vor die der 18 bis 20 jährigen bei der pro 100.000 Einwohner 18,4 Personen tödlich verunglücken. Bei den Senioren sind es 7,3. Doch schon seit Jahren verläuft die Entwicklung für die Senioren ungünstiger als für andere Altersgruppen. "Viele Mankos im sensorischen oder kognitiven Bereich gleichen Ältere durch ihre Erfahrung oder durch vorsichtigeres Fahren aus", meint Professor Schlag und fügt hinzu:" Im Alter hilft auch das so genanntes "experience paradox". Mehr Übung führt bezogen auf die Fahrleistung zu einem geringeren Risiko!"

Verkehrswissenschaftler fordern unter anderem eine Anpassung der Verkehrswege, der Verkehrsregelungen und der Geschwindigkeiten an die Belange der Senioren. Über kurz oder lang wird man aber auch - nach Meinung der Experten - an regelmäßigen Eignungsprüfungen denken müssen. Die kommen dann aber im Rahmen der Gleichbehandlung auf alle Autofahrer zu nicht nur auf die Senioren.

Von Walter Hasselbring
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
Sanjoaquin (08.12.2008, 19:21 Uhr)
Die Automobilindustrie wird's nicht gerne hören
Mit 60 geb ich meinen Führerschein ab. Bei Kosten von 50 cent pro Kilometer und jährlicher Kilometerleistung von 10 000 Kilometern kann ich bequem Taxi fahren, wenn ich das Geld für ein neues Auto auf ein Sparbuch lege.
susiwolf (08.12.2008, 12:48 Uhr)
Hilfsmittel und peanuts...
Zu den vielen Haltern, Stützen, Unterstützungen und sonstigen Rafinessen sind allerdings noch einige nicht aufgeführt worden, die noch nützlich wären:
1. das Schnellöffnungsfach für die Viagra-
Pillen, 'freie Radikale'-Bekämpfer, Blut-
drucksenker etc.
2. Das 'cash-Fach' für den jugendlichen (Bei-)
Fahrer, der vielleicht manchmal einspringen
sollte.
3. Die angeschweißten Ösen (außen) zum Ein-
haken für Expandergeräte etc. um dem
Körperformungsansinnen zu entsprechen
und...last not least...
4. Ein lautgebendes Signal, das den betagten
Fahrer daran erinnern muß: 'Erst die Tür
aufschließen und dann einsteigen -
nicht umgekehrt.
Ansonsten befindet sich die automobile Industrie auf dem richtigen Weg, Rentnern-
Innen das FahrerInnen-Leben zu versüßen.
Fehlen nur noch die Euro-500-Schecks, damit die Extras auch bezahlbar sind. Mehr nicht;
denn die Rente soll ja bekanntlich in 2009 in schwindelnde Höhen gehen.
und...20 Millionen Rentner multipliziert mit 500 Euros sind ? ...na ? ....peanuts !
1017A (08.12.2008, 12:05 Uhr)
Tests unabdingbar
Ich habe im Alter von 62 Jahren den Füherschein der Klasse C gemacht. Seitdem bin ich davon überzeugt, dass rgelmäßige Nachprüfungen unbedingt erforderlich sind, in die auch die körperliche Leistungsfähigkeit (Sehvermögen und Reaktion) mit einbezogen werden. Und dies nicht nur bei den Alten!
Dies würde m.E. die Disziplin im Stassenverkehr deutlich steigern und vielen in Erinnerung rufen, dass z.B.auf Autobahnen das Rechtsfahrgebot gilt!
Wenn ich dann mal bei den regelmäßigen Nachprüfungen (bei Klasse C vorgeschrieben) dann durchfalle, gebe ich freiwillig alle Scheine ab.
CheSmittyVara (08.12.2008, 11:42 Uhr)
Tests unabdingbar
Andere Länder machen es schon lange, bei uns muss es zwingend kommen, dass ab einem bestimmten Alter, oder sogar generell mit unterschiedlichen Intervallen, die Fahreignung überprüft wird. Da nehme ich mich mit 45 Jahren an der eigenen Nase und muss feststellen, dass ich nicht mehr so gut reagiere, wie noch vor 10 Jahren. Auch wenn die Erfahrung einiges ausgleicht.
Keine Prüfung, nur der Nachweis, dass das Hör- und Sehvermögen noch ausreichend vorhanden ist. Das ist keine Gängelung der Rentnergeneration sondern aufgrund der ständig steigenden Anforderungen im Straßenverkehr notwendig.
Es häufen sich bei uns laut Zeitungsmeldungen die Meldungen von Unfällen, die von Personen über 70 Jahren verursacht werden und eindeutige Hinweise auf altersbedingte Einschränkungen zeigen.
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