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10. Juli 2006, 13:03 Uhr

Schlankmacher mit positiven Nebenwirkungen

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Eine neue Schlankheitspille soll nicht nur abspecken helfen, sondern auch vor Herzerkrankungen schützen. Im September kommt das Mittel auf den Markt.

Übergewichtige Kinder: Mit Rimonabant speckten die Probanden vor allem an Bauch und Taille ab© Shakh Aivazov/AP

Das neue Medikament Acomplia soll zum Abnehmen dienen und dabei zusätzlich das Risiko für Herzerkrankungen senken. Zugelassen ist das Mittel für die Behandlung von Fettleibigen ab einem Körper-Masse-Index (BMI) von 30 sowie für Übergewichtige mit einem BMI über 27, die wegen Diabetes oder hohen Blutfettwerten ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Damit käme das Präparat, das voraussichtlich ab September erhältlich ist, für mindestens 15 Millionen Bundesbürger in Frage, schätzt der Ernährungsmediziner Professor Hans Hauner von der Technischen Universität München.

Was Acomplia von früheren Schlankmachern unterscheidet, ist vor allem der Wirkmechanismus. Der Wirkstoff Rimonabant ist das erste Mittel einer Medikamentenklasse, die auf das Endocannabinoid-System einwirkt und den Rezeptor CB1 blockiert. CB1 spielt unter anderem bei der Regulierung von Hunger und Stoffwechsel eine wichtige Rolle. Stimuliert wird der Rezeptor etwa durch Cannabis-Produkte, was den nach Haschisch-Konsum oft auftretenden Heißhunger erklärt.

Schlank an Bauch und Taille

Dass Rimonabant tatsächlich zum Abnehmen taugt, belegen die so genannten RIO-Studien (Rimonabant in Obesity) an weltweit über 6600 Patienten. Im europäischen RIO-Teil nahmen mehr als 1500 übergewichtige Patienten zusätzlich zu Diät und Körperübungen entweder jeden Tag Rimonabant oder aber ein Scheinpräparat ein. Nach einem Jahr hatten die Teilnehmer, die das Medikament bekamen, durchschnittlich 8,6 Kilogramm verloren und ihren Taillenumfang um 8,5 Zentimeter verringert. Die Menschen aus der Placebo-Gruppe nahmen dagegen nur 3,8 Kilogramm ab, ihr Taillenumfang schrumpfte um 4,5 Zentimeter.

Zudem bemerkten die Forscher, dass die Menschen aus der Rimonabant-Gruppe vor allem an Bauch und Taille abspeckten. Gerade die Fettzellen des Bauchgewebes sind Untersuchungen zufolge besonders stoffwechselaktiv: Sie produzieren Hormone und Botenstoffe, die zu Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten sowie Stoffwechselstörungen wie Diabetes Typ 2 beitragen. Rimonabant erhöhte denn auch den Blutwert des "guten" HDL-Cholesterins, verringerte den der schädlichen Triglyceride und verbesserte die Insulinresistenz.

Dieses Phänomen will sich der Hersteller Sanofi-Aventis zu Nutze machen: Denn an den Kosten für Schlankmacher wie etwa Orlistat oder Sibutramin beteiligen sich die gesetzlichen Kassen nicht, an Mitteln, die vor Herzerkrankungen schützen können, dagegen womöglich eher. In Großbritannien kostet die Monatspackung Acomplia 55 Pfund (80 Euro). Ohne Zuschuss der Kassen dürfte ein solcher Preis für eine langfristige Therapie viele Patienten abschrecken.

Labormäuse starben ungewöhnlich früh

In den RIO-Studien wurde Acomplia generell als gut verträglich bewertet, an Nebenwirkungen traten vor allem Übelkeit, Durchfall oder Schwindel auf. Grundlegende Zweifel an der Sicherheit des Präparates wecken allerdings die Untersuchungen des Neurobiologen Professor Andreas Zimmer von der Universität Bonn. Demnach erfüllt CB1 etliche wichtige Funktionen, unter anderem für Lernen und Gedächtnis oder zum Dämpfen erregter Nervenzellen.

Speziell gezüchtete Mäuse, denen der Rezeptor CB1 fehlt, sterben häufig ungewöhnlich früh. Während bei normalen Mäusen höchstens fünf Prozent die ersten sechs Lebensmonate nicht überleben, lag die Mortalität bei den veränderten Tieren laut Zimmer bei etwa 30 Prozent. Viele dieser Mäuse starben vermutlich an epileptischen Anfällen, wofür der Experte das Fehlen der dämpfenden Wirkung von CB1 auf die Nervenzellen verantwortlich macht. Aber auch die überlebenden Tiere zeigten Auffälligkeiten: Zwar hatten die jungen Mäuse ohne den Rezeptor anfangs ein wesentlich besseres Gedächtnis als ihre Artgenossen. Sie verloren aber schon nach wenigen Monaten verstärkt Nervenzellen und wurden debil.

Unklar ist allerdings, inwieweit diese Ergebnisse aus Tierstudien für den Menschen gelten. "Das zu beurteilen ist ganz schwierig", sagt Zimmer. Sanofi-Aventis-Sprecherin Miriam Henn betont, man könne Resultate von Mäusen, denen der Rezeptor komplett fehlt, nicht auf Menschen übertragen, bei denen CB1 herabreguliert wird. Studien zum Einfluss von Rimonabant auf Kurz- und Langzeitgedächtnis hätten keinen Hinweis für Auffälligkeiten geliefert. Auch Hauner sieht einen prinzipiellen Unterschied zwischen den Mäusen und Menschen, bei denen ein Medikament auf den Rezeptor einwirkt. Antwort auf die Zweifel an der langfristigen Sicherheit des Präparates aber werden letztlich erst die Erfahrungen in der breiten Anwendung geben. "Man muss aufpassen", sagt Hauner. "Eine Restunsicherheit bleibt."

Walter Willems/AP
 
 
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