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21. Mai 2010, 12:16 Uhr

Ist Google TV die Zukunft des Fernsehens?

Mit Google TV soll es keinen Unterschied mehr zwischen Fernsehen und Websurfen geben. Die Auswirkungen auf die TV-Landschaft könnten gravierend sein - wenn das Konzept funktioniert. Von Karsten Lemm, San Francisco

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Google TV verspricht Web und Fernsehen unter einer Oberfläche© Google

Es kann vorkommen, dass der Franzose Junien Labrousse in die Welt von Youtube eintaucht und sich stundenlang in ihr verliert. Dann schaut der 52-jährige Hobby-Pianist, wie andere Leute Klavier spielen, um davon zu lernen, oder er holt sich Tipps, wie er Rubiks Zauberwürfel noch schneller lösen kann als bisher - dabei liegt sein Rekord schon bei 30 Sekunden. "Es gibt enorm viele Videos im Internet, die das Anschauen wirklich lohnen", schwärmt Labrousse, der in Kalifornien lebt. Oft ruft er seine Frau und Kinder, fünf und sieben Jahre alt, dazu, um mit ihnen etwas gemeinsam zu schauen. Dumm nur, dass sich dann alle vier um seinen kleinen Laptop-Bildschirm drängen müssen - was nicht sehr bequem ist. Doch im Herbst soll alles anders werden und viel besser, denn dann kommt Google TV.

"Google TV wird die Art, wie wir fernsehen, von Grund auf verändern", verspricht Labrousse - wobei er als Produkt-Chef des Google-Partners Logitech an der Revolution, die er in Aussicht stellt, maßgeblich beteiligt ist. Google TV ist der Versuch des Suchmaschinen-Riesen, sich im Wohnzimmer auszubreiten und nach PCs, Laptops und Mobiltelefonen einen weiteren Bildschirm zu erobern: den Fernseher, die letzte Bastion im digitalen Alltag der meisten Menschen ohne eingebauten Internetzugang.

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Sony-Boss Howard Stringer zeigt den ersten Fernseher mit eingebautem Google TV© Paul Sakuma/AP

Mit dem Zukunfts-TV, das Google auf seiner Entwicklerkonferenz I/O präsentierte, soll es künftig ein Kinderspiel sein, eine schier unendliche Fülle an Unterhaltung und Informationen zu finden, ohne sich von der Couch zu erheben, und alles, was man sehen möchte, auf dem Großbildschirm zu bewundern. Man sucht nach einer Sendung, und es spielt gar keine Rolle mehr, woher sie kommt. Vielleicht hat der digitale Videorekorder "Dr. House" gestern schon aufgenommen, dann findet Google TV ihn auf dem Rekorder und spielt das Programm von dort ab. Wenn nicht, macht der grantelig-geniale Doktor seinen Hausbesuch eben vom Internet aus - zumindest in den USA ist es kein Problem, etliche Sendungen aus dem Netz abzurufen, bei Portalen wie Hulu ebenso wie auf den Webseiten der Sender selbst. Deutschland hinkt noch etwas hinterher, doch auch in den Online-Mediatheken von ARD und ZDF gibt es schon reichlich Futter für den Browser.

Bisher freilich leben diese Inhalte vorwiegend im Laptop oder auf dem PC. Wer macht sich schon die Mühe, seinen Rechner in die gute Stube zu schleppen, um ihn an den Fernseher anzuschließen? Selbst dann bleibt die Trennung zwischen Internet und TV erhalten, weil man immer hin und her schalten muss. Doch nicht mehr lange. "Der fundamentale Unterschied bei Google TV ist, dass man nicht mehr aus dem Fernseh-Erlebnis herausgerissen wird", erklärt Logitech-Manager Labrousse. Seine Firma, bisher am besten bekannt durch Webcams und High-Tech-Mäuse, hat zusammen mit Google eine Box entwickelt, die sich zwischen Internet und Fernseher klinkt; meist kommt auch noch ein Kabel- oder Satellitenempfänger dazu.

