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Ballerspiel mit Mauerschützen

Die innerdeutsche Grenze als Ego-Shooter - der Entwickler von "1378 (km)" will jungen Menschen ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte in Form eines Computerspiels nahe bringen. Kritiker bezeichnen das Kunstprojekt als "geschmacklos".

Düster sind die Farben, unheimlich ist die Kulisse, der Himmel grau. Zur Musik der DDR-Nationalhymne fährt eine virtuelle Kamera an einem endlos scheinenden Grenzstreifen entlang. Stacheldraht. Grenztürme ragen in den Himmel, ein Wachsoldat hält Ausschau. Im Hintergrund nähert sich ein Mensch dem hohen Grenzzaun. Dann fällt ein Schuss.

Genau 1378 Kilometer lang waren die Grenzanlagen, der "antifaschistische Schutzwall", wie es im DDR-Duktus hieß. "1378 (km)" heißt das Online-Computerspiel, das der Medienkunst-Student Jens M. Stober entwickelt und an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe vorgestellt hat.

Seitenwechsel sind möglich

Das Spiel ist aufgebaut wie ein klassischer Ego-Shooter, also ein Schießspiel aus der Perspektive des Spielers. Bis zu 16 Spieler können gegeneinander antreten. Sie können die Rolle des Flüchtlings einnehmen, aber auch die des Grenzsoldaten. Während der Flüchtling nur ein Ziel hat, nämlich die Grenze zu überwinden, sind die Möglichkeiten des Grenzsoldaten vielfältiger. Er kann in der Simulation schießen - oder den Flüchtling verhaften. Es gibt auch die Option, Kontakt mit ihm aufzunehmen oder die Seiten zu wechseln und selbst zum Flüchtling zu werden.

"In dem Spiel kann man sich selbst hinterfragen: Wie verhalte ich mich?", erklärt Spielentwickler Stober. "Man kann zu dem Schluss kommen: Ich schieße nicht auf meine eigenen Landsleute." Der 23-Jährige hat zahlreiche Denkanstöße in das Spiel eingebaut. Wahlloses Herumballern ist nicht vorgesehen. Entscheidet sich der Grenzsoldat zum tödlichen Schuss, wird er zwar vom DDR-Regime mit einem Orden ausgezeichnet, gleich darauf jedoch ins Jahr 2000 teleportiert: Dort wird ihm ein Mauerschützenprozess gemacht. Der Spieler ist zwischen 30 und 60 Sekunden aus dem Spiel genommen - und hat Zeit zum Nachdenken. Durch ein Punktesystem werden außerdem politische und soziale Aspekte berücksichtigt. Gibt es zu viele Tote an der Grenze, steigt der politische Druck auf die DDR und die Punkte auf dem Konto der Grenzsoldaten verringern sich. Verschont er den Flüchtling, sammelt er Punkte.

Veröffentlichung am Feiertag

Das Spiel gehört zu den sogenannten Serious Games ( ernsthafte Spiele). Sie sollen nicht nur Zeitvertreib sein und Spaß machen, sondern auch Wissen oder Lernstoff vermitteln und an ernste Themen heranführen. "1378 (km)" soll am Tag der Deutschen Einheit veröffentlicht werden und wird dann kostenlos zu Download bereitgestellt.

Um "1378 (km)" zu entwickeln, hat der Student für Medienkunst fast ein Jahr gebraucht. "75 Prozent dieser Zeit habe ich mit Recherche verbracht, habe Bücher gelesen, bin durch Museen geschlichen, habe mich in Blogs informiert", sagt Stober. Per Zeitreise wird der Spieler in das Jahr 1976 versetzt - "das Jahr mit den meisten Mauertoten", erklärt Stober.

Realistisch und surreal zugleich

In das Spiel hat er nicht nur verschiedene Szenarien, sondern auch informative kleine Texte eingebaut. Sie erzählen dem Spieler, wo er sich gerade befindet, oder wie lange er etwa für eine Grenzverletzung ins Gefängnis muss. Für möglichst realistische Landschaften dies- und jenseits des Todesstreifens hat Stober Satellitendaten zu Hilfe genommen. Die Kulisse wirkt fast surreal - und war doch Wirklichkeit in den Zeiten der deutsch-deutschen Teilung.

Kommerzielle Interessen verfolgt Stober mit seinem Spiel nicht, die Entwicklungskosten waren gering. "1378 (km)" ist eine sogenannte Modifikation des Action-Games "Half Life II". Das erspart Millionen an Kosten, ermöglicht aber dem Entwickler, ganz neue Inhalte auf ein "altes", grafisch bereits ausgearbeitetes Spiel zu setzen und es so völlig zu verändern. Der 1986 geborene Stober studiert seit 2007 an der HfG Karlsruhe Medienkunst mit dem Schwerpunkt "Games". Er hat auch das Spiel "Frontiers - An der Grenze Europas" mitentwickelt, das nach ähnlichen Kriterien funktioniert.

Neuer Zugang zur Geschichte?

"Das Spiel richtet sich an alle, die gerne Ego-Shooterspiele spielen", antwortet Stober auf die Frage nach der Zielgruppe. Er will, dass Jugendliche einen neuen Zugang zu Geschichte und zur deutschen Vergangenheit bekommen. "Der Spieler hat die Möglichkeit sich erst so, dann später aber anders zu verhalten. Das kann keine Dokumentation bieten", sagt Stober. Er ist davon überzeugt, so das Interesse von jungen Menschen zu wecken. "Einige werden zwar erstmal einfach drauflos ballern. Dann aber kommen sie vor Gericht - und wenn es dann auch nur bei einem 'klick' macht und er ins Nachdenken kommt - dann habe ich schon etwas erreicht."

Der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier, nennt die Herangehensweise des Spieles "geschmacklos". Er könne es im Namen von Maueropfern und ihren Angehörigen nicht gutheißen, dass in dem Spiel Menschen "abgeballert" würden. Das Spiel sei "ungeeignet" für die Vermittlung dieser historischen Tatsachen. Klausmeier: "Die Ernsthaftigkeit dessen, was sich damals an der Grenze abspielte, kann man so nicht darstellen."

Das an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe entwickelte Spiel sei "ein Beitrag zur Enthemmung und Brutalisierung der Gesellschaft" und bediene niederste Instinkte, kritisierte die Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft. In einem Protestschreiben habe man sich daher an den Rektor der Hochschule, Peter Sloterdijk, gewandt.

Lesen Sie dazu auch bei unserem Partner in der Schweiz, 20 Minuten Online: "Spiele sind nur der Anfang: Wie Kinect für die Xbox 360 weiterentwickelt wird"

san/DPA/DPA
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