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Interview

"Wir in Europa leisten uns ziemlich hohe Grenzwerte"

Annette Peters vom Helmholtz Zentrum München erforscht, wie Luftschadstoffe die Gesundheit gefährden. Sie sprach als Sachverständige vor dem Diesel-Untersuchungsausschuss und warnt: Die geltenden Luftreinhaltewerte sind zu lasch, um Menschen in Ballungsräumen wirksam zu schützen.

Stickstoffdioxid und Feinstaub: Gesundheitsgefahr aus dem Auspuff

Stickstoffdioxid und Feinstaub: Gesundheitsgefahr aus dem Auspuff

Frau Peters, können Sie der Diesel-Affäre auch irgendetwas Positives abgewinnen? Immerhin wird nun ernsthafter diskutiert, was gegen Luftverschmutzung in den Städten getan werden muss.

Das stimmt, aber als Wissenschaftlerin war es für mich ein Schock zu erfahren, wie häufig selbst neue die Abgasnormen nicht einhalten, in welchem Ausmaß da manipuliert wurde. Ich persönlich habe das als Rückschlag empfunden.

Als Rückschlag für Ihre Forschung?

Als Rückschlag für die Luftqualität: Wenn wir Gesundheitsrisiken von Schadstoffen untersuchen, legen Politiker auf dieser Basis fest, um die Menschen vor eben diesen Schadstoffen zu schützen. Aber mit der Diesel-Affäre wurde klar, dass die Fortschritte, die wir uns bei der Luftreinhaltung erhofft hatten, nun erst Jahre später eintreten werden.

Sie sind im aufgewachsen und erlebten dort Mitte der 80er Jahre den letzten großen Smogalarm. Erforschen Sie deshalb heute, wie uns Luftbelastung krank macht?

Der Januar 1985 mit einer riesigen Inversionswetterlage über war eine Ausnahmesituation: Ich hatte damals in Essen ein Seminar, und wir Studenten kamen nicht mehr nach Hause, weil der komplette Verkehr stillgelegt war. Aber es stimmt, das Thema schmutzige Luft begleitet mich tatsächlich von klein auf.

Inzwischen sind Smogalarm und graugelbe Schleier über der Stadt Geschichte. Die Luftverschmutzung erscheint auf den ersten Blick nicht mehr so dramatisch.

Annette Peters erforscht am Helmholtz Zentrum München, wie Luftschadstoffe auf die Gesundheit wirken

Prof. Dr. Annette Peters leitet das Institut für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München. Im Rahmen der europäischen ESCAPE-Studie erforscht sie, wie Luftschadstoffe das Risiko für zahlreiche Krankheiten erhöhen

Aber man kann sie immer noch am eigenen Körper spüren. Ich musste vor ein paar Jahren für ein Projekt nach Rom und war dort mit meinem Gepäck zu Fuß unterwegs. Die schlechte Luft schlug mir auf die Atmung und ich kam außer Puste, obwohl ich mich kaum angestrengt hatte und sonst regelmäßig Sport treibe.

Hier in München kann man den Ruß im Winter riechen oder sogar schmecken, gerade bei Inversionswetterlagen, wenn die Luft steht. Man kann sehen, wie sich der Schnee braun verfärbt: Das ist nicht einfach aufgewirbelter Boden – das ist Feinstaub. Wer empfindliche Atemwege hat, merkt, wie sich die Bronchien zusammenziehen, wie man schlechter atmen kann.

Wie gefährlich ist es, Tag für Tag solchen Abgasen ausgesetzt zu sein?

Wer an einer stark befahrenen Straße wohnt, hat auf lange Sicht ein erhöhtes Risiko für Lungenerkrankungen, Herzrhythmusstörungen oder Infarkte. Beobachtungsstudien zeigen, dass diese Anwohner im Schnitt auch früher sterben. Stickoxide aus Dieselfahrzeugen haben daran einen Anteil, aber insbesondere auch Feinstaub und Ozon.

Wer ist besonders gefährdet?

