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1. Oktober 2009, 17:34 Uhr

Die Filmwelt wird von der Realität eingeholt

Mit der Verhaftung Roman Polanskis wird die Filmwelt von einem lange verdrängten Thema eingeholt. Bislang hat sich niemand mit der Schuld des Regisseurs beschäftigen wollen. Man trennte zwischen Mensch und Werk. Wie lange geht das noch gut? Von Carsten Heidböhmer

Roman Polanski, Missbrauch, Filmwelt

Roman Polanski verlässt im September 1977 das Gericht von Santa Monica, Kalifornien© AP

Für manch einen ist der Fall ganz einfach: "Er wird nur deshalb verfolgt, weil er prominent ist", ereifert sich der deutsche Regisseur Volker Schlöndorff über die Verhaftung seines Kollegen Roman Polanski. Dass der Tatbestand des Kindesmissbrauchs in den USA nicht verjährt - und die Justiz folglich auch jeden anderen Bürger über einen so langen Zeitraum verfolgen würde - unterschlägt er. Schlöndorff ist mit seiner Empörung nicht allein: Ob Woody Allen, David Lynch, Wim Wenders, Pedro Almodóvar, David Lynch, Martin Scorsese oder Tom Tykwer - sie alle fordern die Freilassung Polanskis. Auch namhafte Schauspieler und Produzenten reihen sich willig in die Phalanx ein. Damit sind sie in eine moralische Falle getappt, die sie sich durch jahrzehntelange Gedankenlosigkeit selbst gestellt haben.

Denn in den vergangenen 32 Jahren haben sich in der Filmbranche nur wenige daran gestört, dass Roman Polanski ein von den USA gesuchter Straftäter ist, dem Kindesmissbrauch zur Last gelegt wird. Man hat den Regisseur auf internationalen Festivals hofiert, ihn mit Auszeichnungen überhäuft, mit ihm Filme gedreht - und mit der Verleihung des Regie-Oscars für "Der Pianist" nahm ihn die Academy of Motion Picture Arts and Sciences spätestens 2003 wieder in ihrem Schoß auf.

Trennung zwischen Mensch und Werk

Diese moralisch indifferente Haltung ging lange Zeit gut. Solange nämlich, wie die Filmwelt sämtliche moralische Fragen mit einem einfachen Trick beiseite wischen konnte - man zog eine klare Trennlinie zwischen dem Menschen Polanski und seinem Werk. Da das künstlerische Schaffen über jeden Zweifel erhaben war, verzichteten viele darauf, sich mit den privaten Abgründen Polanskis zu befassen. Eine Sichtweise, die noch tief im Geniekult des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts verwurzelt ist. Der Künstler ragte aus der Masse heraus und sollte sich in seiner freien Entfaltung nicht durch (kleinbürgerliche) Moralvorstellungen einschränken lassen. Auch wenn sich diese Ideologie im 21. Jahrhundert längst überholt hat - zumindest in der Filmwelt scheint diese Denkweise noch immer Bestand zu haben.

Dies spiegelt sich deutlich in Volker Schlöndorffs Stellungnahme wider: "Er ist allen Streng-Bürgerlichen ein Dorn im Auge, schon durch seine schiere Existenz", sagte der Regisseur im Deutschlandradio Kultur. Hier lebt die Vorstellung weiter, der Künstler stehe außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Aber muss er sich deswegen nicht an die Gesetze halten?

Auch für die Internationalen Filmfestspiele Berlin scheint nur die künstlerische Seite zu zählen. In einer Stellungnahme protestiert man "gegen die willkürliche Behandlung Roman Polanskis, einem der herausragenden Regisseure der Welt. Wir bekunden unseren tiefen Respekt für ihn und verlangen seine sofortige Freilassung." Die Respektbekundung dient hier offenbar ausschließlich dem Regisseur - und wischt beiseite, dass dieser Menschen ein 13-jähriges Mädchen missbraucht hat.

