Nach drei Wochen mit Apples iPad gibt stern.de-Mitarbeiter Karsten Lemm eine Antwort auf die entscheidende Frage: iWunder oder nur iFlunder? Von Karsten Lemm, San Francisco

Für Karsten Lemm ist das iPad der Beginn einer neuen digitalen Zeitrechnung© JOHN LEE PICTURES/www.johnleepictures.com
Zum Reporterleben gehört auch, dass man manchmal Opfer bringt - etwa, an einem Samstagmorgen früh aufzustehen, um auf den UPS-Boten zu warten, der Apples neues iPad bringen soll. Als es an der Tür klingelt, hält der UPS-Mann gleich drei Päckchen im Arm: Auch zwei meiner Nachbarn haben vorbestellt. Insgesamt, erzählt der Bote, ist er an diesem 3. April mit über 40 Kollegen unterwegs, um iPads zuzustellen, allein in San Francisco. Mehr als 300.000 Stück werden landesweit gleich am ersten Tag verkauft, meldet Apple später. Ich zumindest habe eine Ausrede: Wir wollen im nächsten stern einen Artikel zum Rummel um das neueste iWunder bringen. (Siehe "Im Bann der Zaubertafel" in Heft 15/2010 vom 8. April.)
Klar, dieser Wirbel, der bei jedem neuen Apple-Gerät gemacht wird, ist ein bisschen verrückt - und doch zumindest nicht unverdient, denn kein anderes Unternehmen schafft es immer wieder, Technik so innovativ, aufregend und elegant neu zu verpacken wie die Kalifornier. Natürlich gab es vorher schon Tablet-Rechner; aber keine, die man stundenlang in der Hand halten wollte, um das Internet mit ihnen auf ganz andere Art zu erleben. Genau das passiert nach meiner Erfahrung mit dem iPad: Man bekommt Lust, vieles Altbekannte mit Apples Rechenbrettchen neu zu entdecken - angefangen bei Musik und Internetvideos über das Herumsurfen und Lesen im Netz bis hin zu Computerspielen.
"Wozu soll das Ding gut sein?", hört man immer wieder, und dabei schwingt ein berechtigter Einwand mit: Das iPad ist kein Laptop, viele Eigenschaften eines vollwertigen Computers fehlen, und wer es nutzt, geht reichlich Kompromisse ein. Und doch bin ich sicher, dass wir mit dem iPad die Geburtsstunde einer neuen Art von digitalem Entertainer erleben: Das Multimedia-Tablett ist das perfekte Internet-Surfbrett für zu Hause und (mit Einschränkungen) für unterwegs. Mit seiner Fähigkeit, Musik, Filme und Videos wiederzugeben, wird es zum perfekten Alleinunterhalter. Doch am wichtigsten: Es erlaubt uns, die Netzwelt, die immer mehr mit unserem Alltag verschmilzt, überallhin mitzunehmen und sie tatsächlich zu nutzen. Facebook auf dem Sofa, E-Mail beim Morgenkaffee in der Küche, Bücherlesen im Café, Zeitschriften im Flugzeug - und bergeweise Lesestoff kann immer dabei sein, ohne zusätzlich ins Gewicht zu fallen.
Laptops waren ein Anfang, aber das iPad hat zwei Riesenvorteile: Es ist mit seinen etwa 700 Gramm deutlich leichter (selbst als viele "Netbooks"), und es ist jederzeit sofort bereit. Genau wie beim iPhone genügt ein Druck auf den Einschaltknopf, und E-Mail, Twitter, iPod, das Internet - alles einfach da, ohne langwieriges Hochfahren oder auch nur zögerliches Aufwachen aus dem Schlaf. Die Batterie (in Wahrheit zwei) hält nach meiner Erfahrung tatsächlich zehn Stunden oder mehr, wie Apple es verspricht, selbst wenn der Bildschirm ständig an bleibt und Strom frisst. Der Rechenchip, Apples eigener A4, ist schnell genug, um den meisten Anforderungen zu genügen. Nur selten dauert etwas länger als zwei, drei Sekunden, bis ein Programm gestartet oder eine Datei geladen ist.
