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30. April 2010, 18:24 Uhr

Die verspielte Chance

"Computerspiele sind Kulturgut", sagt die Bundesregierung und stiftet einen Preis für die besten Games. Doch gewinnen darf nur, wer virtuelle Waffen im Schrank lässt. stern.de-Redakteur Gerd Blank nennt den "Deutschen Computerspielpreis" Etikettenschwindel.

Games, Computerspiele, Computerspielpreis, Videospiele, Playstation, Xbox, Nintendo, Wii

"Anno 1404" bekam beim Deutschen Computerspielpreis zwei Auszeichnungen© Ubisoft

Sicher, "Anno 1404" ist ein tolles Spiel. Der vierte Teil der erfolgreichen Reihe überzeugt durch grafische Detailtreue und große Spieltiefe. Dass die Aufbausimulation von Ubisoft bei der Verleihung des Deutschen Computerspielpreises 2010 ausgezeichnet wurde, ist von daher auf dem ersten Blick nicht verwunderlich. Dennoch bekommt die Auszeichnung einen schalen Beigeschmack, wenn man ein wenig genauer hinsieht.

Der Deutsche Computerspielpreis wird von der Bundesregierung und Branchenverbänden gestiftet und wurde in diesem Jahr zum zweiten Mal verliehen. Und wie auch beim ersten Mal wird die Auswahl der Preisträger von vielen Seiten kritisiert. Vor einem Jahr gewann nicht das hoch gelobte "GTA 4" in der Kategorie "Bestes Internationales Spiel", sondern "Wii Fit" und "Little Big Planet". Beides keine schlechten Computerspiele, allerdings im Gegensatz zu "GTA" familientauglich.

Spiele für Erwachsene haben beim Deutschen Computerspielpreis keine Lobby, im Gegenteil: Staatsminister Bernd Neumann stellte in seiner diesjährigen Eröffnungsrede klar, dass es nicht um Kassenerfolge gehe, sondern "darum, dass wir pädagogisch wertvolle, kulturell wertvolle Spiele auszeichnen." Gewalt hat nach Meinung der Preisstifter in Spielen nichts zu suchen. Das erklärt, warum ein Spiel wie "Uncharted 2", von vielen Fachmagazinen als eines der besten Spiele des Jahres bezeichnet, nicht nominiert wurde. In dem exklusiven Titel für die Playstation 3 finden ein paar Schießereien statt, schließlich handelt es sich um eine Abenteuergeschichte, eine Art "Indiana Jones" als Computerspiel. Doch welches international erfolgreiche Spiel kommt ohne Gewalt aus? Welches Game wäre preiswürdig? Die Organisatoren griffen zu einem Trick, vor dem man einfach nur den Hut ziehen kann. Es wurde einfach "Dawn of Discovery", die internationale Version von "Anno 1404", zum "Besten Spiel International" gekürt. So gewann das "Beste Deutsche Spiel" auch den internationalen Titel, und die Ausrichter waren fein raus. Nur: Gemäß der Teilnahmebedingungen hätte "Anno 1404" den internationalen Titel gar nicht gewinnen dürfen, denn es wurde in Deutschland und nicht im Ausland hergestellt.

Spiele sind Kulturgut

Vor ein paar Jahren rühmte sich der Deutsche Kulturrat damit, Computerspiele genauso wie Filme und Bücher als Kulturgut anerkannt zu haben. Es sollte honoriert werden, dass die Entwickler und Autoren von Games künstlerisch wertvolle Inhalte schaffen. Die Verleihung des Deutschen Computerspielpreises sollte diese Sichtweise untermauern, ähnlich wie die Verleihung des Deutschen Filmpreises. Doch trotz der gemeinsamen kulturellen Klammer werde Filme und Spiele unterschiedlich bewertet. Mehr noch: Während in Filmen getötet und geflucht werden darf, muss der Computerbildschirm sauber bleiben. Spiele sind nur dann preiswürdig, wenn man dort etwas lernt oder aufbaut. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, da hat Gewalt keinen Platz. So wird im kommenden Jahr wahrscheinlich das hervorragende "Heavy Rain" leer ausgehen müssen, schließlich ist auch dort der Griff zur Waffe fest eingeplant.

Bei der Veranstaltung handelt es sich um Etikettenschwindel. Es wird deutlich, dass Anspruch und Wirklichkeit beim Deutschen Computerspielpreis weit auseinander klaffen und die Politik Spieler nicht ernst nimmt. Wenn man den Anspruch hat, die besten Spiele eines Jahres auszuzeichnen, darf es bei der Auswahl der Spiele keine Schranke geben. Das ist so, als wenn "Die Wilden Kerle" den Filmpreis und Harry Potter" den Literaturpreis bekäme. Es wird die Chance verspielt, Games wirklich wie ein Kulturgut zu behandeln und sich dennoch kritisch mit den Inhalten auseinanderzusetzen.

Viel ehrlicher wäre es, den Preis in "Computerspielpreis für pädagogisch wertvolle Spiele" umzubenennen. Doch das klingt nicht international, sondern deutsch. Von so einem Preis geht keine Strahlwirkung aus.

