Ein Oscar für Christoph Waltz, kein Oscar für Michael Haneke und der historische Sieg der Kathryn Bigelow: Eine Preisverleihung, die mit Effizienz durchgeführt wurde, aber wenig Magie versprühte. Von Ulrike von Bülow

Fotoshooting mit Oscar: Christoph Waltz, ausgezeichnet als bester Nebendarsteller© Jason Merritt/Getty Images
Es war kurz vor 16 Uhr Ortszeit in Los Angeles, als Christoph Waltz seiner Krönung entgegen schritt. Waltz, schwarzer Smoking, grauer Vollbart, erschien vor dem Kodak-Theater, in dem an diesem Sonntag die 82. Oscar-Verleihung stattfinden sollte. Er lief über den roten Teppich, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Judith Holste, die ein schwarzes Kleid trug, Träger über Kreuz.
Die beiden waren ziemlich unauffällig unterwegs, hinter den Rücken der Superstars, die in irgendwelche Mikrophone sprachen. Wie Sandra Bullock, die in einer gülden schimmernden Robe da stand und sagte, dass sie "furchtbar pessimistisch" sei, was ihre erste Oscar-Nominierung betraf, Kategorie beste Hauptdarstellerin. Es dauerte gefühlte hundert Teppichmeter, bis die Reporter Christoph Waltz beiseite nahmen, "Christoph Whoaltz!", wie sie ihn riefen.
Nun ist der zwar kein Unbekannter mehr in Hollywood, denn Waltz gewann hier in den vergangenen Wochen einen Preis nach dem anderen - für seine Rolle des SS-Standartenführers Hans Landa in "Inglourious Basterds" von Quentin Tarantino. Eine Rolle, in der Waltz so brillant ist, dass er mit dem National Society of Film Critics Award und dem Screen Actors Guild Award ausgezeichnet wurde und natürlich mit dem Golden Globe, stets als bester Nebendarsteller. Jetzt war er für den Oscar nominiert, und es war keine Frage, dass er ihn gewinnen würde. Da waren sich die Experten so was von einig, dass die Reporter nur noch von ihm wissen wollten, wo er denn seine Dankesrede versteckt habe - in der Jackett-Tasche? Ach nein, sagte Waltz, "die ist in meinem Kopf".
Zwei klare Favoriten gab es bei dieser Oscar-Verleihung: Christoph Waltz und "Tödliches Kommando - The Hurt Locker", das herausragende Kriegsdrama von Regisseurin Kathryn Bigelow, das neun Mal vorgeschlagen war, und damit genauso viele Nominierungen hatte wie "Avatar", das nicht weniger herausragende 3D-Spektakel von James Cameron, dem Ex-Gatten Bigelows. Der liegt an den Kinokassen Lichtjahre vor ihr, da "Avatar" über zwei Milliarden Dollar eingespielt hat und "The Hurt Locker" höchstens ein Hundertstel davon. Bigelows Film aber, der sich um ein Team von Bombenentschärfern im Irak dreht, hat die Kritiker dermaßen nachhaltig beeindruckt, dass niemand daran zweifelte, wer an diesem Abend abräumen würde: sie. Aber wie sehr? Und was würde James Cameron dazu sagen? Und welch' schönes Thema für ein paar Späße war das?!
So begann denn auch die Verleihung: Die beiden Gastgeber Steve Martin und Alec Baldwin betraten die Bühne des Kodak-Theater und legten ein drolliges Entrée hin. "Ist das da der Regisseur von Avatar?", fragte Steve Martin und zeigte auf James Cameron. Baldwin nickte, dann zogen die Herren 3D-Brillen aus ihrer Hosentasche, diese Modelle aus den 80er Jahren, weiße Pappe, ein rotes, ein grünes Sichtfeld, und setzten sie auf. Großes Gelächter bei den Zuschauern, kleines Grinsen bei James Cameron. "Kathryn Bigelow hat James Cameron einen Geschenkkorb schicken lassen", sagte dann Alec Baldwin, "mit einem Zeitzünder daran." Großes Gelächter bei Bigelow, kleines Grinsen bei Cameron. "Sie bekam dafür einen Toyota." Dann war es Zeit für die erste Nicht-Überraschung.
Penelope Cruz, bildschön im trägerlosen, bordeauxroten Kleid, Señora Cruz, die das R immer so hübsch rollt, ehrte den "best supporrrting actorrrr", wie sie sagte, den besten Nebendarsteller - "Crrristoph Waaaltz!". Der atmete einmal tief ein, ließ sich von der Lebensgefährtin küssen, dann ging er auf die Bühne, ließ sich von Penelope Cruz herzen und griff sich seinen Preis. "Oscar und Penelope, das ist Über-Bingo!", sprach Waltz. Dann hielt er die Rede aus seinem Kopf und dankte den Mitschauspielern, den Produzenten, dem Regisseur, "Quentin, mit seiner unorthodoxen Art zu arbeiten!", sagte Waltz. Dann verließ die Bühne mit einem smarten Lächeln und mit Penelope Cruz, die sich bei ihm einhakte.
Es hätte noch weitere deutschsprachige Gewinner geben können an diesem Abend. Den österreichischen Regisseur Michael Haneke zum Beispiel, dessen "Das weiße Band" für zwei Oscars nominiert war: für den besten fremdsprachigen Film und die beste Kamera. Der unterlag aber in der ersten Kategorie "El Secreto de Sus Ojos" aus Argentinien und verlor in der zweiten gegen "Avatar". Und dann war da ja noch Sandra Bullock, Tochter einer deutschen Mutter und eines amerikanischen Vaters, die ihre ersten zwölf Lebensjahre in Nürnberg verbracht hat. Vor ein paar Wochen, als Bullock einen Golden Globe als beste Hauptdarstellerin gewann, grüßte sie bei ihrer Dankesrede noch ihre "german family", der sie dann auf Deutsch zuwarf: "Ihr geht jetzt ins Bett, Zähne putzen!"