Euphorie nach Vorschrift

10. Januar 2012, 10:44 Uhr

Zum letzten Mal hat Microsoft-Chef Steve Ballmer die Eröffnungsshow für die Technikmesse CES gestaltet - ohne etwas Neues zu zeigen. Die Hersteller von Fernsehern und Ultrabooks haben mehr zu bieten. Von Karsten Lemm, Las Vegas

CES, Consumer Electronics Show, Las Vegas, Gadgets,

Steve Ballmer - mit Moderator Ryan Seacrest (l.) - war auch bei seiner letzten CES-Keynote die Rampensau, als die man ihn kennt©

Wenn der Andere schon vorher sagt "Ich mag nicht mehr", was darf man dann noch erwarten? Manch einer hätte vielleicht seinen Abschied als Feuerwerk inszeniert, als große Party der Ideen. Microsoft-Chef Steve Ballmer indes beließ es bei Dienst nach Vorschrift, als er in Las Vegas auf die Bühne trat, um die Unterhaltungselektronik-Messe CES zu eröffnen. 14 Jahre lang war diese Aufgabe ihm und seinem Vorgänger Bill Gates zugefallen; nun aber verkündete Microsoft kurz vor Weihnachten plötzlich: Genug ist genug - das Timing der Messe Anfang Januar passe nie so recht in die Pläne des weltgrößten Softwarehauses.

Eine Mal noch hangelte Ballmer sich pflichtschuldig durch sein Programm, ließ sich vom "American Idol"-Moderator Ryan Seacrest Stichworte liefern, um die Microsoft-Produktpalette zu präsentieren. Ballmer pries Windows-Handys als Telefone, die "Menschen in den Mittelpunkt stellen", nicht einfach Apps; feierte die Xbox als Allein-Unterhalter in der guten Stube, die auf Zuruf Filme findet und Musik abspielt; und ließ ausgiebig die nächste Windows-Version vorführen, die versucht, mit Gesten, Grafiken und abgewandelten Bedienkonzepten eine Brücke zwischen PC und Tablet-Rechnern zu schlagen. Alles nett anzuschauen - doch alles längst bekannt.

Einmal durchlüften

"Wandel ist die einzige Konstante in diesem Geschäft", verkündete Gary Shapiro. Der Präsident des Verbands der Elektronikhersteller CEA, der die Messe ausrichtet, überreichte Ballmer mit diesen Worten und Handschlag ein Abschiedsgeschenk: einen Bilderrahmen mit Schnappschüssen aus den vergangenen Jahren - ganz analog, auf Papier gedruckt. Vermutlich der einzige seiner Art auf dieser Messe der digitalen Alltagswunder. Manche munkeln, die CEA habe Microsoft selbst die Tür gewiesen, um die Fenster aufzustoßen und frischen Wind durchs Haus wehen zu lassen. Mit Zehntausenden von neuen Produkten und etwa 17 Hektar Ausstellungsfläche ist die Show zwar weiterhin ein gigantisches Technik-Spektakel, das im vorigen Jahr knapp 150.000 Fachbesucher anzog. Allerdings fällt die Zahl der Aussteller, und einige große Namen - wie Apple und Amazon - bleiben seit Jahren bewusst fern, um später bei eigenen Veranstaltungen Aufmerksamkeit auf sich allein zu lenken.

Immerhin sind noch mehr als 2700 andere Firmen da, die frische Produkte präsentieren. Fernseher werden dabei nicht nur immer größer und flacher, sondern auch schlauer: Die Hälfte aller TV-Geräte, die 2012 Käufer finden, werden im Internet surfen können, schätzt die CEA. Allerdings zeigen die Anlaufschwierigkeiten von Google TV und anderen TV-Geräten mit Internetanschluss, dass es nicht genügt, eine Leitung ins Netz zu legen. "Es war bisher kein besonders gutes Erlebnis", am Fernseher im Internet zu surfen, sagt CEA-Marktforscher Shawn Dubravac. Sollen künftige Modelle mehr überzeugen, müssten sie den Umgang mit komplexen Webseiten auf dem TV-Bildschirm leichter machen. "Die Bedienung wird zum entscheidenden Element", erklärt Dubravac.