Es hätte der Beginn einer spannenden Debatte sein können

Diese Trennung war und ist bequem - sie ermöglicht es, die knifflige Diskussion um den Umgang mit einem gesetzlich gesuchten Straftäter beiseite zu schieben. Doch durch die Verhaftung Polanskis muss jedoch Stellung bezogen werden. Plötzlich ist der Künstler Polanski auch ein Mensch, der sich strafbar gemacht hat. Es hätte der Beginn einer spannenden Debatte sein können - über Schuld und Sühne, Sexualvergehen und nicht erfolgte Strafen, über Verbrechen und Vergebung. Es hätte viel Diskussionsstoff gegeben. Man hätte durchaus auch Entlastendes zugunsten des Angeklagten vorbringen können: Muss man die Tat nicht aus der Zeit heraus verstehen? Zudem hat Polanski hat in seinem Leben Schlimmes durchgemacht, was als strafmildernd gelten kann. Und nicht zuletzt gibt es gute Gründe, weshalb sich Polanski damals dem Prozess durch Flucht entzogen hat: Ein fairer Prozess war damals kaum möglich.

Doch anstatt differenzierte Debatten zu führen, nimmt man den Menschen und Künstler Polanski kollektiv in Schutz - und stilisiert ihn zum willkürlich Verfolgten. Man hängt sich an juristischen Detailfragen auf, kritisiert die Schweiz oder stellt gar den Rechtstaat der USA infrage. Der polnische Regisseur Krzysztof Zanussi geht gar soweit, das Missbrauchsopfer Samantha Geimer als "minderjährige Prostituierte" zu beschimpfen.

Hat die Filmwelt überhaupt eine andere Wahl, als sich bedingungslos mit Roman Polanski zu solidarisieren - nachdem man ihn lange Jahre geduldet hat? Günter Rohrbach, der Präsident der Deutschen Filmakademie, öffnet als einer der ganz wenigen den Raum zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung. In einer Stellungnahme stellte er die Frage: "Haben wir alle also Polanskis Tat seit Jahren verharmlost?" Die Frage ist gestellt - jetzt müssen sich nur Filmschaffenden finden, die den Mut aufbringen, eine Antwort zu suchen.

Von Carsten Heidböhmer
 
 
KOMMENTARE (10 von 19)
 