Als Ersatz für ein Notebook taugt das iPad nur sehr begrenzt: Das Problem beginnt schon mit der Tastatur, die wie beim iPhone auf dem berührungsempfindlichen Display eingeblendet wird. Obwohl der größere Bildschirm mit seiner Diagonale von knapp 25 Zentimetern das Tippen etwas leichter macht, ist Schreiben auf dem iPad für mein Gefühl kein Vergnügen. Allzu oft landen die Finger leicht daneben, und die eingebaute Korrektur nervt oft mehr, als sie nützt, weil sie gern voreilig und ungefragt einspringt; obendrein gibt es viele Fälle, in denen "Vwertiopper" nicht so eindeutig sind wie hier. Vielleicht meine ich wirklich "ost" statt "ist"? Schließlich die Umlaute, die sich verstecken: Man muss die Buchstaben a, o, s, u kurz gedrückt halten, bis die Sonderzeichen erscheinen - zeitraubend und auf die Dauer lästig.
Als Alternative bieten sich externe Tastaturen an: Apple verkauft bereits eine zum Anstöpseln, und es gibt auch eine Bluetooth-Variante, die sich drahtlos mit dem iPad verständigt. Aber dann bleibt immer noch das Problem, dass die gesamte Bedienung auf Fingergesten ausgelegt ist. In "Pages" etwa, Apples Textverarbeitungsprogramm, das auch Word-Dateien verarbeiten kann, markiert man Wörter und Abschnitte durch Antippen mit dem Finger - anschließend festzulegen, von wo bis wo die Markierung gilt, kann sehr knifflig werden. Unterschiedliche Absätze zu markieren, um beispielsweise die Schrift oder die Formatierung zu ändern, ist nur etwas für Geübte mit iAbitur. Eine Lösung für Notfälle, Spaß macht es nicht.
Da das iPad keinerlei USB-Anschlüsse besitzt, wird es schon zur Herausforderung, Dateien auf das Gerät zu übertragen. Für einige Programme, wie etwa Pages und den empfehlenswerten "GoodReader" (99 Cent im App Store), gibt es die Möglichkeit, Daten beim Synchronisieren via iTunes hin und her zu kopieren. "AirSharing" und andere Apps bieten das Gleiche drahtlos an, und natürlich kann man Texte und Bilder auch per E-Mail verschicken oder bei Internet-Diensten wie Google Docs ablegen. Doch all das sind Umwege, die das Hantieren mit Dateien ungewohnt komplex machen. Drucken direkt vom iPad ist von Haus aus ebenfalls nicht möglich.
Hinter solchen Einschränkungen steht das Problem, dass das iPad kein herkömmliches Betriebssystem besitzt, sondern die gleiche Software nutzt, die Apple auch auf dem iPhone einsetzt. Das heißt, es gibt keinen Schreibtisch, auf dem man eine Datei ablegen könnte, keine Möglichkeit, Seiten aus dem Internet als PDF zu speichern oder auch nur Fotos von einer Digitalkamera zu kopieren, um sie anschließend zu bearbeiten. Im Augenblick lassen sich Fotos lediglich mit einem Spezialadapter in das Fotoalbum auf dem iPad kopieren und anschließend auf dem großen, kontrastreichen Display bewundern - dann allerdings sehen sie atemberaubend aus: Als digitaler Bilderrahmen zum Herumreichen und gemeinsamen Draufschauen ist Apples Tablett perfekt. Es gibt sogar eine Diaschau-Funktion, die automatisch Fotos vorführt, wenn das iPad an ein Dock angeschlossen ist und Strom tankt.
All das zeigt: Die Begabung des Apple-Neulings liegt beim Konsumieren, nicht beim Produzieren. Wer nur kurze E-Mails schreibt ("Machen wir so, LG..."), hauptsächlich Dokumente lesen und sich im Internet informieren möchte, für den kommt das iPad vielleicht als Laptop-Ersatz in Frage. Für mich nicht. Für mich liegt das wahre Talent des Rechenbrettchens woanders: Es ist in diesen ersten beiden Wochen zu einem sehr willkommenen Begleiter durch den Alltag geworden, auf den ich ungern verzichten würde.
Wenn ich morgens Kaffee trinke und dabei Zeitung lese, sitze ich nicht mehr vornüber gebeugt am Schreibtisch, sondern zurückgelehnt auf dem Sofa (oder sogar im Bett - ein Luxus des Heimarbeiters) und genieße eine neue Art des Lesens: Ich kann die New York Times und die Süddeutsche Zeitung wieder in der Hand halten, fast wie auf Papier - und bekomme doch auf die Minute aktuelle Informationen, wie es sonst nicht möglich wäre. Websites baut Apples Safari-Browser flink auf, und das Vergrößern, Verkleinern und Auswählen mit Fingergesten ("Multitouch") funktioniert genau wie auf dem iPhone, nur kommen die Seiten auf dem großen Display wesentlich besser zur Geltung.