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EU-Wettbewerbsverfahren: Google findet Ärger

Google hat Stress mit der EU-Kommission. Dabei kämpft der Onlineriese schon an vielen Fronten: in Deutschland wegen Street View, in den USA mit der TV-Industrie - und überall mit Facebook.

Von Ralf Sander

Eine neue Runde im Kampf Goliath gegen Goliath ist eröffnet. In der einen Ecke: der milliardenschwere Internetkonzern Google, dessen Suchmaschine zum Synonym für das Suchen im Web geworden ist. Weltweit beherrscht er hier den Markt, in Deutschland und Europa liegt der Marktanteil bei mehr als 90 Prozent. In der anderen Ecke wartet die kampfeslustige EU-Kommission aus Brüssel, die Erfahrung im Ringen mit IT-Giganten aus den USA hat. Dem Chiphersteller Intel hat sie 2009 eine Strafe von 1,06 Milliarden Euro wegen seiner marktbeherrschenden Stellung aufgebrummt. Und Microsoft musste in jahrelangen Streitereien bereits mehr als 1,7 Milliarden Euro nach Brüssel überweisen.

Nun hat die EU-Kommission also auch Google herausgefordert und ein Missbrauchsverfahren gegen das Unternehmen aus dem kalifornischen Mountain View eingeleitet. Nach mehreren Beschwerden von Konkurrenten wird geprüft, ob Google seine Marktmacht im Suchmaschinengeschäft missbraucht hat.

Zu schlecht platziert und zu teuer?

Die britische Preisvergleichswebsite Foundem, die Justizsuchmaschine ejustice.fr und das zu Microsoft gehörende deutsche Verbraucherportal Ciao haben die Beschwerden eingereicht. Demnach hat Google womöglich die Seiten anderer spezialisierter Suchdienste bei seinen Suchergebnissen vorsätzlich zu weit unten und seine eigenen Dienste zu weit oben angezeigt.

Außerdem werfen die Wettbewerber Google vor, die Preise für Textanzeigen, die Google neben Suchergebnissen anzeigt, in die Höhe getrieben zu haben. Und die Brüsseler Wettbewerbshüter prüfen, ob Google Werbepartner daran gehindert hat, auf ihren Webseiten Werbung von Konkurrenten zu schalten.

Für das Unternehmen kommt der Ärger zur Unzeit. Zwar hat Google im vergangenen Jahr einen Umsatz von 23,6 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet - der Löwenanteil davon aus Werbeeinnahmen - und ist laut Marktforscher Millward Brown die teuerste Marke der Welt (Wert: 131 Milliarden Euro). Doch die Leichtigkeit, mit der Google in der Vergangenheit scheinbar alles gelang, scheint vobei. Das Unternehmen hat neben dem EU-Verfahren noch drei weitere Probleme.

Deutschland vs. Google Street View

Die Einführung des Straßenfotodienstes Google Street View in Deutschland hat Google und seine Kritiker das gesamte Jahr in Atem gehalten. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner setzte die "Datenkrake" verbal unter Dauerfeuer, und die deutschen Datenschutzbeauftragten trotzten dem Unternehmen Zugeständnisse ab wie nirgendwo sonst auf der Welt. Das US-Unternehmen hatte die besonderen Privatsphäre-Befindlichkeiten der Deutschen völlig falsch eingeschätzt. Als dann auch noch herauskam, dass Googles Kamerautos - angeblich versehentlich - Wlan-Daten aufgezeichnet hatten, bekamen viele Deutsche regelrecht Angst vor dem offenbar unersättlichen Datensammler. Die tatsächliche Einführung von Google Street View ging vor ein paar Wochen dann vergleichsweise problemlos über die Bühne, und siehe da: Die Diskussionen darum werden vernünftiger. Ob sich Googles Image in der Bevölkerung erholen wird, ist eine andere Frage.

US-Fernsehsender vs. Google TV

Googles Anstrengungen, das Geschäft mit Medieninhalten auszubauen, drohen am Widerstand von Fernsehsendern, Filmstudios, Musiklabels und Verlagen zu scheitern. Die in den USA gestartete Fernsehplattform Google TV, die Webinhalte und TV zu verschmelzen versucht, hat mit Startschwierigkeiten zu kämpfen. Viele US-Fernsehsender verweigern der Google-Kiste die Zugriffe auf ihre Onlineangebote. Die Sender fürchten, dass Google sie für eine mögliche Kannibalisierung des traditionellen Fernsehgeschäfts nicht entschädigt. Außerdem wollen sie sicherstellen, dass sie künftig an allen Werbeeinnahmen beteiligt sind, die in Zusammenhang mit ihren Inhalten fließen. Ohne Inhalte der Sender ist Google TV aber für den Kunden uninteressant. Und auch der Aufbau des Musikdienstes Google Music ist unterbrochen worden, weil die Plattenlabels ihre Musik nicht zur Verfügung stellen wollen.

