Schwerpunkt der kommenden Frankfurter Buchmesse ist die arabische Literatur. Für den Exil-Schriftsteller Rafik Schami ein Grund zu zwiespältiger Freude. Ein Gespräch über Unterdrückung und kulturelle Ödnis in der arabischen Welt - und über die Schönheit der deutschen Sprache Von Arno Luik

Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren. 1971 floh er vor politischer Verfolgung aus Syrien nach Deutschland. Er studierte Chemie und promovierte 1979. Seit 1982 arbeitet Schami als freier Schriftsteller. Sein Werk wurde in 23 Sprachen übersetzt© Albrecht Fuchs
Wie bitte?
Ich hatte noch gar nicht mit Ihnen gerechnet, Sie sind überaus pünktlich und... ...das sind Vorurteile, die Sie gegen Araber haben. Ich bin kein Deutscher, ich bin ein deutscher Staatsbürger, ich lebe hier seit 33 Jahren. Aber ich habe mich schon in Syrien aufgeregt, wenn die Leute ihre Termine nicht einhalten konnten. Ich habe im Untergrund gelernt, pünktlich zu sein, Sekunden waren eine Frage von Leben und Tod.
Ja. Und er kommt nicht allein. Es ist furchtbar: Er kommt um sieben, bringt Freunde, Cousins, Tanten, Schwiegersöhne mit und erwartet, dass man alle mit Freuden bewirtet. Er hat keine Gewissensbisse.
Jein. Der Gast ist ein Heiliger, das stimmt. Aber wenn ich einen Termin nicht einhalte, verachte ich auch meine Mitmenschen. Und dieses Zuspätkommen, das in Arabien Sitte ist, ist ein feines, aber wichtiges Zeichen der Rückständigkeit, des Verfalls.
Die arabische Welt ist mental noch in der islamischen Zeitrechnung, und wir wurden in die christliche Zeitrechnung hineingestoßen. In Deutschland wartet der Zug keine Sekunde. Bei uns können sie jedoch winken, dann bleibt er stehen. Und diese christliche Zeit, die protestantische Ethik, von der Max Weber sprach, die die Menschen zum Spuren bringt, ist nötig für eine funktionierende Wirtschaft: Man muss sich auf Termine verlassen können. Und damit kommen wir nicht zurecht.
Natürlich hat diese Langsamkeit des Daseins einen Charme. Aber man kann sich nicht nur romantisch zurücklehnen. Für mich war in den ersten Jahren in Deutschland diese Pünktlichkeit ein Lebensqualitätsverlust. Kälte. Für das Gespräch, das wir hier nun innerhalb von zwei, drei Stunden führen, bräuchten wir in Syrien mindestens eine Woche. Ein Araber kennt die Schnelligkeit, mit der wir hier arbeiten, überhaupt nicht. Aber dieses konzentrierte, unter dem Diktat der Zeit stehende Arbeiten schafft auch Reichtümer. Ein Araber, der in der arabischen Welt mit dieser alles lähmenden Kultur bleibt, kann niemals Reichtümer erarbeiten - es sei denn er hat Erdöl geerbt.
Ja, die arabischen Staaten haben auf der Welt nichts zu melden. Sie haben kaum eine Anmeldung beim "Weltpatentamt"! Sie waren einmal die Wiege der Zivilisa- tion: Physik, Mathematik, Chemie, Philosophie - all diese Wissenschaften verdanken den Arabern unglaublich viel. Doch heute sind sie am Rande der Zivilisation; schlimmer, die westliche Zivilisation redet nicht mit ihnen, sie befiehlt, sie schubst sie herum, sie wirft Bomben. All das schafft im arabischen Bewusstsein ungeheure, wirklich gefährliche Minderwertigkeitskomplexe.
Und jetzt sagen Sie gleich, wie die indische Schriftstellerin Arundhati Roy: Der Westen ist an allem schuld, die CIA ist schuld, dass Düsternis über den arabischen Ländern liegt. Oh, nein! Arundhati Roy ist eine tapfere Frau, aber sie übertreibt manchmal, es gibt nicht nur Schwarz und Weiß auf der Welt. Es ist vielschichtig. Frustration und Groll auf den Westen befeuern in den arabischen Ländern einen infernalischen Zyklus der Gewalt. Das stimmt. Sie schaffen einen paranoiden Blick vieler Araber auf die Welt. Und das hat ja auch Gründe: Die CIA hat immer die reaktionärsten Kräfte unterstützt, sie gezüchtet, bewaffnet, finanziert. Den Schlächter Saddam Hussein, ein Killer der billigsten Art, gäbe es nicht ohne die USA; Rumsfeld, der sich nun als Saubermann aufspielt, hat ihm alles zugestanden. Bin Laden gäbe es nicht ohne die USA. Die CIA ist auch schuld, dass es keine demokratische Opposition mehr gibt. Die USA wollen das Öl, sonst nichts.