Bedienung, bitte!

Der chinesische Hersteller Lenovo, bisher spezialisiert auf Notebooks, hat sich dazu das "K91Smart TV" einfallen lassen: einen Fernseher, der dieselbe Google-Android-Software nutzen kann wie viele Tablet-Rechner. Mit seinem "IdeaPad Yoga" zeigt sich Lenovo auch bei Laptops ideenreich: Der Klapprechner, der in der zweiten Jahreshälfte marktreif sein soll, kann sich durch Drehen und Falten vom Tablet in ein Laptop verwandeln. Der gelenkige Flachmann zeigt sich dabei deutlich schlanker, beweglicher und leichter als frühere Modelle mit ähnlichen Konzepten: Das Yoga-Laptop wiegt lediglich 1,5 Kilogramm und misst an der dicksten Stelle 16,9 Millimeter.

Mit solchen Maßen qualifiziert es sich auch für die Kategorie der Ultrabooks: dünnen Laptops, die nicht weiter ins Gewicht fallen und dennoch volle Leistung versprechen. Manche Hersteller, darunter Samsung und Toshiba, setzen dabei auf relativ große 14-Zoll-Displays, andere - wie etwa Acer mit seinem "Aspire 5" - versuchen, vor allem das Profil schlank zu halten. Ganz auf Glas setzt derweil PC-Veteran HP beim neuen "Envy Spectre 14": Dunkle, matte Scheiben aus kratzfestem Glas sollen dem Laptop helfen, bewundernde Blicke auf sich zu ziehen und sich von der Konkurrenz abzuheben. Stolze Besitzer müssen im Gegenzug allerdings wieder fast zwei Kilo Gewicht stemmen.

3D wird zur Nebensache

Deutlich ruhiger ist es derweil um das Top-Thema der CES aus dem vorigen Jahr geworden: 3D bauen die Hersteller zwar weiterhin in ihre TV-Geräte ein, doch ohne sich und der Welt wahre Wunder vom Fernsehen mit räumlicher Tiefe zu versprechen. Noch immer fehlt es an ausreichend Programmfülle, und zu wenige Zuschauer sind bereit, für 3D tief in die Tasche zu langen. Wachstum erwartet die Elektronik-Branche in diesem Jahr vor allem von Tablet-Rechnern und ihren kleinen Geschwistern, schlauen Handys. Mustern genügend Menschen ihre alten Mobiltelefone aus, um sich ein Smartphone zuzulegen, könnte der weltweite Umsatz mit Unterhaltungselektronik erstmals auf mehr als 1000 Milliarden Dollar klettern, schätzt der Marktforscher GfK.

Während bisher der iPhone-Hersteller Apple und Android-Entwickler Google um die Vorherrschaft unter Smartphones rangeln, hofft Microsoft, mit seiner Windows-Phone-Software den Markt von hinten aufzurollen. Mit Nokia als Partner setzt die Microsoft-Mobilsoftware, die von vielen Kritikern für ihr innovatives Design gelobt wird, nun zum Sprung in den Massenmarkt an. Während man bei anderen Telefonen "in einem Meer aus Icons" ertrinke, zeige Windows Phone sofort das Wichtigste aus dem Kreis der Freunde und Familie, argumentierte Steve Ballmer bei seinem vorerst letzten CES-Auftritt. "Ich bin regelmäßig mit Hunderten von Menschen in Kontakt", so der Microsoft-Chef, "aber alles wird übersichtlich aufbereitet, damit ich es im Auge behalten kann." Nur fürs Redenhalten bleibt bei so viel Social Networking wenig Zeit. Tschüs, CES!

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