Einfach aufhören!

1. Januar 2012, 08:01 Uhr

Im neuen Jahr sind Zigaretten mal wieder teurer geworden. stern.de-Autor Björn Erichsen hat einen guten Tipp, wie Sie der Preiserhöhung entgehen können.

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Schluss mit dem Unsinn! Zum Jahreswechsel wollen sich besonders viele Menschen, das Rauchen abgewöhnen©

Pünktlich zum Jahreswechsel sprießen sie wieder: die guten Vorsätze. Jene flüchtigen Jahresendzeitphänomene, durch die alles besser werden soll. Weniger Stress, bessere Ernährung, runter mit dem Pfunden, in so manchem Kopf wird zum Jahreswechsel schon der Marathon gelaufen. Und dann ist da ja noch die Sache mit dem Rauchen. Für Nikotinfreunde sind die Zeiten rauer geworden: Wegen all der Rauchverbote müssen sie immer öfter vor die Tür, jetzt gab's auch noch die nächste Preiserhöhung. Seit 1. Januar kosten 19 Zigaretten bei fast allen Marken mindestens fünf Euro. Wen wundert es da, dass Nichtmehrrauchen diesmal besonders weit oben steht auf der Liste der guten Vorsätze.

Tatsächlich ist die Rauchentwöhnung so etwas wie ein deutscher Volkssport. Jeder dritte Raucher hierzulande - etwa sieben Millionen Menschen - versucht sich mindestens einmal im Jahr, dieses Lasters zu entledigen. Erfolg haben die wenigsten: Gerade einmal jeder Fünfte schafft die ersten vier Wochen, nur jeder 20. kommt rauchfrei durch das erste Jahr. Als Faustregel gilt: Wer rückfällig geworden ist, probiert es so schnell nicht wieder. Zu quälend ist der Entzug, zu peinlich die Niederlage, denn der Spott der Raucherfreunde – die jedem bemühten Abstinenten qua Lungenzug misstrauen - kommt gewiss. Gemeinsam wird dann an der Legende gesponnen: Dass der Rauchstopp ja doch unmöglich ist, eigentlich braucht man es gar nicht erst zu versuchen.

Der Kick im Raucherhirn

Das stimmt natürlich nicht. Denn trotz der traurigen Statistik schaffen es mittel- bis langfristig doch die meisten, die sich darum bemühen. Ich selbst bin ein Beweis dafür. Im Mai 2006, mit Anfang 30, habe ich mir das Rauchen abgewöhnt. Und ich war wirklich ein ganz schöner Suchtknochen: Zwölf Jahre Intensivraucher, etwa 120.000 weggedampfte Zigaretten, der Gegenwert: rund 18.000 Euro. Über meinen Entzug habe ich hier bei stern.de Tagebuch geführt – habe über üble Schmachtattacken geschrieben, Alltagsversuchungen und meine kapitale Gewichtszunahme. Es war eine anstrengende Zeit. Es hat fast ein Jahr gedauert bis sie mich in Ruhe ließ - jene Sucht, die ich irgendwann Gollum taufte, weil sie mir genauso gierig erschien wie das Fabelwesen aus dem "Herrn der Ringe", das ständig flehte: "Gib mir meinen Schatz!"

Die Zigarettensucht ist deswegen so tückisch, weil sie gleich im Doppelpack daherkommt. Rauchen macht physisch und psychisch abhängig: Das Nikotin braucht nur wenige Sekunden nach dem Lungenzug, um für Partystimmung im Gehirn zu sorgen: Endorphin, Dopamin, Noradrenalin, rund ein Dutzend Glückshormone tanzen durch die Hirnwindungen und sorgt für jene Wirkung, die Raucher an ihrem Laster lieben: Die Zigarette beruhigt, regt an, killt Hungergefühl, macht Stress leichter erträglich. Klingt alles super - macht aber in hohem Maße abhängig. Und mit der Zeit wächst die Gier, denn die Nikotinrezeptoren im Hirn vervielfältigen sich schnell.

Wirklich hartnäckig wird das Ganze erst durch die Gewohnheit. Kippen zum Kaffee, im Auto, nach dem Essen, hinterher im Schlafzimmer. Wie sehr diese Ritualzigaretten denn Alltag bestimmen, bemerkt ein Raucher erst, wenn er sie mal weglässt. Körper und Geist treiben dabei ein perfides Doppelspiel. Der Glückskick im Hirn ist fest mit der Tätigkeit des Rauchens verbunden, sprich: Feuerzeug raus, Zigarette an - und schon gibt es ein Leckerli fürs Hirn. Wie bei Pawlows Hunden gräbt sich dieser Zusammenhang tief in das Gedächtnis ein. Bei einer Schachtel täglich macht so ein Raucherhirn im Jahr mehr als 7000 Mal die Erfahrung, dass es sich beim Rauchen um eine beglückende Tätigkeit handelt.

"Jetzt ist Schluss. Und zwar endgültig"

Man braucht einen echten Anstoß, um diesem Hamsterrad zu entkommen. Denn zu allererst gilt es, die eigene Angst zu überwinden. Es gibt da so ein dumpfes Stimmchen, irgendwo tief verborgen in einem Sumpfloch des Unterbewusstseins, das einem Raucher permanent souffliert: "Du kannst den Alltag, dein Leben insgesamt, nur dann bewältigen, wenn ab und an die Lunte brennt." Nur wer bereit ist, sich dieser Angst zu stellen, sie als den Humbug enttarnt, der sie nun mal ist, kommt überhaupt nur zu einer anderen Erkenntnis: Dass es einen himmelweiten Unterscheid gibt zwischen Wollen („Ich probiere es mal wieder") und Entschlossenheit: "Jetzt ist Schluss. Und zwar endgültig!"

