Die fabelhafte Karriere des Fabian Thylmann

21. Januar 2013, 16:33 Uhr

Der Chef des größten Porno­unternehmens der Welt ist ein 34-jähriger Programmierer aus Aachen. Binnen weniger Jahre erfand er das Geschäft quasi neu. Die Geschichte einer unglaublichen Karriere. Von Matthias Oden

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Youporn-Macher Fabian Thylmann gilt als der King of Porn©

Im Garten des größten Pornotycoons der Welt wachsen Rosen. Gloria Dei aus Frankreich, Just Joey aus England, Trosroos Maria Teresa aus Belgien; vor allem rote. Eine eigene Anlage haben sie bekommen: Geharkte Sandwege führen durch die Blumenrabatten wie durch einen kleinen Park. Die Rosen wachsen dort für seine Frau. Er selbst, sagt Fabian Thylmann, sei nicht so romantisch.

Er selbst ist ein Zahlenmensch. Nüchtern, analytisch, rational. Das hat den Computernerd aus Deutschland weit gebracht. Der heute 34-jährige Programmierer aus Aachen hat einen abseitigen, aber milliardenschweren Weltmarkt komplett umgekrempelt.

Wer Triebabfuhr sucht, landet bei Thylmann

Thylmann besitzt eine Handvoll der lukrativsten Sexseiten des Internets, Youporn etwa und Pornhub, Men.com, Webcams.com. Zu seinem Reich zählen Firmen wie Brazzers, Reality Kings und Digital Playground, die zu den wertvollsten der Branche gehören. Selbst bei ­Playboy, der altehrwürdigen Gentleman-Marke des Erektionsentertainments, hat der Deutsche inzwischen das Sagen. Bis auf das Magazin verantwortet er dort alles: die Website, die Fernsehkanäle, den Radiosender. Wer nach Triebabfuhr sucht, hat beste Chancen, bei einem von Thylmanns Angeboten zu landen.

Obwohl in der Pornoindustrie bizarre Werdegänge keine Seltenheit sind, haftet dem raketenhaften Aufstieg Thylmanns etwas Fantastisches, fast Irreales an. Am deutlichsten wird das, wenn man ihn zu Hause besucht. Aus der kleinen Aache­ner Wohnung der frühen Jahre ist ein 19.000 Quadratmeter großes Grundstück in der Nähe von Brüssel geworden. Gereist wird nicht mehr im Mittelklassewagen, sondern im Privatjet.

So gar nicht pornös

An keinem anderen lässt sich der Strukturwandel der Branche so gut ab­lesen wie an Thylmann. Dem leicht fülligen Unternehmer, der mit seinem Schlabberlook und den löchrigen Socken so gar nicht pornös wirkt. Allein den Makel des Halblegalen, der die Pornoindustrie seit Jahrzehnten umgibt, konnte auch Thylmann nie wirklich abstreifen.

Am 4. Dezember nimmt ihn die belgische Polizei zu Hause fest: Verdacht auf Steuerhinterziehung. Der Haftbefehl kommt von der Kölner Staatsanwaltschaft, noch im Dezember wird er nach Deutschland ausgeliefert. Am 21. Dezember wird Thylmann gegen Kaution freigelassen. Die beläuft sich immerhin auf einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag. "Manchmal ist das alles schwer zu fassen", sagt er noch wenige Wochen vor seiner Verhaftung, als er über seinen Aufstieg nachsinnt. Es dürfte ihm jetzt nicht leichter fallen.

Schweinkram bleibt Schweinkram

Begonnen hat diese Karriere, da ist er 17 Jahre alt. Thylmann sucht im Internet das, was man in diesem Alter eben im Internet sucht. Damals, Mitte der 90er-Jahre, Amazon ist noch ein defizitäres Start-up, Google existiert noch nicht, ist das Angebot im Web überschaubar. Pornografische Inhalte sind weitgehend hinter Bezahlschranken weggesperrt. Frei verfügbare Sexvideos, die länger sind als ein paar Sekunden, gibt es kaum.

Wem die offen zugänglichen Bilder­galerien nicht reichen und wer sich ein bisschen zu helfen weiß, der findet trotzdem Wege, sich sattzusehen. In mehr oder weniger verborgenen Chatrooms treffen sich Gleichgesinnte und tauschen Dateien aus, Links und - viel wichtiger - Passwörter für Sexseiten. Thylmann hält sich oft in solchen Räumen auf, dort lernt er seine ersten Arbeitgeber kennen. "Das waren sehr junge Leute, die gerade angefangen hatten, online Sachen zu verkaufen." Sachen heißt Pornos. Aus den Chats wissen sie, dass Thylmann programmieren kann, so einen können sie gebrauchen. Also fragen sie ihn, ob er für sie arbeiten will. Er sagt Ja. Es schmeichelt ihm, dass seine Fähigkeiten geschätzt werden.

Der Mutter gefällt natürlich nicht, was er da macht. Schweinkram bleibt Schweinkram, auch wenn der Sohn damit Geld verdient. "Ich programmiere doch nur", beruhigt er sie. "Mit den Inhalten habe ich nichts zu tun." Schließlich gibt sie sich damit zufrieden.

"Ich bin ein Geek"

Die Schule langweilt ihn, außer in Mathe und Physik bringt er schlechte Noten nach Hause. Bei Lehrern wie Schülern eckt er mit seiner direkten Art an. "Fabian hatte nie viele Freunde", sagt eine Mitschülerin, die einst neben ihm saß. Beide gehen in Brüssel auf die Interna­tionale Deutsche Schule, ihre Eltern sind Expats. Jahre später trifft sie den Eigenbrötler aus der Informatik-AG durch Zufall wieder, inzwischen ist sie seine Frau.

"Meinen ersten PC hatte ich mit 14", sagt Thylmann, einen 286er mit 6-MB-Festplatte, das weiß er noch genau. Mit 15 kann er die beiden Programmiersprachen Pascal und Basic. Leute, die ihn damals kennengelernt haben, beschreiben ihn als scheu und verschlossen. "Thylmann hockte vor dem Rechner und sagte selten mehr als Hallo, wenn man vorbeikam", erinnert sich einer.

"Ich bin ein Geek", sagt Thylmann selbst. Für sein Verständnis vom Geschäft ist das fundamental. In erster Linie ist es für ihn eines von binären Zahlen, keines von nackten Schenkeln.

Thylmann hätte sich keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können für seine ersten Gehversuche. In dem Maße, in dem das Internet sich als Massenmedium durchsetzt, steigt auch die Nachfrage nach pornografischen Inhalten - und entsprechend das Angebot. Nach den 70ern, dem "Golden Age of Porn", beginnt für die Branche eine zweite Boomphase, beinahe täglich poppen neue Websites auf.

Übernommen aus Capital Online

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