Preis? Noch unbekannt

Die Box hat bisher weder einen Namen noch einen Preis. Fest steht nur, dass sie im Herbst auf den Markt kommen soll, pünktlich zum Weihnachtsgeschäft, genau wie eine neue Modellreihe von Sony-Fernsehern und Blu-ray-Playern, bei denen Google TV gleich mit eingebaut ist. Europäer allerdings schauen auf absehbare Zeit in die Röhre, denn das Fernsehen der Zukunft beschränkt sich vorerst auf Amerika.

Einmal angeschlossen, übernimmt die Logitech-Box die Steuerung von TV-Gerät und Kabel- oder Satellitenempfänger. Die Internetsuche wird auf Knopfdruck einfach über das Fernsehsignal gelegt und eingeblendet. Im Inneren der Box und bei den Sony-Geräten übernimmt ein Chip von Intel das Aufbereiten der Webseiten. Als Software nutzt Google TV das Betriebssystem Android, das Google ursprünglich für Smartphones entwickelt hat. Das heißt, der Fernseher lernt nicht nur das Surfen, sondern kann auch Programme ("Apps") verwenden, die es bereits für andere Android-Geräte gibt - etwa Skype, Spiele oder spezielle Anwendungen für die Wettervorhersage, Börsenkurse und vieles mehr.

Gutes Konzept, schwierige Umsetzung

"Das Konzept hinter Google TV ist sehr gut", lobt Rob Enderle von der Unternehmensberatung Enderle Group. "Die Herausforderung wird darin liegen, es umzusetzen." Die komplexe Technik müsse reibungslos funktionieren, wenn sie sich durchsetzen solle. "Kein Mensch will seinen Fernseher neu booten oder ein Technik-Diplom machen, um ihn zu bedienen", argumentiert Enderle. Die Aufgabe wird nicht leichter dadurch, dass Google sein System sehr offen gestaltet hat und kaum Kontrolle ausübt - anders als Apple. Und selbst Apple ist es bisher nicht gelungen, das Wohnzimmer zu erobern. Die "Apple TV"-Box, die Musik und Videos aus dem iTunes-Laden abspielen kann, "darf als einer der wenigen Flops gelten, die Apple sich in den letzten Jahren geleistet hat", sagt Enderle.

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Firmenchef Eric Schmidt stellte Google TV vor© Robert Galbraith/Reuters

Anderen, darunter Philips mit seinen "Net TV"-Fernsehern und US-Anbietern wie Boxee und Roku, ist es nicht besser ergangen. Drei Stolpersteine sieht der Analyst: Technik, die zu sehr einschränkt, weil nur bestimmte Videos oder Web-Inhalte abgespielt werden können. Technik, die zu schwer zu bedienen ist. Und Technik, die zu viel kostet. Wenn Google TV Erfolg haben soll, dürften Fernseher und Geräte wie die Logitech-Box nicht mehr als etwa 100 Euro zusätzlich kosten, sagt Enderle. "Das ist für viele Leute die Grenze, wenn es darum geht, so etwas mal auszuprobieren."

Alle Firmen, die nun mit Macht ins Wohnzimmer drängen, lockt das Geld: Neue Geräte, die das Heimkino der Zukunft verlangt, sind das Eine; das Andere ist der Werbemarkt - erklärtermaßen der Antrieb für Google. Mit Anzeigen im Internet macht der Suchmaschinen-Riese bereits mehr als 20 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr (etwa 16 Milliarden Euro). "Bei Fernsehwerbung geht es um weitere 60 Milliarden Dollar", allein in den USA, sagt Richard Doherty, Direktor der Beraterfirma Envisioneering Group. "Google kann die Dollar-Scheine förmlich riechen."

Wo sind die Sender?