Die Preisträger 2010

Bestes Kinderspiel
"Lernerfolg Vorschule - Capt'n Sharky"

Bestes Jugendspiel
"The Whispered World"

Bestes Mobiles Spiel
"Giana Sisters"

Bestes Serious Game
"Experimente"

Bestes Browser Game
"Wewaii"

Bestes Konzept aus Schülerwettbewerb
"Goosegogs"

Bestes Konzept aus Studentenwettbewerb
"Night Of Joeanne"

Bestes Deutsches Spiel
"Anno 1404"

Bestes Internationales Spiel
"Dawn Of Discovery"

Gerd Blank
 
 
KOMMENTARE (10 von 20)
 
Jurymitglied (03.05.2010, 14:30 Uhr)
Ergänzung
Der Hinweis, Uncharted 2 sei nicht nominiert gewesen, ist falsch: Tatsächlich hatte die Fachjury das Spiel als Favorit gesetzt (auf den Plätzen 2 und 3 waren Dragonage und Prof. Layton nominiert); gewonnen hat dann eben (überraschenderweise ;-)) das Spiel, das durch die Hauptjury nachnominiert worden war.
nerventanz (02.05.2010, 16:15 Uhr)
Aus aktuellem Anlass
Das FBI sollte, wenn sie den Bomber von NY finden, mal seinen Rechner durchsuchen. Die finden da bestimmt Minesweeper drauf. Das Spiel ist bestimmt für den Anschlagsversuch verantwortlich!!1!
Joker_usw. (02.05.2010, 15:12 Uhr)
Kann man solche Menschen ernst nehmen?
Ich spiele für mein Leben gerne Computerspiele. Unterschiedliche Genres, Dragonage Origins im Moment, für die, die es kennen, aber auch Counter Strike u.ä. " Ballerspiele". Und ja, ich kenne auch die Welt ausserhalb der virtuellen.
Jetzt kommt jmd. aus der Politik (die kriechen grundsätzlich immer nach Amokläufen aus ihren Löchern um sich zu profilieren) oder vom "Deutschen Computerspielpreis". Dieser ist Ende 50, mit der Schreibmaschine und Lochkarten aufgewachsen, "befasst " sich ein wenig mit dem "Studium" der Computerspiele und beschließt aufgrund seiner erlangten " Kompetenz" auf diesem Gebiet bestimmte Spiele auszuzeichnen, oder zu verbieten. Sorry so jemanden kann ich nicht ernst nehmen. Leider hat der die Macht mit seinem Halbwissen Preise zu vergeben oder Spiele zu verbieten, die es nicht verdient haben. "VERBOT" Ich hasse dieses Wort das ist so typisch deutsch. Keine Ahnung, kein Interesse, aber die Nase für die Chancen sich zu profilieren und rum zu westerwellen.
Klendathu (02.05.2010, 14:51 Uhr)
Konflikt ist in jedem Spiel
Auch das so "gewaltfreie" Anno 1401 trägt reichlich Konflikte aus. An Stelle eines militärischen Konfliktes wird eben ein wirtschaftlicher ausgetragen. Dieser "saubere" Wirtschaftskrieg, hat nicht weniger Opfer.

Derweil behauptet man eine konstante Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt wurde zur Abstumpfung beitragen. Eine plumpe politische Behauptung die nur durch ihre konstante Wiederholung bei einem Volk aus Nachsagern etabliert wurde und nur dazu dient bestehende bequeme Sitze in den Parlamenten mit billigen Mitteln zu festigen.

Wer Veteranen der zweiten Weltkrieges nach ihrer Einstellung befragt wird feststellen, dass deren intensive Auseinandersetzung mit Gewalt eher zu deren Ablehnung beigetragen hat.

Es fließt also nicht zu viel Blut in Spielen, sondern immer noch zu wenig. Es schreckt nicht genug ab. Um die Erziehung seiner Kinder kommt man eben nicht herum. In der "guten alten Zeit" gab es nicht weniger gefährliche Medien.
traldors (02.05.2010, 13:41 Uhr)
Der Deutsche Kulturrat (...)
ist eine "Bande alter Säcke".
Spiele werden nicht nur von verpickelten und lebensunfähigen Teenagern gespielt sondern auch von denen, die 3k+ jeden Monat nach Hause bringen und sich einen Scheiss um den moralinsauren Haufen scheren.
Unsere Jugend ist gut genug in Afghanistan geopfert zu werden aber bitte schön real und nicht virtuell. Soviel Verlogenheit ist fast unglaublich...
mantrid (02.05.2010, 12:44 Uhr)
Die heile Welt gibt es nicht!
@horst.pachulke
Beim Bund habe ich durchaus auf Pappkameraden geschossen. Trotzdem habe ich noch nie auf einen Menschen geschossen, eingestochen oder war jemals in eine Schlägerei verwickelt.

