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1. September 2010, 22:32 Uhr

Angriff auf das Wohnzimmer

Mit einem sozialen Netzwerk für Musikfreunde und Neuauflage von Apple TV will der Konzern aus Kalifornien endlich das Wohnzimmer erobern und zum Alleinunterhalter werden. Zudem wird das Auslaufmodell iPod noch einmal frisch gemacht. Von Karsten Lemm, San Francisco

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Kleiner Jobs, große Gitarre: Der Apple-Chef bei der Präsentation in San Francisco© Justin Sullivan/Getty Images/AFP

Armer iPod. Früher war ihm alle Aufmerksamkeit sicher, wenn Apple-Chef Steve Jobs in San Francisco die Bühne betrat, um die neue Herbstkollektion seiner Musikspieler zu präsentieren: Vom winzigen iPod Nano bis zum Gigabyte-Protz iPod Classic - jahrelang ging es vor allem um die neuesten Farben, Formen und Funktionen für Apples Superstar. Gut 275 Millionen Stück haben die Kalifornier in den vergangenen neun Jahren von ihrem Digital-Walkman verkauft, eigentlich sollte man da ein wenig Dankbarkeit erwarten dürfen.

Doch an diesem Mittwoch, als Steve Jobs wie gewohnt in Jeans und schwarzem Rolli auf die Bühne im Yerba Buena Center in San Franciscos Innenstadt schlendert, wird der iPod beinahe zur Nebensache. Zunächst bejubelt der Apple-Zeremonienmeister den Erfolg der mittlerweile 300 firmeneigenen Läden in zehn Ländern, die an manchen Tagen mehr als eine Million Besucher locken. Er feiert das "iOS"-Betriebssystem für iPhone und iPad als "Revolution", berichtet, dass in jeder Sekunde eines jeden Tages 200 Mobil-Apps aus dem iTunes-Laden geladen werden, und er gibt einen Vorgeschmack auf neue iOS-Funktionen, die im November freigeschaltet werden - darunter die Möglichkeit, nicht nur Musik über eine drahtlose Wlan-Verbindung an iPad & Co. zu funken, sondern auch Videos.

Mehr als 20 Minuten vergehen, ehe der iPod ins Rampenlicht der Veranstaltung rückt. Und selbst dann macht Jobs kurzen Prozess, hastet im Schnellgang durch die neuesten Modelle: der Kleinste, der Shuffle, bekommt wieder Tasten. Dafür wird der Nano, einst der Erfolgreichste in der Familie, kleiner und kompakter, weil er keine Tasten mehr hat. Stattdessen bedient man ihn künftig wie den iPod Touch: durch Fingergesten auf dem berührungsempfindlichen Bildschirm - nicht ganz leicht, so winzig, wie das Display ist mit seinen 3,8 Zentimetern Diagonale. Jobs müht sich ein bisschen bei der Vorführung, hetzt schnell weiter zum iPod Touch, dem aktuellen Star in der Familie. "Er ist unser erfolgreichster iPod geworden", berichtet der Apple-Chef - wohl nicht zuletzt deshalb, weil er ein enger Verwandter des iPhone ist, nur eben ohne teuren Mobilvertrag.

Treffen sich Facebook und Twitter

Entsprechend bekommt der iPod Touch nun ebenfalls das neue "Retina Display" mit hoher Auflösung, kann künftig HD-Videos aufnehmen und bekommt - genau wie das iPhone - eine Kamera auch auf der Vorderseite. So lassen sich dann mit Apples "Face Time"-Software Video-Telefonate über eine Wlan-Verbindung führen. Das kleinste Modell mit 8 Gigabyte Speicher kostet 229 Euro, das teuerste mit 64 Gigabyte ist für 399 Euro zu haben. "Wir sind ganz begeistert von unserer sensationellen neuen iPod-Familie", beteuert Jobs, nur um nach kaum einer Viertelstunde weiterzueilen zum wesentlichen Teil der Veranstaltung.

