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Unter falscher Flagge

Eine angesehene Marke ist bares Geld wert - gerade im Fernsehergeschäft. Aber nur noch hinter wenigen deutschen Namen verbirgt sich deutsche Wertarbeit. stern.de erklärt, bei welchen Herstellern noch "made in Germany" drin ist - und wer nur so tut.

Von Karl-Gerhard Haas

Die gute, alte Zeit. Prangte auf einem Fernseher ein deutscher Markenname, konnte der Käufer sicher sein: Da ist deutsche Wertarbeit drin. Das ist schon lange vorbei: Manche TV-Anbieter haben in Deutschland nur noch Mitarbeiter, die dafür sorgen, dass die Geräte zu den Händlern kommen - die Ware wird längst im mittleren oder fernen Osten produziert. Andere Firmen haben sich aus dem Geschäft zurückgezogen oder sogar pleite gemacht - nichts blieb übrig außer klangvollen Namen. Mit ihnen schmücken sich gern Importeure und insbesondere chinesische und taiwanesische Hersteller. Denn viele dieser Firmen gehören längst zu den Großen der Branche. Ihr Problem: Keiner kennt sie, weshalb sie fernab der Heimat gern unter der Flagge einer vor Ort renommierten Marke segeln.

Nur drei Hersteller produzieren in Deutschland

Aber wo steckt wirklich "made in Germany" drin - und wer schmückt sich mit fremden Federn? Ganz klar ist der Fall beim fränkischen Hersteller Metz. Die Firma ist in Familienbesitz; die Fernseher - allesamt in der mittleren bis gehobenen Preisklasse angesiedelt - werden in Zirndorf (nahe Fürth/Nürnberg) produziert und nirgendwo sonst.

Ebenfalls in Franken beheimatet ist der zweite deutsche Hersteller, die Loewe AG. 28 Prozent der Aktien gehören dem japanischen Hersteller Sharp, rund 15 Prozent dem Aufsichtsratsvorsitzenden und früheren Geschäftsführer Rainer Hecker. Der Rest der Firmenanteile ist weit verstreut. Das Gros der Fernseher entsteht am Firmensitz in Kronach. TVs mit einer Bildschirmdiagonale bis zu 66 Zentimetern (26 Zoll) werden nach Loewe-Vorgaben und mit Loewe-Technik in Fernost produziert.

Technisat aus der Eifel, mit Satelliten-TV-Antennen und entsprechenden Empfängern groß geworden, übernahm die TV-Geräteproduktion des ehemaligen DDR-Kombinats RFT. Am Standort Staßfurt lässt Technisat seine Fernseher bauen.

Grundig kommt jetzt aus der Türkei

Mit diesem Trio ist die Liste in Deutschland produzierender TV-Hersteller auch schon zu Ende. Von einer der ehemals größten deutschen Fernsehermarken, Grundig, künden am ehemaligen Fabrikstandort Nürnberg nur noch ein paar für den Vertrieb genutzte Büros. Fertigung und Entwicklung wurden schon vor Jahren in die Türkei verlagert. Denn die alte Grundig AG ging 2003 in Konkurs, den Bereich Unterhaltungselektronik - mit Ausnahme der Satelliten-TV-Technik und der Autoradios - kaufte die türkische Koç-Holding.

Opfer der 80er-Jahre-Krise

Verworren sind die Schicksale anderer deutscher Namen im TV-Geschäft. Anfang der 1980er kriselte das Geschäft mit der Unterhaltungselektronik. Nordmende aus Bremen, Saba aus Villingen-Schwenningen und Telefunken aus Hannover fanden bei der französischen Thomson-Gruppe Unterschlupf - damals ein Staatskonzern. In den 1990ern beerdigten die Franzosen die Marke Nordmende und boten die Geräte unter "Thomson" an, mit dem Namen Saba wurde nur noch Billigware verkauft. Unter "Telefunken"-lieferte man noch eine Zeit lang Fernseher an kleine Fachhändler - dann lag auch diese Marke auf Eis. Zum Schluss gab es von Thomson nur noch Thomson-TVs. Der zwischenzeitlich privatisierte Konzern verkaufte das TV-Geschäft und den Markennamen Thomson 2004 an die chinesische TCL-Gruppe - die neue Firma hieß TTE. 2007 machte die am Standort Villingen-Schwenningen verbliebene Entwicklungsabteilung mit einer ebenso spektakulären wie dubiosen Insolvenz Negativschlagzeilen.

TVs mit dem Thomson-Logo finden sich nach wie vor im Handel. Telefunken lebt weiter, hat aber mit den Thomson-Inhabern nichts mehr zu tun: Der Name gehört für TV-Geräte heute der türkischen Firma Vestel.

Besonders bizarr ist in diesem Zusammenhang das Auftauchen des Markennamens AEG. Denn ältere Semester erinnern sich: Die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft war die Telefunken-Konzernmutter. Unter dem Namen AEG wurde jahrzehntelang alles mögliche angeboten - aber keine Unterhaltungselektronik und schon gar keine Fernseher. Das ist seit einigen Jahren anders: der Importeur ETV offeriert unter dieser Traditionsmarke günstige TVs - wie's scheint, ganz erfolgreich.

Nur noch für Nostalgiker

Ebenfalls nur noch Adoptiveltern für Großanbieter aus Fernost sind die ehemalige Bosch-Tochter Blaupunkt sowie Schaub-Lorenz (gegründet von SEL - Standard Elektrik Lorenz -, später zum US-Konzern ITT gehörend). Immerhin: Diese Namen leben fort. Andere sagen nur noch Nostalgikern etwas. Die Firma Graetz existierte als Markenname noch lange nach der Fusion mit Schaub-Lorenz, entschlummerte aber in den 1980ern. Körting fristete sein Gnadenbrot als Hausmarke des Versandhauses Neckermann, ist aber, wie Schneider, völlig verschwunden. Unter dem Namen des Ex-TV-Herstellers Braun gibt es immerhin noch Rasierer und Küchengeräte. In dem Bereich ist die Firma immerhin Weltmarktführer. Für die schon erwähnte RFT (Rundfunk- und Fernmelde-Technik) kam nach dem Ende der DDR das Aus - obwohl das Fachblatt "video" den Ostprodukten nach der Wende "Westniveau" bescheinigte. Aber mit dem Mauerfall dürsteten die Ost-Bürger nach West-Ware - die Ostalgie-Welle kam für RFT zu spät.

Ein ganz besonderer Fall ist der deutsche Elektrokonzern Siemens. Jahrzehntelang waren Fernseher dieser Marke im deutschen Handel präsent und bei den Angestellten des Hauses beliebt - nicht zuletzt wegen des Mitarbeiterrabatts. Aber schon in den 1960ern schloss Siemens die eigenen Werke für "braune Ware", wie Unterhaltungselektronik im Handelsjargon heißt. Bis zur Schließung des Geschäftszweigs in den 1990ern kaufte Siemens die Produkte nur noch zu. Die Siemens-TVs stammten überwiegend von Grundig - und die hätten es damals wahrlich nicht nötig gehabt, unter falscher Flagge zu segeln.

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