Dank Youtube hat Google bei Videowerbung Erfahrung gesammelt und arbeitet auch bereits mit US-Sendern zusammen, um Werbung im Internet zu vermarkten. Doch bei der Enthüllung von Google TV am Donnerstag war von den großen Namen der Fernsehwelt wenig zu sehen. Einzig der Nischenkanal MSNBC und der relativ kleine Satellitenanbieter Dish Network traten als Partner auf. "Die Sender halten sich zurück, weil sie Angst haben, dass Google ihnen Werbegelder abjagen will", sagt Doherty.

Dazu kommt für die Sender das Problem möglicher Kannibalisierung: Die Programm-Anbieter haben kein Interesse, all ihre Sendungen ins Netz zu stellen - selbst dann, wenn sie online Extra-Millionen verdienen können. Denn Kabelanbieter und Satellitenbetreiber in den USA legen Milliarden auf den Tisch, um ihren Kunden eine möglichst breite Palette an Fernseh-Unterhaltung anzubieten. Im Durchschnitt lassen es sich amerikanische Haushalte 70 Dollar im Monat kosten, 300 Kanäle zu empfangen. Sollten nun zu viele Sendungen ins Internet wandern, und die Programme sind genauso gut auf dem heimischen Fernseher zu bewundern, "wird ein Punkt kommen, an dem die Kunden nicht mehr bereit sind, diese 70 Dollar zu zahlen", warnt die Investment-Bank Needham in einer Studie. Um diese Schwelle nicht zu erreichen, überlegen die Hulu-Eigentümer NBC, Fox und Disney bereits, eine Abogebühr für ihr Onlineportal zu verlangen.

Jugendschutz noch ungeklärt

Google TV lockt freilich auch dann noch damit, das Netz auf neue Art mit TV-Inhalten zu vermählen: Bei der Präsentation konnte das Publikum etwa bewundern, wie Google-Manager nahtlos zwischen Webseiten mit Basketball-Ergebnissen und einer Sportübertragung hin und her wechselten. Allerdings hat auch das ungehinderte Surfen auf dem Fernseher seine Tücken. Was passiert, fragt Richard Doherty, wenn die Fernbedienung, die plötzlich den Weg zu ganz neuen Inhalten bahnt, in unbedachte Kinderhände fällt? Familienfreundliche Filterfunktionen vermochte der Analyst bei der Enthüllung von Google TV nirgends zu entdecken. "Könnte es sein", spekuliert Doherty, "dass irgendwann im Herbst der erste kleine Junge zu seiner Mutter in die Küche läuft und fragt: 'Mami, was machen denn die nackten Frauen da auf dem Fernseher?'"

Es kann eben auch Vorteile haben, sich gemeinsam ums Laptop zu scharen. Zumindest, wenn die Eltern sicher sein wollen, dass das Internet-TV stubenrein bleibt.

Von Karsten Lemm, San Francisco
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
Tobi_G (21.05.2010, 17:02 Uhr)
ohne mich!
Ich sitze vor einem 24" Monitor, ca. 8 Stunden pro Tag, Ich habe kein Fernsehmodul installiert, weil es mich von der Arbeit ablenken würde.

