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6. August 2008, 14:40 Uhr

Der Botschafter des Banalen

Genie oder Scharlatan? Andy Warhol, der prominenteste Vertreter der Pop-Art, wäre am 6. August 80 Jahre alt geworden. In den 60er Jahren stand der exzentrische Künstler im Zentrum des New Yorker Undergrounds. "art"- Autor Alfred Nemeczek erinnert sich an ein denkwürdiges Interview in der "Factory". Von Alfred Nemeczek

Der Künstler aus der Dose: Mit Trivialbildern aus der Waren-, Konsum- und Medienwelt wurde Warhol berühmt© AP

Dezember 1968. Bitter kalt war es in Manhattan, wo ja sonst um diese Jahreszeit noch niemand einen Mantel braucht. Weiß waberte Wasserdampf aus den vergitterten Abluftschächten der U-Bahn, vor den Kaufhäusern lärmten Firmen-Weihnachtsmänner mit ihren Handglocken, und an jeder Straßenecke roch es nach verkohlten Maronen. Ich saß im Taxi und näherte mich dem Höhepunkt der ersten New-York-Reise meines Lebens - einem Interview mit Andy Warhol, dem damals prominentesten und vielseitigsten Künstler der USA.

Abrunden sollte es eine schwierige Recherche für den "Spiegel", bei dem ich ein Jahr zuvor Redakteur geworden war: Für eine Titelgeschichte des Magazins durchsiebte ich den "Underground", ein diffuses Phänomen der alternativen Jugend- und Subkultur jener Vietnamkriegsjahre, das alle Länder der westlichen Welt erfasst hatte und das - im Bestreben, das so genannte Establishment aus seinem Wohlstandstrott zu bringen - durchaus erfolgreich, aber auch unübersichtlich war.

Der Pop-Rebell aus dem Underground

Warhol, Sohn eines aus der Tschechoslowakei nach Pittsburgh emigrierten Bergmanns, galt als eine Art Leuchtturm dieser Underground- Aktivitäten, zu denen in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts nicht nur sex- und drogenselige Hippie-Kommunen, maoistische Revoluzzer-Zirkel, Friedenskämpfer und Bürgerrechtler gezählt wurden, sondern auch alle Kunst-Avantgarden - Musik, Film, Literatur und Theater inbegriffen.

Bevor Warhol auf dieser Szene den Ton angab, hatte er in New York eine Blitzkarriere als Commercial Artist gemacht - als fürstlich honorierter Gebrauchsgrafiker, dessen verspielt-elegante Illustrationen, Buchumschläge, Zeitschriften-Cover, Anzeigen-, Plakat- und Schaufensterentwürfe ihm einen Branchenpreis nach dem anderen einbrachten.

Doch davon wusste ich seinerzeit wenig. Mich faszinierte Warhol vor allem als Maler, der mit Kollegen wie Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Jim Dine, Jasper Johns und James Rosenquist die Pop Art auf den Weg gebracht und mit gegenständlichen Trivialbildern aus der Waren-, Konsum- und Medienwelt sozusagen über Nacht die Vorherrschaft der Abstraktion gebrochen hatte. Warhol, von dem ich die ersten Originale 1964 in der Kasseler Galerie Ricke und 1967 auf dem ersten Kölner Kunstmarkt sah, war unter den Pop-Rebellen bei weitem der konsequenteste. Er hatte die individuelle Staffelei-Malerei des Abstrakten Expressionismus durch den unpersönlichen Siebdruck ersetzt. Banale Vorlagen wie Bilder von Suppendosen, Coca-Cola-Flaschen und Dollarnoten, Pressefotos von Verkehrsunfällen sowie Autogrammkarten von Elvis Presley, Elizabeth Taylor oder Marilyn Monroe monumentalisierte er auf Riesen-Leinwänden serienweise zu marktgängigen Ikonen des modernen Alltags. Der damalige Höchstpreis für ein Bild lag bei 60.000 Dollar - heutiger Auktionsrekord: 17,2 Millionen Dollar.

Die Kunst-Fabrik

Statt eines Ateliers unterhielt Warhol seit 1963 in der 47. Straße ein "Factory" (Fabrik) genanntes Open House. Das war mit Silberfolie tapeziert und hatte einen Job für jeden Streuner, der sich bei der Produktion der rund 2000 Warhol-Drucke nützlich machen wollte, die dort allein bis 1964 entstanden. Und Warhol wechselte, angeblich von der Malerei gelangweilt, schon bald von neuem das Metier, um mit einer 16-Millimeter- Kamera nur noch billige Underground-Filme zu kurbeln. Prompt mutierten dabei die Laien seiner chaotischen Zufallskommune zu "Superstars", deren Haschkonsum beim Improvisieren cineastischer Ready- Mades ohne Handlung, Ton, Regie und nachträglichen Schnitt der Drogengegner Warhol cool übersah.