Während Google mit den Widerständen ringt, mischen andere mit: Netflix, die führende Onlinevideothek der USA, verabschiedet sich vom DVD-Verschicken und hat das Streaming von Filmen über die Internetleitung zum Hauptgeschäft ernannt. Gleichzeitig will Apple mit seiner Apple-TV-Box ebenfalls ins Streaminggeschäft einsteigen. Und Microsoft ist offenbar gerade dabei, seine Spielkonsole Xbox 360 zur TV-Kiste aufzubohren, so dass sie speziell aufbereitete Inhalte verschiedener Sender anzeigen kann. Der Kampf um den Fernsehschirm ist voll entbrannt, und Google ist nur einer von vielen Konkurrenten.

Facebook vs. Google insgesamt

Zum härtesten und zähesten Gegner von Google hat sich inzwischen Facebook entwickelt. Beide Webgiganten streiten um dasselbe Gut: Werbedollars. Während Google das Suchgeschäft und die Vermarktung von Suchworten beherrscht, will Facebook das Geschäft mit Anzeigen dominieren, die genau auf die Interessen seiner Nutzer abgestimmt sind. Der Marktforscher Comscore hat ermittelt, dass Facebook den US-Nutzern zurzeit vier Mal so viele solcher Anzeigen zeigt wie Yahoo, Microsoft, Fox Interactive und Google zusammen. Außerdem klaut das soziale Netzwerk seinen Nutzern Zeit, die sie anderswo mit den Betrachten anderer Werbung verbringen könnten.

Die Auseinandersetzung der beiden Unternehmen zeigt sich in vielfältigen Formen: Mal schließt Google eine Softwaretür, durch die Facebook bisher Kontaktdaten aus Googles Mailangebot übernehmen konnte. Dann sorgt die Abwanderung von Topmitarbeitern von Google zu Facebook für Aufruhr in der Branche. Es gibt Schätzungen, dass rund 20 Prozent von Facebooks 2000 Mitarbeitern vorher in Mountain View gearbeitet haben. Da bekommt die kürzlich verkündete zehnprozentige Gehaltserhöhung für die gesamte Google-Belegschaft eine besondere Bedeutung.

Mit seiner gerade überarbeiteten Mail- und Nachrichten-Funktion hat Facebook Google einen weiteren Fehdehandschuh geworfen. Das soziale Netzwerk will seine Nutzer in einen Kokon aus immer umfangreichen Funktionen einspinnen und immer fester an sich binden. Wer braucht da schon Google Mail? suggeriert Facebook. Google antwortet mit Investitionen: US-Medienberichten zufolge steht das Unternehmen gerade vor der größten Übernahme seiner Geschichte: Der Konzern biete insgesamt 4,5 Milliarden Euro für den Internet-Gutscheindienst Groupon, heißt es. Eine Reaktion auf Facebook? Vor wenigen Wochen hatte der Gegner mit "Deals" ein eigenes Rabatt- und Gutscheinprogramm vorgestellt

Jedes Verfahren frisst Ressourcen

Google steht also von verschiedenen Seiten unter Druck, und nun also noch das Missbrauchsverfahren der EU. Wie das ausgeht, ist offen. Die Kommission betonte ausdrücklich, dass Google derzeit noch keine Verstöße gegen das europäische Wettbewerbsrecht nachgewiesen werden könnten. Google hat angekündigt, mit der EU-Kommission zusammenarbeiten zu wollen, um etwaige Bedenken auszuräumen. Ein Zeitplan ist bisher nicht veröffentlicht worden. Doch Intel und Microsoft können bestätigen: Ein Streit mit der EU-Kommission kann ein Unternehmen sehr lange beschäftigen. Und übrigens: In den USA läuft bereits ein ähnliches Verfahren gegen Google.

Lesen Sie dazu auch bei unserem Partner in der Schweiz, 20 Minuten Online: "SEO: Wer Google austrickst, wird bestraft"