Manchmal gehe ich abends noch rüber ins Wohnzimmer und schaue, ob was Sehenswertes in der Glotze kommt. Meist kommt nix - und wenn, dann meist auf Arte oder ZDF-Neo. Zeit sparen durch Google TV? Wer ist die Zielgruppe - Arbeitslose? Oder Menschen ohne Lebensinhalt?
heikom36 (21.05.2010, 14:53 Uhr)
Neue Sache
Ich weiss nicht... andere haben das auch schon.
Aber wieviele Geräte soll man sich denn unter dem Fernseher stellen?
Irgendwann bracuhe ich einen extra Ferbedienungsregal zusätzlich zu dem Geräteschrank und Fersehtisch mit dem HiFi-Rack... alles klar... tolle Zukunft.
82uJ (21.05.2010, 13:42 Uhr)
läuft bei mir schon 1 Jahr (gähn...)
Meine "Set-Top-Box" besteht aus einem Win7-WMC auf Zotac-Atom330-Ionchipsatz-Basis. HDTV mittels USB-2 über eine Zigarettenschachtelgroßen DVB-S2 empfänger (TeVii). Das ganze ist nicht viel größer als ein externes 5-1/4Zoll-Gehäuse. Das Teil hat ein internes BluRay-Slim-Laufwerk, schaltet sich selbständig bei aufzunehmenden Sendungen ein- und aus, ist an der Stereo-Anlage und am 82cm TFT-Fernseher angeschlossen.
Mittels Funk-Maus-Tastatur kann ich surfen, Youtube etc., oder über das Mediacenter anschauen HDTV, aufgenommene Filme schauen, Musik hören, Fotos im Großformat anschauen. Das Teil verbraucht unter Volllast grad mal knappe 40Watt; der Fernseher läuft mit 80Watt. Den schalte ich aber separat aus, wenn der Minirechner aufnehmen soll.

So; was hat Google jetzt grad nochmal neu erfunden???

Gruß,
H.-W.
neyzen (21.05.2010, 13:42 Uhr)
Das...
ist schon Grusselig,wie groß immer Google wird, irgendwann wird die Welt google heisen...wartet ab...
macTV (21.05.2010, 13:41 Uhr)
noch mehr Google ??
Apple TV ist wohl wirklich überflüssig.
Ich nutze seit Jahren höchst erfolgreich = mit grösster Begeisterung, einen MACmini mit einem PlasmaTV und sehe, zeichne auf , auch HD (ohne RTL HD) schaue DVD, lese mails, surfe im Net und alles mit nur der genialen drahtlosen MagicMouse.
OK plus Fernbedienung von BOSE und drahtlose Tastatur für mails schreiben und www-adressen.
PERFECT !!!! macht viel Spass
MMSterling (21.05.2010, 11:55 Uhr)
Genial...
Ich muß zugeben, ich habe mir den Artikel nicht mehr bis zum Ende durchgelesen. Aber wenn ich nur was von Set Top Box, noch'n Gerät mit noch 'ner Fernbedienung, noch 'n Kabel mit noch einer Dose etc. höre, vergeht mir schon die Lust. Das ist also die Zukunt des Fernsehens?

Dann wird die wohl ohne mich stattfinden.
Motzerator (21.05.2010, 11:50 Uhr)
Wir brauchen ein tv:// Protokoll
Das Web wird das Fernsehen erobern, dies ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Ob es nun Google wird, der uns die Revolution bringt oder ein Anderer, wird man sehen.

Am Wichtigsten währe erst mal ein Standard vergleichbar dem HTTP Protokoll, der eben die Übermittlung von Bewegtbildern zum Inhaltz hat.

Prinzipiell stelle ich mir das Fernseh Web vor wie die Menüs einer DVD, wo man ja auch Film und interaktive Elemente kombinieren kann, nur das die Inhalte eben nicht mehr auf einer Scheibe gespeichert sind, sondern irgendwo im Web.

Google könnte auch hier wieder eine zentrale Rolle als Suchmaschine bieten.

Der Vorteil für den Verbraucher währe gigantisch, das Internet würde zum Allesrekorder werden, auf den alle Menschen Zugriff haben, ähnlich dem Youtube.

Das Fernsehen würde damit wieder mit dem Internet gleichziehen. Denn dann würde jeder sehen was er will und wann er will. Ich verpasse andauernd die nachrichten, weil ich nicht bereit bin, mein Leben dem Rhytmus der Programmplanung eines Senders zu unterwerfen. Das wird dann der Vergangenheit angehören.

Ein neues Sendemodell wird dann die Verbreitung von Filmen und Sendungen mit Werbung sein, bei der die Werbung vom Server für jeden Zuschauer individuell eingespielt wird, ähnlich der Werbung im Internet.

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