"Chelsea Girls", das 195 Minuten lange spektakulärste Opus unter den bis dahin rund 60 Factory-Lichtspielen, hatte nur 5000 Dollar gekostet, aber 100.000 Dollar Gewinn gebracht und war sogar in Hamburg gelaufen. Warhols Superstars International Velvet, Ondine, Gerard Malanga, Marie Menken und andere mimen darin ohne Drehbuch sich selbst. Sie erzählten der Kamera ihr Leben, beichteten Sehnsüchte, auch Süchte, stutzten sich das überlange Haar und demonstrierten lesbische Liebe.

Doch in der kurz zuvor fertig gewordenen, mit Sex gesättigten Western-Parodie "Lonesome Cowboys", die ich tags zuvor in einem New Yorker Kino gesehen hatte, spielten die attraktiven Laien erstmals festgelegte Rollen. Nur ihre Dialoge erfanden sie noch selbst. Erste Konzessionen an das Kommerzkino à la Hollywood? Danach wollte ich Andy Warhol gleich fragen. Und natürlich nach dem Hintersinn von 27 provokanten pseudophilosophischen Sprüchen wie "Alles ist schön", "Ich mag langweilige Dinge" oder "In Zukunft wird jeder 15 Minuten lang weltberühmt sein". Sie standen als einzige Texte in einem 672 Seiten starken Katalog mit Werk- und Factory-Fotos, der im Frühjahr 1968 zur Warhol-Retrospektive des Stockholmer Moderna Museet erschienen war und heute bei Sammlern neben der Bibel steht.

Attentat auf Warhol

33 Union Square West. Pünktlich um 15 Uhr hielt das Taxi vor dem Union Building, in dem Warhol Anfang des Jahres seine Factory neu installiert hatte, weil das Gebäude der alten abgerissen wurde. Vereinbart hatte den Interview-Termin meine Kollegin Lil Picard, damals 68. Diese vor den Nazis aus Berlin geflohene deutsche Kritikerin, Kunstjournalistin, Kolumnistin und Performance-Künstlerin war die beste Kennerin der New Yorker Szene und begleitete mich als Scout zu Underground-Zeitungen, Discos und Künstlern. Sie kannte Warhol gut, machte aber zum ersten Mal Bekanntschaft mit der neuen Factory-Etage.

Und so waren wir beide verblüfft, als uns im sechsten Stock der Lift in ein kahles, stinknormales Büro entließ. Beherrscht wurde der große Raum von zwei drei Meter breiten Schreibtischen mit gläsernen Arbeitsplatten auf verspiegelten Containern, an denen sich Warhols engste Mitarbeiter Fred Hughes und Paul Morrissey gegenübersaßen. Andy war noch nicht im Haus. Hughes telefonierte, und Morissey bedauerte, dass er uns nicht in der Factory herumführen könne: "Security - you know". Vor einem halben Jahr, am 3. Juni 1968, waren in diesem Raum Pistolenschüsse gefallen. Zwei davon hatten Warhol lebensgefährlich verletzt. Die Attentäterin Valerie Solanas, eine militante Feministin, hatte sich dafür rächen wollen, dass ihr ein eingesandtes Drehbuch von der Factory weder zurück geschickt noch bezahlt worden war.

Gefunden in...

Gefunden in... der Onlineausgabe der Zeitschrift "art". Titelthema in der aktuellen Ausgabe: Abstraktion - Schön. Sonst nichts?

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KOMMENTARE (4 von 4)
 
tintones (06.08.2008, 20:57 Uhr)
Bravo Autor !
17.2 Mio Schnuersenkel !
Ich selber habe Warhol und die beautiful people in diesen Jahren erlebt. 65-76 NYNY Mein studio war um die Ecke ...
Maxes Kansas City war der Platz.
Falls der Autor noch irgendwelche Luecken:
>mischte mit Shows wie "Andy Warhol's Fifteen Minutes" das New Yorker Kabelfernsehen auf.<
das war Anton Perich, der da auf Kabel machte.
Ansonsten ... tja warum gehen sie denn da hin und fragen dumme fragen die dumme antworten hinterherschleppen. jedoch profund gekuckt. admirable.
MAR
Silbador (06.08.2008, 19:37 Uhr)
Liebe Vorkommentatoren
Ihr habt recht und gerade deshalb war er eben doch ein Künstler: Er beherrschte die Kunst, seine Pseudo-Kunst für teures Geld zu vermarkten.
chrgue (06.08.2008, 19:34 Uhr)
Sorry!
Aber Warhol ist ein überwewerteter Nichtsnutz, der von einem degeneriertem Kunstempfinden profitiert. Man vergleiche Künstler: Ein Michelangelo in der Relation zu zu Warhol, dem Büchsenmaler. Na ja...
Kalox (06.08.2008, 18:09 Uhr)
überbewertet
warhol ist total überbewertet - der mann hat kommerzkunst fabriziert und könnte sich heute wohl übergangslos unter hollywoodstars und gangsterrapper mischen die alles von parfums über klamotten
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