Mit aller Kraft versuchen wir, unser Leben zu optimieren - und machen uns mit unserem Streben nach Perfektion erst recht Druck. Alles läuft leichter, wenn wir uns mit der eigenen Unvollkommenheit anfreunden.

Born to perform: Wer alles immer perfekt machen will, verlangt zuviel von sich© Dean Treml/Red Bull Photofiles via Getty Images
Auf den ersten Blick sieht er harmlos aus. Ein Jedermann mit bravem Sakko und gebügeltem Hemd in Eierschale. Einer, der wie so viele andere versucht, sich mit dunklem Brillengestell ein wenig Akzent zu verleihen. Doch wenn er loslegt, gibt es kein Halten mehr. Vergangene Stationen seines Lebens: im Sekundentakt. Gegenwärtige Pläne: im Zehntelsekundentakt. Künftige Ideen: im Millisekundentakt.
Marcel Matt, Jurist im Referendariat, BWL-Student, Pressesprecher beim Technischen Hilfswerk in Kiel, Gründer diverser Start-ups, CDU-Freizeitpolitiker, liebender Freund, engagierter Sohn und verlässlicher Kumpel - Marcel Matt, dieser freundliche 28-Jährige ist: die personifizierte Höchstleistung. "Ich will immer mein Bestes geben", sagt er. Und: "Ich fühle mich eben wohl, wenn ich etwas leiste." Und: "Man muss nach Perfektion streben, sonst kommt man nicht weit." Früher, mit Anfang 20, wollte er Topmanager oder Außenminister werden - egal, Hauptsache wohlhabend und mächtig. Heute geht sein Perfektionismus noch ein Stück weiter. Heute will er nicht weniger als: "Gutes vollbringen".
Marcel Matt möchte ganz zeitgemäß ein ökologisches und soziales Unternehmerleben führen, mit Wohlstand und Spaß, aber gutem Gewissen. Auf dem Weg dorthin sollte jedes Seminar an der Uni zumindest den Lebenslauf optimieren, jeder neue Kontakt für das soziale Netzwerk nützlich sein, jede Zugfahrt mit horizonterweiternder Lektüre genutzt werden. Und wenn Matt doch mal einen schnöden Krimi liest, dann nur, "weil es wichtig ist, sich auch mal zu erholen".
In diesem brennenden Ehrgeiz, sein Leben perfekt zu meistern, haftet Marcel Matt etwas fast schon Irres an. Doch zugleich, und das lässt in manchen Momenten des Gesprächs erschaudern, ist er ein ganz normales Kind unserer Zeit. Eines, das die Slogans der Leistungsgesellschaft tatsächlich lebt. Leistung aus Leidenschaft. Born to perform. Sind wir nicht alle ein bisschen Marcel Matt?
Egal ob in Job, Familie oder Freizeit - der ordentliche Deutsche im Jahr 2010 kontrolliert, perfektioniert und optimiert jeden Winkel seines Seins. Er redet nicht, er kommuniziert. Er lädt nicht zu Spaghetti ein, er veranstaltet das perfekte Dinner. Und sollte er tatsächlich erzählen, er habe am Abend einfach so abgehangen, dann hat er sein Leben nicht im Griff. Im Jahr 2010 hängt niemand einfach so ab. Man schafft sich Raum für die innere Balance - und die ist bekanntlich unerlässlich für Energie und Leistung im Job.
Wir sind zu Profis in jeder Lebenslage geworden. Formen das Leben als Gesamtkunstwerk. Alles zugleich. Alles komplett. Alles perfekt? Nein. Wir werden irre daran.
Vier von fünf Deutschen klagen über zu viel Stress. Jeder Sechste unter 60 schluckt mindestens einmal pro Woche eine Pille für die Seele - gegen Depression, gegen Schlaflosigkeit oder für ein bisschen mehr Antrieb im anstrengenden Alltag. Die Deutschen, wohlhabender, freier und sicherer als die meisten anderen Völkchen der Erde, sie leiden an ihren Ängsten inmitten eines sehr komfortablen Lebens. Sie fürchten sich vor Konkurrenz, vor Fehlern, vor Abstieg.
Übernommen aus ...
GesundLeben
Ausgabe 03/2010
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