Handy-Telefonate im Ausland sind sehr teuer. Die EU-Kommissarin für Telekommunikation will die Mobilfunkbetreiber zwingen, ihre Gebühren zu senken. Im stern.de-Interview spricht Viviane Reding über Lobbyisten, Gewinnmargen - und Fanpost.

EU-Kommissarin Reding legt sich mit den Mobilfunkfirmen an© Sari Gustafsson/Reuters
Das ging vom EU-Parlament aus, immer wieder forderten Abgeordnete: "Wann endlich schaffen Sie die überhöhten Roaming-Rechnungen aus der Welt?" Da fragte ich meine drei Jungs; die sind zwischen 16 und 23 Jahre alt, haben alle Handys, und ein kleines "Hearing" mit ihnen und ihren Freunden ergab: "Die Parlamentarier haben recht." Meine Experten nahmen die Sache dann in die Hand und errechneten, dass die Endverbraucherpreise oft fünfmal höher sind als die realen Kosten der Anbieter. Margen bis zu 500 Prozent, das ist in der Marktwirtschaft vollkommen unüblich.
Zirka 5 Milliarden Euro. Doch ich will nicht alle Betreiber über einen Kamm scheren; nur die vollkommen überteuerten Anbieter, deren Methoden mitunter fast schon an Abzocke grenzen, werden empfindliche Einbußen hinnehmen müssen. Zugute kommt das dann nicht nur den Urlaubern im EU-Ausland, sondern vor allem auch Geschäftsleuten und Firmen, die grenzüberschreitend arbeiten. Ein Betrieb, der sowohl in Kalifornien als auch in New York operiert, muss keinerlei Roaming-Kosten tragen, wohl aber - und das ist eine echte Wettbewerbsverzerrung - bisher sein europäischer Konkurrent, der in Berlin oder Paris sitzt und in Luxemburg oder Wien eine Filiale hat.
Ich denke schon; vor allem wird sie davon profitieren, das bisher im Ausland eher vorsichtige Kunden bei preiswerteren Tarifen eher mal zum Hörer greifen oder sich von zu Hause aus öfters anrufen lassen. Verdient wird in der Branche auch in Zukunft, allerdings mit normalen marktwirtschaftlichen Margen. Wegfallen wird diese nicht mehr zeitgerechte überteuerte "Zoll-Erheberei", die das Roaming ja in Wahrheit ist.
Es gab selten hier in Brüssel solch einen Auflauf der Lobbyisten wie bei der Roaming-Diskussion in den letzten Monaten; hätte die Branche ihre Anstrengungen auf neue Business-Pläne konzentriert, wäre sie besser gefahren.
Sicher wurde das Thema bei uns kontrovers diskutiert, und es gab unterschiedliche Meinungen - das ist durchaus normal. Doch nach viertägigen Verhandlungen und vielen Einzelgesprächen, die ich mit meinen Kollegen geführt habe, kam ein gemeinsamer Beschluss zustande, und der liegt nun auf dem Tisch.
Nein, ich hatte im Vorfeld sondiert und wusste, dass mein Vorschlag gut ankommen würde. Fast täglich schicken mir Leute als Beweis ihrer Unterstützung Briefe mit ihren hohen Handy-Rechnungen – gerade heute schrieb ein Mann, auf den Roaming-Kosten in Höhe von 1190 Euro nach einem Zypern-Urlaub zukamen. Voriges Wochenende wollten mir junge Leute zuhause in Luxemburg vor einem Zeitungskiosk sogar ein Bier ausgeben - als Dank für die bevorstehende Gebühren-Senkung.
Wahrscheinlich zum nächsten Sommerurlaub, vielleicht wird es auch 2007 ein Weihnachtsgeschenk. Nun müssen sowohl die nationalen Regierungen als auch das EU-Parlament erst mal ihre Zustimmung geben. Ich kann nur hoffen, dass sich nicht zu viele Bremser durch die intensive Lobby-Tätigkeit der Mobilfunk-Konzerne beeinflussen lassen. Womöglich geht alles aber auch schneller als wir im Moment denken - dann nämlich, wenn kluge Betreiber vorpreschen und mit günstigen Angeboten neue Kunden gewinnen. Ein Unternehmen wirbt bereits mit dem Slogan: "Unser Angebot ist besser als das der EU".
Kurzporträt Viviane Reding Viviane Reding, 55, wurde in in Esch-sur-Alzette in Luxemburg geboren. Bevor sie 1979 in die Politik ging (für die christdemokratische Partei Luxemburgs), arbeitete Reding als Journalistin für das "Luxemburger Wort".
Von 1989 bis 1999 war sie Mitglied des Europäischen Parlaments, bis sie im September 1999 Mitglied der Europäischen Kommission von Prodi wurde, zuständig für Bildung, Kultur, Jugend, Medien und Sport. In der aktuellen EU-Kommission ist Reding Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien.
Viviane Reding ist verheiratet und hat drei Kinder.