Apple will zum Allein-Unterhalter im Leben seiner Kunden werden. Teil eins der Strategie: iTunes bekommt ein soziales Netzwerk namens "Ping". Von sofort an können mehr als 160 Millionen Nutzer in 23 Ländern einander Musiktipps geben, sich gegenseitig von ihren Lieblingsliedern vorschwärmen und sogar Konzertkarten für gemeinsame Musikabende kaufen. Alles direkt aus der iTunes-Software heraus, und natürlich verdient Apple bei allem mit, wenn Musikfans mit ein, zwei Mausklicks einen Song kaufen oder Konzerttickets bestellen. "Es ist, als ob sich Facebook und Twitter bei iTunes treffen", beschreibt Jobs den neuen Dienst und versichert, die Einstellungen zum Schutz der Privatsphäre erlaubten es den Nutzern, so offen oder verschlossen zu sein, wie jeder es gern möchte.

Teil zwei der Entertainer-Strategie fällt Apple TV zu, einem Produkt, das bisher eher als Flop gilt: Seit Jahren versucht Apple mit diesem "Hobby", wie Jobs es gern nennt, das Wohnzimmer zu erobern. Doch das Gerät, das Videos und Musik auf einer Festplatte speichert, um die Dateien an Fernseher und Stereoanlage weiterzureichen, ist vielen Menschen offenbar zu kompliziert und zu teuer. "Was haben wir gelernt?", fragt Jobs. "Die Leute wollen keinen Computer in ihrem Wohnzimmer." Deshalb konzentriert sich das neue Apple TV darauf, Filme, Fotos und Musik künftig nur noch drahtlos aus dem Netz zu fischen und auf dem Fernseher anzuzeigen. Die Dateien können entweder vom eigenen Rechner stammen oder aus dem iTunes-Laden: Statt auf Kauf setzt Apple dabei nun verstärkt auf Ausleihen.

Die Preise fallen

Um das attraktiver zu machen, fallen die Preise. Fernsehsendungen kosten in den USA künftig 99 Cent zum einmaligen Anschauen statt 2,99 Dollar, wenn man sie kauft. In Deutschland bietet Apple vorerst keine TV-Programme zum Ausleihen, sondern ausschließlich Spielfilme. Dafür verlangt die iTunes-Videothek 2,99 Euro für Filme in Normalqualität und 3,99 Euro in HDTV. Hollywood zögert offenbar, bei alledem mitzuspielen, denn fürs erste hat Apple nur Fernsehsendungen der Sender ABC und Fox im Angebot. "Die anderen", lästert Jobs mit spitzer Zunge, "werden sich bald anschließen, wenn sie ihren Augenblick der Erleuchtung haben."

Kunden, die bisher ebenfalls zögern, versucht Apple mit einem deutlich günstigeren Preis zu locken: Statt bisher mehr als 220 Euro kostet die neue, kleinere Apple-TV-Box jetzt 119 Euro. Vielleicht hilft das, aus dem Mauerblümchen einen Star zu machen. Auch der iPod tat sich anfangs schwer, als er noch 500 Dollar kostete. Nur 125.000 Stück verkaufte Apple im ersten Jahr; erst als die Preise fielen und iTunes sich auch Windows-Nutzern öffnete, begann der steile Aufstieg des Musikspielers zu Apples Superhelden. "Der iPod ist ein Schlüsselprodukt für Apple", sagt der Analyst Rob Enderle. "Früher war Apple eine Computerfirma, dann kam der iPod und hat alles geändert." Heute macht das Unternehmen den größten Teil seines Umsatzes von etwa 50 Milliarden Dollar (knapp 40 Milliarden Euro) nicht mehr mit Macintosh-Rechnern, sondern mit iPod, iPhone, iPad und dem iTunes-Laden.

Und doch sind die Tage des iPod wohl gezählt. Schließlich zeigen viele andere Geräte, vom Handy bis zum iPad, inzwischen ähnlich viel musikalisches Talent, und der Absatz fällt: Zum ersten Mal verkaufte Apple im vorigen Jahr weniger iPods als im Jahr zuvor. "Als reines Musikprodukt liegen die besten Zeiten wohl hinter ihm", sagt Enderle. So ist das bei Technik, die im Zeitraffer altert. Kaum hält man das neue Gerät in Händen, ist es praktisch schon von gestern. Armer iPod.

Von Karsten Lemm, San Francisco
 
 
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