Die Schwächsten trifft es am härtesten: Asthmatiker oder auch Kinder, deren Lungen noch wachsen, aber vielleicht nie ihre volle Funktion erreichen, wenn sie täglich Schadstoffe inhalieren. Bei älteren Menschen mit Vorstufen von Diabetes oder mit Herzproblemen kann sich die Krankheit verschlechtern. Wir haben im Rahmen einer Studie in Boston über Jahre Patienten mit Herzrhythmusstörungen begleitet, die einen implantierten Defibrillator trugen. Bei hohen Schadstoffwerten mussten mehr von ihnen in ärztliche Behandlung.

Das klingt alles dramatisch. Was soll denn nun eine Familie mit kleinen Kindern machen, die an einer sechsspurigen Straße wohnt und nicht einfach wegziehen kann?

Man kann nach hinten raus lüften oder außerhalb des Berufsverkehrs. Eine Klimaanlage filtert zumindest einen Teil des Drecks heraus. Aber das ist alles nicht effektiv, denn Feinstaub dringt auch durch geschlossene Fenster.

Wie bitte?

Dieser Staub kriecht durch kleinste Ritzen und Poren. Den Großteil der täglichen Feinstaubdosis atmen wir in Innenräumen ein, einfach weil wir uns da die meiste Zeit aufhalten.

Kann man sich wenigstens sicher fühlen, wenn man in ruhigen Seitenstraßen oder am Stadtrand wohnt?

Die höchsten Konzentrationen treten im Abstand von 50 Metern zu stark befahrenen Straßen auf. Aber Luftverschmutzung betrifft im Prinzip alle, die in Ballungsräumen leben, nicht nur die an der Hauptstraße. Es geht allein in Deutschland um die Gesundheit von Millionen Menschen. Selbst die Pendler mit Häuschen im Grünen stehen ja zweimal täglich im Stau und atmen alles ein, was die Autoklimaanlage nicht herausfiltert.

Wie ungesund ist es denn, täglich mit dem Fahrrad durch den Berufsverkehr zu fahren?

Dazu gibt es gute Daten aus den Niederlanden: Fährt man die gleiche Strecke mit dem Auto oder dem Rad, ist die Lungenfunktion bei Autofahrern schlechter. Der Trainingseffekt des Radfahrens überwiegt anscheinend den Negativeffekt der Luftbelastung um ein Mehrfaches. Aber in sauberer Luft unterwegs zu sein, wäre natürlich noch besser.

Sollte man in der Stadt überhaupt laufen gehen?

Wer in der Stadt joggen will, läuft am besten erst in einiger Entfernung von der Hauptstraße los. Und wenn die Luftbelastung aufgrund des Wetters besonders hoch ist, etwa bei Windstille im Winter sollte man auf körperliche Anstrengung verzichten.

Ansonsten hilft es, sich gesund zu ernähren: Eine Studie in Mexico City hat gezeigt, dass sich Lungenfunktion und Entzündungsmarker im Blut von Kindern verbesserten, wenn sie viel Obst und Gemüse aßen. Das Gleiche konnten Studien auch für fetten Fisch mit Omega-3-Fettsäuren zeigen. Die Substanzen scheinen den chemischen Stress zu mildern, den Schadstoffe auf unsere Zellen ausüben.

Klingt das nicht etwas zynisch – Kinder bekommen Orangen, müssen aber weiter die Abgase aus dem Autoverkehr einatmen?

Es ist leider so, dass die Betroffenen selbst nur wenig tun können. Die Lösung kann nur sein, dass die Luft für alle sauberer wird.

Im Moment werden in vielen Städten die Grenzwerte für Stickoxide überschritten. Wären wir auf der sicheren Seite, wenn sie eingehalten würden?

Das bezweifle ich. Aus gesundheitlicher Sicht sind die Grenzwerte deutlich zu hoch. In Europa liegt der erlaubte Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Doch die Weltgesundheitsorganisation überarbeitet gerade ihre Empfehlungen, weil neuere Daten zeigen, dass die Sterblichkeit bereits weit unterhalb dieses Wertes ansteigt. Viele rechnen damit, dass der EU-Grenzwert in den nächsten Jahren gesenkt wird.

Im Schlussbericht des Abgas-Untersuchungsausschusses steht sinngemäß, es sei gar nicht erwiesen, dass Stickstoffdioxid wirklich die Ursache für zusätzliche Todesfälle sei.