Mastergirl (03.10.2009, 10:36 Uhr)
Hollywood-Blender
Wenn man bedenkt, dass viele Hollywood-Künster selbst drogensüchtig und Alkoholiker sind, wird es auch verständlich, dass sie einen ihresgleichen verteidigen. Diese Hollywood-Kaste ist von ihren eigenen Süchten dermaßen verblendet, dass sie diesen Kinderschänder restlos idealisieren und auf ein Olymp stellen, wo er nicht hingehört!
Sanjoaquin (03.10.2009, 09:57 Uhr)
Wo waren sie denn, die ganzen Gutmenschen und
"Hängtihnhöherkräher" während der letzten 32 Jahre? Ist Herr Heidböhmer erst seit gestern Schreiber oder hätte er auch schon bei den Drehs an der Ostsee die Möglichkeit gehabt darauf hinzuweisen, dass da ein steckbrieflich gesuchter Kinderschänder durch die Dünen stakst? Vielleicht bei BILD: PÄDOPHILER IM SANDKASTEN oder so. Mir kommt das so vor, als ob plötzlich jeder Hinz und jeder Kunz sich bemüssigt fühlt Detektiv, Staatsanwalt, Richter und Henker gleichzeitig zu spielen. Der von einem Vorposter angesprochene Beitrag in der Süddeutschen erfasst das Problem in seinem Kern. Hatte die Schweiz das Recht Polanski zu verhaften und hat sie das Recht ihn an die USA auszuliefern. Hat sie bei Polanski nicht und hätte sie auch bei jedem Hinz und Kunz nicht.
DasBertl (03.10.2009, 08:25 Uhr)
@Preston
und ihre nette Idee mit dem Juden: Das ist mal völliger Unfug. Ob das jetzt ein Hindu, ein Moslem, ein Jude, ein Christ, ein Satanist, ein Faschist, ein Kommunist, ein Imperialist, ein Atheist oder sonst irgend ein Mist ist, spielt hierbei gar keine Rolle. Heuchelei wäre es übrigens, wenn die Deutschen sich WEGEN seiner Religion hinter ihm stellen würde, denn die hat eben nichts damit zu tun, ob die Vergewaltigung eines Kindes eine Straftat ist oder nicht!
DasBertl (03.10.2009, 08:00 Uhr)
Gutmensch
Jap, ich gestehe, ich bin einer dieser sogenannten "Gutmenschen". Und genau als solch einer FORDERE ich, dass dieser Mann vor ein ordentliches Gericht gestellt und ihm der Prozess gemacht wird. Verbrechen gegen Kinder sind IMMER unentschuldbar und verlange die härteste Hand des Gesetzes! Denn ein Kind ist eben HIlflos gegen einen Erwachsenen.
Den Kunstschaffenden die sich hinter Polanski stellen, kann ich nur raten, noch einmal darüber nachzudenken. Regiesseure können noch so gut sein, auch sie stehen a) nicht über dem Gesetz und b) sind es eben nicht automatisch gute Menschen, nur weil sie gute Regisseure sind. Ich finde es erschreckend, widerwärtig und abstoßend, wie die Hollywoodbande mit diesem Fall umgeht. Free Polanski? No! Imprison Hollywood!
DasBertl (03.10.2009, 07:56 Uhr)
@Preston
Ein Kind zu vergewaltigen ist eines der abscheulichsten Schwerverbrechen die ich mir vorstellen kann, gleich hinter Mord, Massenmord, Völkermord und Kindervergewaltigung mit anschließender Ermorderung des selbigen. Und es WAR eine Vergewaltigung (Kindesmissbrauch ist zwar in CA immer eine Vergewaltigung, aber hier liegt eben auch noch das unter Drogen und Alkohol setzen vor und die tatsache, dass das Mädchen sich, wenn auch nur leicht (aus Angst wie sie sagt) gewehrt hat.
DasBertl (03.10.2009, 07:53 Uhr)
@facilidad_de_ser
1. Herr Polanski hat zugegeben, das Mädchen (13 Jahre alt!) erst betrunken gemacht und ihr dann Drogen verabreicht zu haben. Wenn das nicht "mit Drogen gefügig machen" ist, was ist es dann? Das wäre im übrigen selbst bei einer Erwachsenen eine Vergewaltigung.
2. Das Mädchen (bzw heute die Frau) sagt auch heute noch (obwohl sie die Einstellung des Verfahrens will und ihm verziehen hat), dass sie sich ein bisschen gewehrt hat, aber eben nicht mehr, aus Angst vor dem Mann.
Das ist ebenfalls eine Vergewaltigung.
3. Ob das alles so stimmt, selbst wenn das die Gerichtsakten und die darin befindliche Aussage von Herrn Polanski so darstellen, sei mal dahingestellt: Sex mit einer 13jährigen ist auch in Deutschland Kindesmissbrauch! (Dabei spielt es übrigens auch in Deutschland keine Rolle, ob man weiß wie alt das Kind ist oder nicht!)
Swissmiss (02.10.2009, 22:21 Uhr)
Guter Artikel
Polanskis Flucht wird immer wieder mit den Worten gerechtfertigt, dass es keine Aussichten auf einen fairen Prozess gehabt hätte (auch im Artikel wird darauf hingewiesen). Das ist absoluter Blödsinn. In so einem Fall legt man einfach bei der nächst höheren Instanz Rekurs ein, basta!

Ansonsten: Endlich mal ein Artikel, der mit den Promi-Unterstützern von P. kritisch ins Gericht geht.
OttoB (02.10.2009, 19:58 Uhr)
was ich nicht verstehe
wieso man über einen Kinderschänder in der Spalte Kultur schreibt.
Es handelt sich hier um einen ernsten Kriminalfall!
Lou123 (02.10.2009, 16:41 Uhr)
@reimberto
Was willst du denn damit sagen? Ich würde mich auch als "Gutmensch" bezeichnen. Trotzdem, oder gerade deswegen, hab ich einen starken Hang zum Rechtsstaat. Vermutlich wäre der Schrei der "Schlechtmenschen" nach einem Strick noch lauter. Zum Glück gibt es aber Gesetze und daran können auch keine Prominenten etwas ändern.
butcher99 (02.10.2009, 16:27 Uhr)
ich kann
es nicht oft genug wiederholen, Kinderschänder bleibt Kinderschänder, ohne Ansehen der Person
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