Gollum, der Name für die Sucht passt auch deswegen, weil die Rauchentwöhnung mindestens so schizophren daherkommt wie der kleine aschgraue Kerl aus dem Buch von J.R.R. Tolkien. Die Akutphase war bei mir eine kleine Hölle: Unruhe, Nervosität, Schwitzen, kaum ein klarer Gedanke, Suchtattacken im Minutentakt. Mein Raucherhirn schmiedete im Alleingang Rückfallpläne, jedem Raucher auf der Straße gierte ich die Kippe aus der Hand. Mein persönlicher Tiefpunkt war, als ich eines Nachts in einem Marmeladenglas mit alten Zigaretten – eigentlich zur Abschreckung gedacht – herumwühlte, um zu schauen, ob sich darin noch etwas Rauchbares fände.

Doch da gibt es eben auch die andere Seite. Der Körper bedankt sich dafür, dass die tägliche Giftration nun wegbleibt: besser riechen, besser schmecken, tief durchatmen. Bei ehemals starken Rauchern erhöht sich die Lungenfunktion um bis zu 30 Prozent - das ist ein größerer Effekt als ihn Radrennfahrer mit illegalem Eigenblutdoping erreichen Vor allem aber wächst die Euphorie, der knackfrische Ex-Raucher klopft sich durchgehend auf die Schulter und redet praktisch über nicht anderes mehr. Ich weiß es aus eigener Erfahrung: Gespräche mit Gerade-Abstinenten sind schrecklich monoton.

Hypnose, Carr oder Kudzu-Wurzeln?

Bei der Rauchentwöhnung sollte man sich nicht zu schade sein, über Hilfsmittel nachzudenken. Manche versuchen es mit Akupunktur oder Hypnose, kauen auf asiatischen Kudzu-Wurzeln herum oder wollen sich rauchfrei klopfen mit Meridian-Energie-Techniken. Andere schwören auf Alan Carr, den Nichtraucherpapst, der vor einigen Jahren ausgerechnet an Lungenkrebs gestorben ist. Echte Härtefälle können sich beim Arzt die Raucherpille verschreiben lassen – sofern sie bereit sind, die Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen.

Statistisch gesehen sind Verhaltens- und Nikotinersatztherapie am erfolgreichsten. Der Besuch von Nichtraucherkursen wird finanziell von den meisten Krankenkassen unterstützt. Selbst zahlen muss man für Nikotinpflaster, -kaugummis oder -inhalatoren. Ich selbst war damals mit Pflastern unterwegs. Die Biester brennen manchmal fürchterlich auf der Haut, sind nicht gerade günstig und verlängern obendrein die Abhängigkeit nach dem Giftstoff. Allerdings: Ich bin ich mit ihnen rauchfrei durch die erste Zeit gekommen, und das ist das einzige, was zählt.

"Eine ist keine"

Ist der Ausnahmezustand vorbei, so etwa nach zwei bis vier Wochen, geht es "nur" noch darum, das Erreichte zu verwalten. Doch das hat so seine Tücken: Es fehlen die großen Schlachten, es lassen sich keine glorreichen Siege mehr einfahren, Normalität kann ja so langweilig sein. Das Gefühl der Kontrolle nährt die Selbstzufriedenheit: "Ich habe doch alles im Griff, da kann eine doch nicht schaden", flüstert Gollum dann plötzlich, obwohl er doch schon längst besiegt schien. Doch "Eine ist keine", ist ein fürchterlich dummes Sprüchlein und nur zu oft Prolog zur alten Gewohnheit. Richtig heißt der Satz nämlich: "Nichtraucher rauchen nicht."

Wirklich Entwarnung kann man erst viel später geben. Irgendwann kam bei mir der Punkt, als ich mich einfach nur noch fürchterlich dumm fühlte, dass ich mich so lange von der Sucht habe knechten lassen. Geradezu lächerlich erschien mir die Angst, die ich vorm Aufhören hatte. Ich habe gelernt: Die Sucht ist nur ein Scheinriese, so wie Herr Tur Tur aus der Augsburger Puppenkiste: Er wird immer kleiner, je näher man ihm auf die Pelle rückt. Letztendlich hat die Entscheidung auf Zigaretten zu verzichten mein Leben in vielen Bereichen verändert. Ich lebe gesünder und sportlicher und die zusätzlichen Pfunde aus der Anfangszeit sind schon lange wieder runter. Nun möchte ich niemanden erzählen, wie er zu leben hat – jedoch kann ich jedem Raucher mit gutem Gewissen raten, den Rauchstopp zu versuchen. Eines steht dann fest: Über so etwas Profanes wie Tabaksteuererhöhungen können Sie dann nur noch milde lächeln.

Auferstanden aus der Asche

Auferstanden aus der Asche Am 1. Mai 2006 hat sich Björn Erichsen die letzte seiner rund 120.000 Zigaretten angezündet und über den Entzug in einem Tagebuch auf stern.de berichtet. Suchtattacken, Wutausbrüche, Speck auf den Hüften, selbst die Liebe birgt bei der Rauchentwöhnung Gefahren.

Auferstanden aus der Asche Erschienen im Rowohlt-Verlag; 8,95 Euro
ISBN: 3499623315

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