Diese Aussage entspricht nicht der Datenlage: Wir sehen in Beobachtungsstudien aus aller Welt, dass bei steigender Stickoxid-Belastung Krankheits- und auch Todesfälle zunehmen. Gleichzeitig sind viele Effekte von Stickstoffdioxid auf die Atmung in experimentellen Studien gut erforscht. Und die Studienergebnisse weisen so konsistent in dieselbe Richtung, dass man Stickoxide als Gesundheitsrisiko sehr ernst nehmen muss. Feinstaub übrigens noch mehr.

Wieso Feinstaub? Laut Umweltbundesamt werden da die Grenzwerte schon seit Jahren kaum noch überschritten.

Der Feinstaub ist leider ziemlich aus der Debatte gerutscht, weil nun alle über Dieselautos und Stickoxide reden: Wir glauben, das Problem sei gelöst, wenn die Grenzwerte eingehalten werden. Mir macht Feinstaub aber zurzeit die größten Sorgen, weil die Grenzwerte viel zu hoch sind.

Wie können Sie da so sicher sein?

Nehmen wir die Staubpartikel, die als PM2,5 bezeichnet werden, extrem kleine Teilchen mit höchstens 2,5 Mikrometern Durchmesser. Sie dringen besonders tief in die Lunge ein. Für PM2,5 ist in Europa ein Jahresmittelwert von maximal 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft erlaubt.

Negativeffekte lassen sich aber schon weit unterhalb dieser Schwelle nachweisen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt seit 2005 höchstens zehn Mikrogramm pro Kubikmeter. Und sogar das scheint zu hoch, wie eine neue Beobachtungsstudie aus den USA zeigt: Selbst unterhalb der WHO-Empfehlung nimmt die Sterblichkeit mit der Dosis zu. Wahrscheinlich gibt es weder für Stickoxide noch für Feinstaub überhaupt einen "sicheren" Schwellenwert. Und wir in Europa leisten uns weiterhin ziemlich hohe Grenzwerte.

Die Europäische Umweltagentur schätzt, dass in Europa durch Luftverschmutzung jedes Jahr mehr als 500.000 Menschen vorzeitig sterben – die meisten davon durch Feinstaub. Kaum ein Epidemiologe stellt infrage, dass Luftschadstoffe krank machen. Warum kommt die Politik beim Thema Autoverkehr nicht voran?

Die Widerstände sind immens, egal ob es um Schadstoffwerte oder Umweltzonen geht. Die Grenzwerte in der EU gelten seit 1999 und wurden nie wirklich überarbeitet. Sie reflektieren einen veralteten Wissensstand und waren vermutlich schon damals zu hoch, etwa bei Feinstaub: Man hat den Grenzwert für feinere PM2,5-Partikel einfach an den Wert für gröberen Staub angelehnt, obwohl bereits Daten vorlagen, dass PM2,5- Teilchen tiefer in die Lunge eindringen und ein größeres Gesundheitsrisiko darstellen. Wir alle leben heute immer noch mit dem Ergebnis des politischen Prozesses von vor fast 20 Jahren.

In stark betroffenen Städten wie Stuttgart oder München werden nun strengere Umweltzonen oder Fahrverbote für Dieselautos diskutiert. Wie viel bringt das?

Wir haben selbst die Effekte von Umweltzonen in München, Berlin und Augsburg untersucht und sehen, dass dort die Werte für Feinstaub und Rußpartikel abgenommen haben – um etwa zehn Prozent. Das ist mehr als es klingt, weil sich Feinstaub in der Stadt verteilt und so jeder Effekt schnell "verdünnt" wird. In Berlin kann man beobachten, dass von einer Umweltzone die ganze Stadt und das Umland profitieren, weil viele Leute auf saubere Autos oder andere Verkehrsmittel umsteigen.

Fahren Sie selbst einen Diesel?

Ich hatte lange Zeit gar kein Auto und habe mir ab und zu eins von Freunden geliehen, auch mal einen Diesel. Heute besitze ich einen sparsamen Benziner. Aber ich lebe mitten in München und fahre daher so oft es geht mit dem Rad ins Institut.


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