Unser Staat, also letztlich wir alle, setzt täglich Gewalt oder die Androhung von Gewalt als legitimes Mittel ein. Selbst bei Arbeitskämpfen wird der Verweigerung von Entgelt oder Arbeit eine Form von Gewalt ausgeübt.

Wir bedienen uns der Justiz, um unsere Forderungen und Rechte mit Gewalt durchzusetzen, zB. bei Zwangsräumungen, Verweis aus der ehelichen Wohnung usw. In der Schule erleben Kinder, dass Lehrer eine Sanktionsgewalt haben, in Form von Strafen oder der Zensuren. Selbst Selbstverteidigung oder die Einschaltung von Instanzen, also quasi einer Vertretung, ist eine Form der Gewaltausübung. Kinder müssen lernen, Gewalt dosiert und angemessen einzusetzen.

Dass Computer-Spiele zu Gewalttaten veranlassen halte ich für ausgemachten Blödsinn, so lange die Spieler nicht in Parallelwelten durch exzessives Spielen abgleiten. Agressivität entsteht vielleicht, wenn man ständig an einer Hürde scheitert. Computer-Spiele können sogar Konzrentrationsfördernd sein. Durch Cowboy und Indianer spielen sind in der Vergangenheit auch keine mordlüsternden Generationen entstanden. Die Ursachen dafür dürften eher in mangelnder Sozialisation liegen.

Mikeorganizer (02.05.2010, 10:25 Uhr)
Also wenn man hier so einige Schreiberlinge...
liest, weiss man doch gleich, dass unser System es geschafft hat. Pervertierte Vorstellungen einer "guten Welt" in dem sich Menschen auf gewaltverherrlichende Filme, Spiel oder gar schon Comics stürzen, nur um sich und anderen eine heile Welt vorzugaukeln. Komischerweise sind es meist auch die Menschen die eure Kinder als Kanononenfutter in einen moralisch nicht vertretbaren Krieg schicken mit zweifelhaften Zielen. Dem nicht noch genug ist das Ergebnis ein Bombenterror im eigenen Land.......

Aber Hauptsache man wettert gegen etwas von dem man nichts versteht !

Menschlich gesehen kann man eigentlich moralisch und selbstbelügend nicht tiefer rutschen.

Wann verbieten wir Messer, Gabel, Strom, Autos, Kokosnüsse ? Alles Mordwaffen aber Hauptsache das schlafende Volk schickt seine Kinder zum verstümmeln lassen in den Krieg, um wirtschaftliche Ziele zu sichern.
Widerlich einfach widerlich !

nerventanz (02.05.2010, 00:53 Uhr)
Ich spiele schon seit ca 25 Jahren
und zwar Spiele, die als "gewaltverherrlichend", "menschenmissachtend" oder "kriegsverherrlichend" bezeichnet werden (mir ist das auch erst spät aufgefallen, dass viele meiner Lieblingsspiele auf dem Index stehen). Ich habe noch keinem Gewalt angetan, keinen gequält und bin auch nicht zur Bundeswehr gegangen, weil ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann. Studien oder Untersuchungen zeigen oft das wonach man sucht (oder plausiblerweise wofür man bezahlt wurde zu suchen). Es gibt Studien, die sich im Wortlaut widersprechen. Es hat außerdem noch keine Untersuchung glaubhaft belegen können, dass Spiele in denen Gewalt vorkommt, einen Einfluss haben auf den Umgang mit Gewalt im realen Leben.

Fragen dazu:
- Verursachen Rennspiele, dass man zum Raser wird?
- Wird man nach einem Raumschiffspiel, ein Kosmonaut? Nach einem Flugzeugsimulatorspiel ein Pilot?
- Wird man, wenn man Wirtschaftssimulationen spielt, ein BWLer?
- Wenn man Super Mario spielt, ein Klempner?
- Nach Guitar Hero ein Gitarrist?
- Nach Tetris, ein Lagerarbeiter?
- Nach Nintendogs ein Hundezüchter?

Was sich manche Leute hier einreden,... zum totlachen...
Leseratte79 (01.05.2010, 20:35 Uhr)
@ horst pachulke
Was Sie schreiben glauben Sie doch wohl selbst nicht.
horst.pachulke (01.05.2010, 17:07 Uhr)
Es gibt eindeutige Untersuchungen:
Wer Gewalt sieht oder gar "spielt", wird Gewalt eher anwenden.
Machen Sie sich mal über "Modelllernen" schlau. Dort gibt es erschreckende Befunde.
Die sog. "Ballerspiele" werden nicht umsonst bei der Armee zu Ausbildungszwecken eingesetzt. Ich finde das unverantwortlich: Auf Pappkameraden schießen ist in Deutschland aus gutem Grund verboten. Noch viel bessere Trainingsmethoden mit viel realistischerer Darstellung und Verhaltensweisen der Pixelkameraden ist vollkommen legal.

Erschreckend finde ich auch die Unreflektiertheit manches Nutzers. Man kann es durchaus merken, dass das Spielen von realistischen Mordspielen aggressiv macht. Mir ist das an mir aufgefallen.
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